Crailsheim Nach Amokalarm: Erleichterung in Crailsheim

Crailsheim / Andreas Harthan 21.03.2018
Nach dem Polizeieinsatz am Montag im Crailsheimer Schulzentrum blieben gestern einige Kinder zuhause. Während des Einsatzes mussten drei Schüler unter Polizeischutz evakuiert werden.

Nicht nur Ulrich Kern, dem Rektor der Realschule am Karlsberg, steckt der Montag in den Knochen. Er war vom Amok­alarm an der Gewerblichen Schule gleich dreifach betroffen: als Leiter einer Schule in unmittelbarer Nachbarschaft zu der Schule, die den Alarm ausgelöst hatte, als geschäftsführender Schulleiter in Crailsheim – und als Vater. Ein Sohn besucht das Technische Gymnasium im Berufsschulzentrum, der andere das Albert-­Schweitzer-Gymnasium. Die beiden mussten, wie Tausende andere Kinder und Jugendliche auch, stundenlang in ihren Schulen verharren.

Viele Schulen betroffen

Am Montag war ja nicht nur das Berufsschulzentrum betroffen, sondern auch benachbarte Schulen wie Realschule am Karlsberg und Albert-Schweitzer-Gymnasium. Selbst weiter entfernte Schulen wie etwa die Eichendorffschule reagierten auf den Alarm – es wurden die Eingangstüren abgeschlossen. Nachdem der Alarm am Montag gegen 13 Uhr aufgehoben worden war, herrschte große Erleichterung in der Stadt. Aber das Erlebte wirkt bei allen Betroffenen nach – bei Lehrern, Eltern und vor allem Schülern. Einige Kinder kamen gestern nicht zum Unterricht, berichtet der geschäftsführende Schulleiter Kern auf Anfrage. Er hat sich über den Besuch von Oberbürgermeister Dr. Christoph Grimmer gefreut, der sich nach Aufhebung des Alarms vor Ort ein Bild von der Lage machte. Kern selbst war am Abend an seiner Schule bei Elternabenden dabei.

Er traf teilweise sehr aufgewühlte Eltern an. Gestern wurde – nicht nur an der Realschule am Karlsberg – Schülern Gelegenheit gegeben, über das Erlebte zu sprechen. „Es war ein großes Bedürfnis nach Nähe spürbar“, so Kern. Wie kritisch die Situation am Montag zeitweise war, belegt der Umstand, dass während der Durchsuchung der Gewerblichen Schule drei Schüler aus dem Gebäude geholt werden mussten. Einer hatte sich den Fuß gebrochen, die beiden anderen hatten ebenfalls gesundheitliche Probleme. Unter dem Schutz schwerbewaffneter Polizisten wagten sich Notarzt und Rettungssanitäter ins Gebäude und holten die drei Jugendlichen raus.

Die Eltern, die am Montagvormittag nach und nach am Schulzentrum eingetroffen waren, wurden im städtischen Jugendcafé in der Karlsberghalle von Mitgliedern des Kriseninterventionsteams (KIT) betreut. KIT ist ein Zusammenschluss von Kirchen und Hilfsorganisationen im Landkreis. Immer zwei Mitglieder des Teams haben Bereitschaftsdienst, bei großen Ereignissen wie vorgestern werden weitere speziell ausgebildete Männer und Frauen hinzugezogen. Als sich am Montagmittag ein Polizist im Café auf einen Tisch stellte und das Ende des Alarms verkündete, „war die Erleichterung riesengroß“, berichtet einer, der dabei war.

Jeder im Raum wusste, dass es auch anders hätte kommen können. Dieses Bewusstsein ist spätestens seit 2009, als ein Jugendlicher an einer Schule in Winnenden Amok lief, bei allen Eltern vorhanden. Und wer aus dem Café einen Blick durchs Fenster hinaus auf den Volksfestplatz warf, wusste, dass sich die Einsatzkräfte auf das Schlimmste vorbereiteten. Dort standen nicht nur drei Hubschrauber der Polizei, die Mitglieder des in Göppingen stationierten Spezialeinsatzkommandos (SEK) nach Crailsheim geflogen hatten, sondern war auch der ADAC-Rettungshubschrauber aus Dinkelsbühl gelandet. Mehrere Notärzte waren vor Ort, das Rote Kreuz darauf vorbereitet, in der Hakro-Arena eine Art Lazarett aufzubauen. Alle Krankenhäuser in der ganzen Region waren in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt worden, in Heilbronn standen mehrere Rettungsdienstfahrzeuge an der Autobahn bereit, um die in Crailsheim bereits aus dem ganzen Umland zusammengezogenen Kräfte zu unterstützen, falls das erforderlich gewesen wäre.

War es zum Glück nicht. Was genau im Umfeld der Gewerblichen Schule am Montagmorgen geschah, ist noch unklar. „Die Ermittlungen der Kriminalpolizei dauern an“, teilte das Polizeipräsidium Aalen gestern mit. In Crailsheim geht man nicht zur Tagesordnung über. Geschäftsführender Schulleiter Kern kündigte an, dass er das Geschehen sowohl in der Schulleiter-Runde als auch mit der Polizei besprechen möchte. So groß die Erleichterung in der Stadt ist, dass aus dem Amok­alarm kein Ernstfall geworden ist, so genau wissen doch alle am Einsatz Beteiligten und von ihm Betroffene, dass es jederzeit ernst werden kann.

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