Gschwend/Burgstetten Gschwender Bauernbub macht Karriere

Gschwend/Burgstetten / KLAUS MICHAEL OSSWALD 02.08.2013
Der Gschwender Bauernbub hat es weit gebracht. Nicht mit den Ellbogen, sondern mit Fleiß und, lobt ein Weggefährte, "aus Liebe zu den Menschen". Heute wird Ex-Landtagspräsident Erich Schneider 80.

In dem kleinen Gschwender Teilort Horlachen, wo er vor vielen Jahren die Schulbank drückte, ist heute ein weithin bekanntes und beliebte Heimatmuseum eingerichtet. Dort hatte Ex-Landtagspräsident Erich Schneider vor wenigen Jahren während eines Besuchs über längst Vergangenes sinniert und vor interessiertem Publikum auch über seine Lausbubenjahre gesprochen.

Diese Zeit war geprägt von harter Arbeit, zumal der am 2. August 1933 zur Welt gekommene Bauernbub, der als Zweijähriger den Vater verloren hat, bald auf dem elterlichen Pritschenhof mitschaffen musste. Vor allem: Erich Schneider lernte schnell, Verantwortung in schwerer Zeit zu übernehmen.

Mit dem Fahrrad den "Kocherboten" ausgetragen

In der letzten Phase des Zweiten Weltkriegs lernte er die Grauen solchen Gemetzels kennen. Er musste etwa mitansehen, wie das benachbarte Kirchenkirnberg durch den Angriff amerikanischer Jagdbomber in Schutt und Asche gelegt wurde. Das hat ihn nicht wie viele andere junge Leute damals nachhaltig traumatisiert. Im Gegenteil: Der tiefgläubige Christ Erich Schneider hatte begriffen, dass sich Konflikte mit Diplomatie und Menschenliebe am besten lösen lassen.

Als Erich Schneider vor zehn Jahren seinen 70. Geburtstag feierte, schrieb der damals amtierende Landtagspräsident Peter Straub seinem Vor-Vorgänger einen treffenden Gedanken ins Stammbuch: "Du warst ein Gegenmodell zum Bestreben, sein politisches Glück zu finden, indem man Themen hektisch wechselt und nur die nächste Schlagzeile im Sinn hat". In der Tat: In Erich Schneiders zehnjähriger Amtszeit als Parlamentspräsident gab es zwar auch manch harten Schlagabtausch zwischen Regierungsbank und Opposition, aber die politische und die Streitkultur waren stärker denn je geprägt von gegenseitigem Respekt.

Erich Schneider hatte nach der mittleren Reife den Rat seines früheren Schulleiters beherzigt und die Laufbahn des gehobenen Verwaltungsdienstes eingeschlagen. Um sich über Wasser zu halten, fuhr er mit dem Fahrrad den "Kocherboten" aus. Prägende Ausbildungsstationen waren etwa die Rathäuser in Frickenhofen und Haubersbronn, später das Landratsamt in Waiblingen. 1956 wechselte der talentierte Verwaltungsbeamte als Stadtinspektor" mit 350 Mark Monatsgehalt ins Gaildorfer Rathaus.

Vier Jahre später, 1960, bewarb er sich um das Amt des Bürgermeisters der Gemeinde Burgstall - und wurde prompt gewählt. Nach der Fusion mit der Gemeinde Erbstetten wählte ihn die Bürgerschaft zum Rathauschef der neuen Gemeinde Burgstetten, wo er nach wie vor zu Hause ist.

Als Bürgermeister habe er die Kommune "zu Blüte und Ansehen gebracht und ein wohlbestelltes Haus hinterlassen", wie Rems-Murr-Landrats Johannes Fuchs die Verdienste Schneiders vor fünf Jahren anlässlich des 75. Geburtstags von Erich Schneider auf den Punkt brachte. Von 1971 bis 1989 war er Kreisrat in Backnang, nach der Kreisreform in Waiblingen.

Ein überzeugter Europäer und Hoffnungsträger

Bereits 1968 war Schneider für die CDU in den Landtag gewählt worden und nahm damit eine enorme Doppelbelastung auf sich, Erst 1979 verzichtete er auf eine weitere Kandidatur als Schultes, um sich, wie er sagte, ganz auf die verantwortungsvolle Arbeit im baden-württembergischen Landtag zu konzentrieren. Nach dem Abschied vom Rathaus widmete Erich Schneider seine Kraft der CDU-Landtagsfraktion, unter anderem als deren parlamentarischer Geschäftsführer. Im Oktober 1982 wählte ihn der Landtag zu seinem Präsidenten.

In dieser Zeit hat Erich Schneider nie die kommunalpolitische Basis aus den Augen verloren. Als Abgeordneter habe er sich "insbesondere für den Ausbau der gemeindlichen Selbstverwaltung eingesetzt und kritisch darauf geachtet, dass die kommunale Handlungsfähigkeit durch eine angemessene Finanzausstattung sichergestellt wird", bilanzierte Landrat Johannes Fuchs einmal das Engagement des über die Fraktionsgrenzen hinweg geachteten Politikers.

Als überzeugter Europäer und Streiter für ein "Europa der Regionen" engagierte sich Erich Schneider ab 1985 in der Versammlung der Regionen Europas als deren Vizepräsident. Mit dem klaren Ziel vor Augen: Die Regionen müssen - zum Wohl aller Beteiligten - noch enger und stärker zusammenarbeiten.

Bereits nach dem Krieg war ihm die christliche Jugendarbeit ans Herz gewachsen. Nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik im Jahr 1992 stellte er seine Schaffenskraft als Präsident dem Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland zur Verfügung, das etwa 100 000 junge Menschen ausbildet und betreut. Nicht zuletzt dieses Engagements wegen kürte ihn der Altpietistische Gemeinschaftsverband Württemberg zum "Hoffnungsträger" des Jahres 2008.

Bereits 1992 hatte Erich Schneider für besondere Verdienste das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband verliehen bekommen. Damit wurde nicht zuletzt auch sein Engagement in weiteren ehrenamtlichen Gremien und Vereinen gewürdigt. So war Erich Schneider von 1979 bis 1983 Mitglied im Rundfunkrat des damaligen Süddeutschen Rundfunks, im Stiftungsrat des AMSEL-Förderkreises für an Multipler Sklerose erkrankte Menschen und im Vorstand des Landesverbands der Gartenfreunde - nicht um sich zu profilieren, sondern, wie ihm frühere Weggefährten gerne attestieren, aus ehrlicher Nächstenliebe.

Erich Schneiders früherer Büroleiter Karl A. Lamers erinnert sich
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