Crailsheim Familienpaten: Hilfe anzunehmen ist keine Schande

Anna-Lena Brix koordiniert in Crailsheim die Arbeit der Familienpaten.
Anna-Lena Brix koordiniert in Crailsheim die Arbeit der Familienpaten. © Foto: Birgit Trinkle
Crailsheim / Birgit Trinkle 28.08.2018
Anna-Lena Brix ist Wahl-Crailsheimerin, die hier unter dem Dach des Kinderschutzbundes das kostenlose Angebot der Familienpaten organisiert und betreut.

Es hat halt nicht jede Familie eine Omanine – so nannte die mittlerweile fast fünfjährige Johanna ihre Großmutter Sabine, und der Familienverband hat das übernommen. Ohne Omanine, sagt Anna-Lena Brix mit einem Dankeschön an ihre Schwiegermutter, bräuchte sie wohl selbst eine Familienpatin, um ihr Ehrenamt für Crailsheims Familien stemmen zu können. Die junge Mutter, die im Januar ihr drittes Kind erwartet, ist so froh über diese Unterstützung, und weil sie weiß, wie oft anderen diese Hilfe fehlt, koordiniert sie jetzt unter dem Dach des Kinderschutzbundes in der Ludwigstraße das kostenlose Angebot der Familienpaten.

Anna-Lena Brix, 1984 in Stuttgart geboren, wollte, seit sie denken kann, im sozialen Bereich arbeiten. Sie hatte immer mit Menschen zu tun und mit allen Stationen menschlichen Lebens –  vom Praktikum bei einer Hebamme bis hin zum Anerkennungsjahr im Kinderhospiz. Letzteres ist eine Aufgabe, sagt sie mit Blick auf ihre eigenen Kinder, die sie heute nicht mehr übernehmen könnte. Über Umwege kam sie sogar an ein Praktikum bei einem Bestatter, der ihr in seinem achtsamen Umgang mit Lebenden und Toten ebenfalls einige wichtige Eindrücke vermittelt hat. Sie studierte und arbeitete in einer Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Kinder in Siegen bei Köln. Später erfuhr sie in einem unter einem personellen Engpass leidenden Tabaluga-Haus, wie wichtig Kontinuität für die Kinder- und Jugendhilfe ist, und wie es sich anfühlt, an die eigenen Grenzen zu kommen.

Im Einsatz für Familien

Jetzt hat sie selbst eine Familie, mit der sie seit eineinhalb Jahren in Crailsheim wohnt. Weil sie als Sozialarbeiterin und Kunsttherapeutin die Qualifikation mitbringt, wurde sie gebeten, zur Unterstützung und Begleitung junger Familien das Angebot der Familienpaten zu koordinieren – ein Angebot, das irgendwo zwischen dem Babysitter für einen Kinobesuch und der Familienhilfe des Jugendamtes anzusiedeln ist.

Drei Frauen und ein Mann sind es derzeit, die für den Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten ein- bis zweimal pro Woche zwei, drei Stunden in einer Familie aushelfen; eine weitere Patin wird derzeit ausgebildet. Sie alle helfen, weil sie entweder selbst zu irgendeinem Zeitpunkt Hilfe benötigt hätten und wissen, wie sich Überforderung anfühlt, oder weil sie diese Hilfe erfahren haben und nun ihrerseits etwas weitergeben wollen. Familienpaten befinden sich in einer stabilen Lebenssituation und können Eltern in einer Belastungssituation mit praktischer und emotionaler Hilfe zur Seite stehen. Sie betreuen Kinder, begleiten Familien zu Terminen oder Institutionen oder sie hören einfach nur zu.

Gesellschaft im Wandel

Ich darf Hilfe in Anspruch nehmen, weil ich eine anspruchsvolle Aufgabe habe, nicht, weil ich’s alleine nicht auf die Reihe kriege. Ich muss mich nicht schämen, weil ich als Alleinerziehende, als Mutter mit mehreren kleinen Kindern oder einem behinderten Familienmitglied Zeit zum Luftholen brauche, weil ich noch jung bin, neu in der Stadt, unter einer Trennung leide oder aufgrund viel zu vieler Aufgaben einfach keine Kraft mehr habe. Diese Art, zu denken, steht für gesellschaftlichen Wandel und für eine Zeit, in der es nicht länger selbstverständlich ist, eine Großfamilie in der Nähe zu haben.

Professionelle Begleitung

Anna-Lena Brix kann und darf unter dem Dach des Kinderschutzbundes Familienpaten ausbilden; sie begleitet sie, buchstäblich, zumindest bis feststeht, dass Patin und Familie zueinanderpassen und bis der Rahmen der benötigten Unterstützung in einem Vertrag festgelegt ist. Beide Seite formulieren Ziele und Wünsche; auf keinen Fall soll ein Pate oder eine Patin der zu betreuenden Familie eigene Vorstellungen und Strukturen aufdrängen, ebenso wenig werden Paten für Arbeiten im Haushalt herangezogen. Im Prinzip gehe es vor allem darum, vorhandene Stärken und Ressourcen auszubauen, sagt Brix. Zudem organisiert sie regelmäßige Treffen sowie Vernetzungs- und Weiterbildungsangebote.

Info

Familienpaten helfen kostenlos und sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Familien, die sich Hilfe wünschen, sowie potenzielle Helferinnen und Helfer können sich unter familienpaten@gmx.de bei Anna-Lena Brix melden. Infos gibt es auch beim Kinderschutzbund oder unter www.netzwerk-familienpaten-bw.de

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