Crailsheim Halt in den Turbulenzen des Lebens

Anselm Grün während seines Vortrags in der Kirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit auf dem Sauerbrunnen.
Anselm Grün während seines Vortrags in der Kirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit auf dem Sauerbrunnen. © Foto: Ute Schäfer
Crailsheim / Ute Schäfer 22.06.2018
Heute in Nordhausen, gestern in Meißen: Pater Anselm Grün hält um die 200 Vorträge im Jahr. Jüngst sprach er in Crailsheim.

Ich will Sie in Berührung bringen mit der Weisheit in Ihnen“, sagt Pater Anselm Grün in der voll besetzten Kirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit. Denn im Innersten wüsste ja jeder Mensch, wie er leben könnte – er tue es nur nicht. Und so lautete der Titel des Vortrags: „Wie wir leben – wie wir leben könnten“.

„Ich bin allergisch gegen Ratgeberbücher“, sagt Pater Anselm Grün, Autor von etwa 300 religiös-spirituellen Büchern. Er wolle auch keine Ratschläge geben. Er wolle vielmehr Haltungen vermitteln. Denn diese, das Wort verrate es schon, geben Halt in den Turbulenzen des Lebens.

Zwölf wichtige Haltungen wollte der Benediktiner vorstellen. Elf sind es in seinem fast freien Vortrag dann geworden. „Doch es gibt unzählige Haltungen.“ Es lohne sich, über sie zu reflektieren, „damit sie sich im Leben stärken“. Wichtig sei zum Beispiel, bewusst durchs Leben zu gehen.

Vielleicht ist in diesem Sinne auch die erste Haltung eine der wichtigeren. Sie hieß: „Achtsam leben“. „Da gehört das ‚Aufwachen‘ oder ‚Wachsein‘ dazu.“ Schon die stoischen Philosophen hätten erkannt, dass sich der Mensch in einem Schlafzustand befinde, vom Alltag eingelullt. Erst das geistige Leben, die Mystik, lasse die Seele aufwachen, und erst dann sei man lebendig und zu einem achtsamen Sein fähig.

Jede dieser „Haltungen“ – man könnte sie vielleicht auch „Tugenden“ oder „Ziele“ nennen – beschrieb der Benediktinerpater zuerst geistlich-philosophisch. Danach verband er sie mit Lebenspraktischem. Mit dem morgendlichen Duschen zum Beispiel, das man mit der Reinigung von inneren Trübungen verknüpfen könne. Und das Zähneputzen könne für einen reinen Mund stehen. Aber auch für den Vorsatz, reine Worte zu sprechen.

Grün zitierte griechische und römische Philosophen, Ernst Bloch, immer wieder auch C. G. Jung, einen der Väter der Psychotherapie. Und so gab er vielleicht keine konkreten Ratschläge. Lebenshilfe aber doch – und das ist vielleicht das Geheimrezept, das Grün zu einem gefeierten Berater zum Beispiel auch von Managern macht. Auf seine Weise ist er damit vielleicht sogar Seelsorger im besten Sinne.

Wichtig sei zum Beispiel, ermutigte er seine Zuhörer, Wut zuzulassen und Verletzungen zuzugeben. Ohne dies sei kein vergebendes Leben (auch eine der Haltungen) möglich. „Sonst kommt das schlechte Gefühl irgendwann aus einer Ecke wieder heraus.“ Die seelischen Wunden, so der Benediktiner, müssten zu Perlen werden – wie die Wundmale Jesu, die in manchen Darstellungen sogar vergoldet seien. Christus sei am Kreuz hoffend, vergebend und hingebungsvoll gestorben – auch dies sind drei der Haltungen, die es im Leben zu stärken gilt. Allerdings: Man könne zweifeln – und glauben. Verzweifeln – und hoffen. „Es sind immer Gegensätze. Man muss sie umarmen. Das Kreuz ist immer auch ein Einheitssymbol.“

Eine Stunde lang redete der Pater und beschloss seinen Vortrag mit einem 1600 Jahre alten Gebet, in dem es um die Einheit ging, und um das Innerste jedes Einzelnen. „In diesem Raum der Stille bin ich daheim“, betete er, „da bin ich ganz und heil.“ Und er schloss: „Ich wünsche mir, dass Sie Lust haben, nach diesen Haltungen zu leben. Und ich bin noch hinten am Büchertisch.“

Doch er durfte noch nicht gleich gehen. Zuvor überreichte ihm der Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung Schwäbisch Hall ein Buch zum Crailsheimer Reformationsweg. „Ein ökumenisches Projekt“, erklärte Michael Gerstner, „damit sie Crailsheim in Erinnerung behalten.“ Dann verschwand Grün in Richtung Büchertisch, doch er erreichte ihn lange nicht. Menschen sprachen ihn an, suchten die direkte Begegnung. Denn auch deshalb waren sie ja gekommen.

Info Mit demselben Vortrag „Wie wir leben – wie wir leben könnten“ ist Pater Anselm Grün schon am 23. Juli wieder in der Gegend. Um 20 Uhr spricht er dann in Ilsfeld in der Bartholomäuskirche.

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