LOB Glücksfall fürs ASG und für Crailsheim

Crailsheim / Hermann Bachmaier 03.12.2016
Würdigung: In der Festschrift anlässlich des 60-jährigen Namensjubiläums des Crailsheimer Albert-Schweitzer-Gymnasiums hebt der ehemalige Schüler und spätere Bundestagsabgeordnete Hermann Bachmaier die Bedeutung des Schulleiters Dr. Fritzmartin Ascher hervor.

Wir dummen, geschichtsvergessenen Jungs“ – so kommentierte der ehemalige ASG-Schüler Dr. Dietrich Krauß einen Streich, den er und Kumpels in den 1980er-Jahren angestellt hatten. Damals machten sie aus dem Ascher-Weg einen Hascher-Weg. Heute schämt sich der Fernsehjournalist dafür und entschuldigte sich kürzlich auf der Gala anlässlich des 60-jährigen Namensjubiläums des Gymnasiums beim damaligen Schulleiter Dr. Otto Burkhardt. Krauß sagte aber auch: „Man hat uns bis Klasse 12 nicht gesagt, was für eine historisch beeindruckende Person wir verhunzt hatten.“ Jedes Mal, wenn er an dem Straßenschuld vorbeigehe, schäme er sich für den Dummen-Jungen-Streich von damals, beichtete Krauß auf der Gala. Bis heute hat er regelmäßig Anlass zum Schämen, denn sein Elternhaus steht ganz in der Nähe der Schule. Während Krauß berichtete, dass er das ASG gar nicht verlassen wollte, weil Schule für ihn „viel mehr war als Unterricht“, schreibt ein anderer ASG-Schüler in der Festschrift, dass er sich an der Schule ursprünglich gar nicht wohlfühlte und sie schnellstmöglich verlassen wollte. Doch auch Hermann Bachmaier machte am ASG sein Abitur und beschreibt in einem in der Festschrift veröffentlichten Essay Leben und Wirken von Ascher. Der jüdische Gelehrte, der erster Rektor des ASG war, hat ihn sehr beeindruckt. Nachfolgend veröffentlicht das HT den Text von Bachmaier im Wortlaut. ah

Dr. Fritzmartin Ascher (1895–1975) wurde am 1. Juli 1948 zum Leiter der Crailsheimer Oberschule berufen. Der Sohn einer Mannheimer Apothekerfamilie hat nach dem Abitur und dem Kriegsdienst als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg Mathematik und Naturwissenschaften studiert und an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen­ Fakultät der Universität Heidelberg promoviert. Nach der Ablegung der entsprechenden Staatsprüfungen hat er die Lehrbefähigung für das höhere Lehramt im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich in Baden erworben. Von 1922 an stand Ascher im badischen Schuldienst und durfte seit dem Jahre 1927 den Titel eines Professors führen.

Von Ende 1935 an hat ihn, wie er sich selbst zurückhaltend ausdrückt, „das Leben erneut in eine harte Schule genommen“. Als Jude wurde er aufgrund der Nürnberger Gesetze zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Zunächst konnte er noch für drei Jahre an einer privaten Danziger Oberschule für jüdische Schüler unterrichten. Danach war er vor und während des Krieges als landwirtschaftlicher Tagelöhner, als Hilfsdreher und Haushaltshilfskraft und seit 1942 auf Befehl der Gestapo als Straßenkehrer, Totengräber und Milchfuhrmann in Mühl­acker beschäftigt. Dass Ascher, der 1938 zum Christentum übergetreten war, dem Tod in einem Vernichtungslager entging, war wohl der Tatsache zu verdanken, dass seine Ehefrau Schweizer Staatsbürgerin war.

Mann mit Charisma

Nach dem Krieg war Ascher kurzzeitig Bürgermeister in Mühlacker und Landrat in Waiblingen, bevor er 1948 zum Schulleiter der damaligen Oberschule in Crailsheim berufen worden ist. Auf sein Betreiben hin wurde dem aus der Oberschule hervorgegangenen Gymnasium nach einem einstimmigen Beschluss des Crailsheimer Gemeinderates und der Zustimmung durch den Namensgeber im Jahre 1954 der Name Albert-Schweitzer-Gymnasium verliehen.

