Nebel liegt über dem Speltachtal an diesem Morgen im August, er hüllt die Landschaft in einen Schleiher. Je näher man dem Gründischen Brunnen kommt, desto mehr lassen sich drei Gestalten ausmachen, die auf einer Bank davor Platz genommen haben. Es sind Edith Lehnert (86) sowie Hedwig (83) und Karl Knödler (86) aus Stetten. Sie sind gekommen, um etwas zur Geschichte des Brunnens beizutragen. Zuvorderst legen sie Wert darauf, dass das Naturdenkmal zur Gemarkung Stetten gehört und nicht zu Gründelhardt. "Damit wir auch was haben", sagt Karl Knödler und lacht. Überhaupt wird viel gelacht in dieser einen Stunde.

Lehnert hat etwas mitgebracht, das "Heimatbuch für das Oberamt Crailsheim" von 1928, Herausgeber Rektor Johann Schumm. "Das hat meine Schwester von ihrem Lehrer gekriegt", sagt sie. Es sei zwar "ein wenig zerfleddert, aber ich lese da gerne drin". Auf den Seiten 613 und 614 findet sich die "Sage vom Gründischen Brunnen". Dort heißt es: "Wenn am Mittag die Sonne hoch über dem Speltachgrunde steht, leuchten ihre Strahlen hinunter in die Tiefe des Brunnens. Im klaren Wasser spiegelt sich alsdann das Blau des Himmels, und die weißen Gipswände des Brunnenrandes schimmern zwischen den grünen Algen in wundersamem Licht." Wer ganz viel Glück hat, dem "leuchtet es dann vom Grund herauf entgegen wie Gold und Edelsteine".

Angeblich sei "noch niemals eines Menschen Auge auf seinen Grund gedrungen", was man sich irgendwie kaum vorstellen kann. Eine Vermessung im Juli 2006 ergab einen Durchmesser von zehn Metern, aber lediglich eine Tiefe von 3,50 Metern. Der Name "gründisch" bedeutet dem Vernehmen nach so viel wie unendlich tief, unergründlich, grundlos oder bodenlos. Als "bodenloses Loch" bezeichnet der Volksmund eine mit Wasser oder Moor ausgefüllte Senke in Karstgebieten. Der Gründische Brunnen, muss man dazu wissen, ist eine Quelle im Gipskeuperkarst, eine sagenhafte noch dazu.

Was man sich gut vorstellen kann: "dass nichts in seine unterste Tiefe fallen könne, (. . .) und wäre es noch so schwer". Dies hat mit der Ausschüttung von bis zu 30 Litern pro Sekunde zu tun. Der Sage nach soll einmal "ein Müllersknecht mit samt seinem Fuhrwerk" in den Brunnen geraten sein. Die Quelle habe dessen Leichnam wieder an die Oberfläche getragen. "Die steigenden Wirbel" ließen selbst einen Lebensmüden im kalten Januar 1880 nicht hinabkommen, obwohl er sich mit einem großen Stein beschwert hatte. Ferner sollen "in den Tiefen" Meerfräulein hausen. Früher taten diese den Menschen viel Gutes und sagten ihnen die Zukunft voraus. Auf dem Weg zurück in ihr unterirdisches Zuhause sollen die Meerfräulein sich einmal verspätet haben, und zur Strafe durften sie nicht mehr zu den Menschen an die Erdoberfläche kommen.

Vielleicht liegt es an Geschichten wie diesen, dass Lehnert und den Knödlers der Brunnen in ihrer Kindheit nicht ganz geheuer war. Die Eltern hatten ihnen jedenfalls eingetrichtert, Abstand zu halten. Damals gab es noch keinen Zaun. Es sei ihnen auch verboten worden, das Wasser aus dem Brunnen zu trinken. Kartoffeln, die damit gegossen wurden, hätten sich seltsam verfärbt - so hat man es ihnen erzählt. Die Wasserentnahme war wohl nur der Feuerwehr während des trockenen Sommers 1976 vorbehalten. Eine weitere Ausnahme gab es, wenn man so will, beim Schlachten: Der Brunnen mit seinen einstelligen Wassertemperaturen eignete sich prima, um die Konserven zu kühlen.

Heute kühlt man darin keine Konserven mehr, sondern lieber seine Füße. Denn seit diesem Jahr schließt sich direkt nach dem Abfluss des Brunnens ein Kneippbecken an - die Attraktion in der Gemeinde Frankenhardt während des heißen Sommers. Karl Knödler findet, dass das Becken "den Brunnen ein bisschen aufgewertet" habe. Kneippen waren sie noch nicht. Seine Frau findet vor allem "das Bänkle hinten wunderbar, da kann man in den Trichter gucken". Dass der Gründische Brunnen ein besonderer Ort, "ein Kraftort", ist, findet auch Roland Silzle. Als er noch Pfarrer in Gründelhardt war, hielt er dort mehrere Gottesdienste ab. Und getauft wurde auch. Ob sie dabei Wasser aus dem Brunnen verwendeten, daran kann sich Silzle nicht mehr erinnern.

Zudem kommt es schon mal vor, dass der Brunnen seinen Ort wechselt. Der Sage nach soll dies vor 1927 dreimal der Fall gewesen sein. Der ursprünglich sieben Meter tiefe Brunnen soll im Herbst 1927 der Bachkorrektur und Feldbereinigung im Speltachtal "zum Opfer gefallen" sein. Ein neuer Quelltopf brach woanders auf, der alte wurde zugeschüttet. Manchmal sind es auch nur Löcher, die irgendwo entstehen. Aus diesem Grund nennen sie die Wiese in der Nähe des Brunnens auch Lochwiese. Den heutigen Quelltopf gibt es seit 1973. Wenn man es genau nimmt, dann handelt es sich dabei um den neuen Gründischen Brunnen.