Zirkusschule Große und kleine Hürden überwinden

Kreßberg / Birgit Trinkle 30.08.2017
Wie ein Schnuppernachmittag auf dem Tempelhof bei Kreßberg Einblick gibt in eine andere Art zu leben – auf dass jedes Kind seine Talente und Begabungen findet.

Auf einem Ball balancieren? Am Trapez turnen? Auch noch vor Publikum? Ein guter Weg, sich dem Thema Zirkus zu nähern, ist wie immer das eigene Erleben. Zunächst muss ein Ziel her. Als Vorbereitung aufs Trapez nach tagelanger Plackerei den ersten Klimmzug des Lebens zu stemmen, sich in Anlehnung an alte Turnertage in den Spagat zu drücken oder auch nur jeweils eine Minute in der Standwaage auszuharren, ohne gegen die nächste Wand zu taumeln: Wer sich so ein Erfolgserlebnis erarbeitet, kann stolz sein.

Dann lässt sich auch leichter nachvollziehen, was es für Ale­xandra Schwarzer bedeutet hat, wieder aufzutreten, nachdem sie mit einer Borreliose-Erkrankung lange Zeit davon ausgehen musste, nie wieder tanzen zu können.

Zehn Jahre hat sie mit ihrer Familie in Genf gelebt und dort zunehmend fasziniert an der dortigen Waldorfschule einen Kinder- und Jugendzirkus erlebt.

Zirkus ist so viel mehr als Sägemehl und beißender Raubtiergeruch; es müssen auch nicht die großen Namen wie Roncalli, Krone oder Charles Knie sein, noch nicht mal ein kleiner Weihnachtszirkus. Nicht wenn es um eine aktive Rolle geht, darum, selbst in der Manege zu stehen, Teil eines bunten Panoptikums aus Akrobatik, Kraftsport und Clowns zu werden, Zirkusdirektor und Musik immer inbegriffen. Die Freude daran, etwas Besonderes zeigen zu können und mit Applaus belohnt zu werden, ist so alt wie die Menschheit.

Der Weg zum Tempelhof

Schwarzer erklärt ihre Faszination mit der „Verbindung des Künstlerisch-Kreativen mit Körperlichkeit“. Sie hat als Mädchen Ballettstunden genommen, Tänze einstudiert und auf der Bühne aufgeführt. „Herzensursprung“ nennt sie das heute. Später wurde sie Sozial- und Bewegungspädagogin, nutzte beruflich andere Möglichkeiten – die der Natur und des Waldes –, Kindern zur Bewegung zu verhelfen.

Als sich die Familie dann für „andere Formen des Zusammenlebens“ interessierte und nach Deutschland zurückwollte, war es fast ein bisschen Fügung, dass sie eine Dokumentation über die Tempelhofgemeinschaft sah, die längst ihr Zuhause geworden ist. Damals sah sie ein Kind auf einer Schaukel in der Tempelhofhalle und wusste: „Wenn ich da hinzieh’, mach ich was mit Kindern. In dieser Turnhalle.“

Mit ihrem Mann Stefan und den Kindern, damals fünf und sieben Jahre alt, zog sie vor fünf Jahren in die Gemeinschaft, in der rund 100 Erwachsene und 50 Kinder zusammenleben: „Mich hat es gereizt, Gleichgesinnte zu finden, mich meinen drängenden Fragen stellen – wie lebe ich, was will ich machen aus meinem Leben.“ Vor allem hat es sie gereizt, Kindern verschiedene Lebensmodelle und Vorbilder präsentieren zu können. „Wir alle hier ticken anders, haben andere Biografien und Schwerpunkte. Jeder erzieht und begleitet Kinder ganz anders, und aus dieser Vielfalt kann ein Kind sich aussuchen, was und wie es werden will.“ Die Erkenntnis, dass es andere Wege gibt, biete so viel größeres Potenzial als ein abgeschottetes Leben, sei freilich auch nicht immer einfach, „und schon gar nicht bequem“.

Eine Zirkusschule entsteht

Was das alles mit Zirkus zu tun hat? Aus diesen Gedanken, dieser Grundhaltung heraus startete im Januar 2014 die Tempelhof-Zirkusschule Halli Galli für Tempelhofkinder und Kinder aus der Region. Träger dieser Schule ist der Verein Schloss Tempelhof. Neben Alexandra Schwarzer macht Ingrid Sikora mit, der ehrenamtliche Renter Dieter Wörner sowie Jens Fissenewert, ausgebildeter Zirkuspädagoge. Einmal im Jahr gibt es eine Woche Zirkusfamilien-Urlaub, mit dem Alt und Jung auf die Bühne gebracht werden. Und immer vor der Abschlussaufführung wird einen Nachmittag lang Zirkus-Ferienprogramm für interessierte Kinder aus Hohenlohe angeboten.

Viele Gastkinder erfahren zum ersten Mal den Reiz der (Turnhallen-)Manege und die Aufgabe, herauszufinden, was zu ihnen passt – Luft- und Bodenakrobatik mit und ohne Partner, Gleichgewichtsnummern oder Jonglage. Andere Kinder waren bereits im vergangenen Jahr da, haben seither fleißig trainiert und sich an den „Großen“ der Zirkusschule orientiert.

„Träume werden verwirklicht in unserem Zirkus der Träume“, sagt Schwarzer. Von schwerer Krankheit genesen stand sie bei der Abschlussvorstellung der Zirkuswoche als Clown auf der Bühne. Und als Tänzerin.