Auf der Geburtsurkunde des kleinen Theo ist als Geburtsort Kirchberg an der Jagst eingetragen. Doch ein Krankenhaus mit Entbindungsstation gibt es in Kirchberg nicht. Theo kam, wie schon sein älteres Schwesterchen, zu Hause zur Welt. „Für uns als Elternpaar ist es ein großes Geschenk, dass wir unser Kind fernab vom Krankenhaustumult willkommen heißen durften. Wir hoffen, dass auch in Zukunft noch viele Kinder die heimelige Ruhe und Geborgenheit als prägendes Ersterlebnis mit auf ihren Lebensweg nehmen dürfen“, meint Anne Herchenröder.

Die junge Mutter erzählt, dass sie zu keinem Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft Zweifel an der geplanten Hausgeburt hatte. „Eine Geburt ist ein natürlicher Vorgang, der auf natürlichem Weg gemeistert werden kann“, so die zweifache Mutter. Die Vorstellung, in ein Krankenhaus fahren zu müssen, um in ungewohnter Umgebung im Beisein unbekannter Menschen ihr Kind zur Welt zu bringen, empfand sie als beängstigend. „Dennoch ist die Klinikgeburtshilfe in Notfällen natürlich wichtig“, so Anne Herchenröder. „Ich bin aber überzeugt, dass durch die Ruhe und Ungestörtheit der eigenen vier Wände die Geburt so schnell und problemlos verlaufen konnte. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Ihr Dank gilt in erster Linie der Hebamme Martina Eirich aus Braunsbach, die Theos Geburt begleitete. Sie ist eine der wenigen Hebammen in der Region, die Hausgeburten anbietet. Seit 13 Jahren hat sich die 46-Jährige ganz auf Hausgeburten spezialisiert. Rund 70 Kindern hilft sie jedes Jahr dabei, in ihrem Elternhaus zur Welt zu kommen. Für Martina Eirich ist das mehr Berufung als Beruf. „Ich sehe meine Aufgabe darin, für die Menschen, die Schwangerschaft und Geburt als persönlichen Reifungsprozess über den medizinischen Check-up hinaus sehen, als Hebamme da zu sein“, erklärt die Braunsbacherin.

Die Kinder sind weniger gestresst

Eine individuelle Vorbereitung ist Voraussetzung für eine Hausgeburt. Durch intensive Gesprächstermine im Verlauf der Schwangerschaft kennt die Hebamme Wünsche und Ängste der Frau und kann darauf während der Geburt gezielt eingehen. „Zu Hause geben Rhythmus und Bedürfnisse von Mutter und Kind den Takt vor, niemand sonst. Es gibt mehr Ruhe und weniger äußere Einflüsse auf den Geburtsvorgang. Das ist der große Pluspunkt einer Hausgeburt“, sagt Ute Krippner, die in Bad Mergentheim eine Hebammenpraxis leitet. Ute Krippner arbeitet sowohl als Beleghebamme im Caritas-Krankenhaus als auch als Hausgeburtshebamme. Sie hat bereits 675 Hausgeburten begleitet. „Kinder, die zu Hause geboren werden, sind in den ersten Wochen viel weniger gestresst“, hat Ute Krippner festgestellt.

Wenn sich eine Frau für eine Hausgeburt entscheidet, macht sie sich klar, dass sie selbst das Kind gebären muss. „Die Hebamme kann nur Hilfestellung leisten“, erklärt Ute Krippner. Deshalb ist Vorbereitung so wichtig: Die Frau sollte über eine gute körperliche Verfassung verfügen, um den Geburtsvorgang aktiv mitzugestalten. „Alles wird genau durchdacht – auch der Plan B, wenn etwas nicht so läuft, wie es soll“, so Krippner.

Voraussetzung für eine Hausgeburt ist außerdem, dass Mutter und Kind gesund sind, die Schwangerschaft normal verläuft und keine Komplikationen zu erwarten sind. Risikofälle müssen von vornherein in einer Klinik entbinden. Treten während der Geburt Auffälligkeiten auf, werden Mutter und Kind ins nächste Krankenhaus mit Entbindungsstation verlegt. Das kommt jedoch nur selten vor. Hebamme Martina Eirich hat darüber eine eigene Statistik erstellt: Bei Erstgebärenden mussten fünf, bei Mehrgebärenden knapp zwei und als Neugeborenes eines von hundert Fällen das Haus in Richtung Klinik verlassen. Für den Ernstfall hat die Hausgeburtshebamme ein gutes Notfallmanagement. „Der Weg in die Klinik kann ein Risiko bei einer Hausgeburt sein“, so Eirich.

Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass Hausgeburten genauso sicher sind wie Klinikgeburten. Hebammen sehen durch diese Erhebungen ihre Arbeit bestätigt. Zumal – auch das ist wissenschaftlich belegt – die Untersuchungen belegen, dass Frauen außerhalb der Klinik weniger Schmerzmittel bekommen und bei ihnen seltener Riss- oder Schnittverletzungen des Damms auftreten.

Nur 1,7 Prozent aller Geburten in Deutschland sind Hausgeburten. Die Hausgeburtserlebnisse junger Familien sind jedoch überaus positiv. Wieso engagieren sich da nicht mehr Hebammen in der Hausgeburtshilfe? „Die Rahmenbedingungen sind einfach zu schlecht“, vermutet Ute Krippner. Manchen Frauen, vor allem wenn sie selber Familie haben, ist die Belastung zu groß: eine große Verantwortung, Dauerrufbereitschaft, Einschränkungen für die eigene Familie. Hinzu kommt eine schlechte Bezahlung gepaart mit einer enorm gestiegenen Haftpflichtversicherungsprämie (siehe Interview) – nicht gerade rosige Berufsaussichten. „Viele Menschen sind außerdem schlecht über Hausgeburten informiert“, sagt Martina Eirich. „Diese Unwissenheit erschwert unsere Arbeit teilweise beträchtlich.“

Einige Frauenärzte raten ihren Patientinnen grundsätzlich von einer Hausgeburt ab, so lautet auch die Empfehlung des Berufsverbands der Frauenärzte. „Das macht mich sprachlos. Zum Glück haben wir die Lobby der in der Regel äußerst zufriedenen Eltern, die sich sehr für uns einsetzen. Ich verstehe dennoch jede Kollegin, die kein so dickes Fell hat, um das tagtäglich auszuhalten“, so Martina Eirich.

<b>INTERVIEW: "Hebammen können sich ihren Beruf nicht mehr leisten"</b>