Dr. Ascher, allseits anerkannter charismatischer Schulleiter, der auch äußerst aktiver Dozent der Volkshochschule war, wurde über Jahre hinaus mit zum Teil hohen Wahlergebnissen in den Crailsheimer Gemeinderat und den damaligen Kreistag sowie in den Kirchengemeinderat gewählt. Bis zu seiner Versetzung in den Ruhestand im Jahre 1962 hatte der Oberstudiendirektor die Schulleitung des Albert-Schweitzer-Gymnasiums inne. Der Schule, seinem Gymnasium, blieb er auch danach noch engstens verbunden, was sich auch darin zeigt, dass er anlässlich des Todes von Albert Schweitzer im September 1965 im Rahmen einer Gedenkstunde im Gymnasium die Rede auf den großen Toten hielt. Dr. Ascher war es auch, der einen ganz entscheidenden Einfluss darauf hatte, dass das ASG im Januar 1956 aus seiner behelfsmäßigen Unterbringung im Umfeld des Volksfestplatzes in ein für damalige Verhältnisse modernes neues Schulhaus am Schwanensee umziehen konnte. Das unter erheblichen finanziellen Anstrengungen durch die Stadt und mit Unterstützung des Landes  errichtete neue Schulgebäude ist seitdem mehrfach erweitert und durch neue Bauten ergänzt worden.

Der erste Jude

Dr. Fritzmartin Ascher war der erste Jude, dem ich persönlich begegnet bin. Zwar wurde in meinem Elternhaus nach der Rückkehr meines Vaters aus dem Krieg häufig über „die Juden“ und vor allem die Judenverfolgung in dem erst kurz zuvor zu Ende gegangenen „Dritten Reich“ gesprochen. Meinem Vater, der Mitglied der Nazipartei und Angehöriger der SA gewesen ist, wurde im Rahmen des anstehenden Entnazifizierungsverfahrens vorgeworfen, an der Zerstörung der Synagoge in Crailsheim und anderen Aktionen gegen Juden im „Dritten Reich“ beteiligt gewesen zu sein. Diese Anschuldigungen haben sich nicht bewahrheitet, sodass mein Vater im Spruchkammerverfahren lediglich als „Mitläufer“ eingestuft wurde.

ln den vielen Gesprächen, die ich als gerade einmal zehnjähriger Junge zu Hause mitangehört habe, hat sich mein Vater trotz seiner NSDAP-Mitgliedschaft verbal immer heftig von der Judenverfolgung und Judenvernichtung im Dritten Reich distanziert. Dennoch habe ich es schon als Jugendlicher immer als bedrückend empfunden, dass auch mein Vater Teil dieses menschenverachtenden Systems gewesen ist.

Obwohl ich mich mit meinem Besuch der damaligen Oberschule zunächst sehr schwer tat und schleunigst durch Eintritt in eine praktische Berufsausbildung diese mir zunächst fremde schulische Einrichtung wieder verlassen wollte, habe ich schon als junger Schüler tiefen Respekt und große Zuneigung zu diesem freundlichen und äußerst liebenswerten Menschen, dem jegliches autoritäre Gehabe und jedweder Befehlston fremd waren, an der Spitze unserer Schule empfunden. Dr. Ascher war schon in Zeiten, als die Schule schlecht und recht neben der früheren Gewerbeschule, dem heutigen Jugendzentrum, im „Schweinestall“ am gegenüberliegenden Rand des Volksfestplatzes und in unseren von uns Schülern durchaus geliebten zwei Baracken untergebracht war, derjenige, der eine ständig wachsende Schülerzahl und ein ebenso wachsendes recht heterogenes Lehrerkollegium zusammenhielt und mit seinen Vorstellungen einer menschlich geprägten Schule beseelte.

Wenn man heute den Beitrag Aschers in der anlässlich des Schulhausneubaus 1956 herausgegebenen Festschrift liest, in dem er seine Gedanken über eine zeitgemäße Zusammensetzung der Schüler in dem sich entwickelnden Gymnasiums darlegt, findet man fast alle die Probleme wieder, mit denen sich eine moderne Schule auch heute auseinanderzusetzen hat. Vor allem die sozial ausgewogene Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler war für Ascher schon damals ein zentrales Anliegen. Mir ist das ASG, dessen Vorgängerschule ich so fremd gegenüberstand, dank der inspirierenden Kraft prägender Lehrerinnen und Lehrer und einer am Geiste Albert Schweitzers orientierten Schulleitung eines Dr. Ascher, der kurz zuvor mit aller Kraft diese Namensgebung der Schule durchgesetzt hatte, buchstäblich zur zweiten Heimat geworden. Es war ja nicht selbstverständlich, dass die ehemalige Oberschule sich durch diese Namensgebung dem Geiste und den damals wie heute so herausfordernden Zielen des großen, aber nicht unumstrittenen Kulturphilosophen und Friedensfreundes Albert Schweitzer verpflichtet hat, der damals hartnäckig seinen Kampf gegen die Atomrüstung und die höchst umstrittenen Atomversuche geführt hat.

Einem noch immer wachsenden und im Auf- und Ausbau begriffenen Gymnasium den Namen eines so hoch verehrten, aber auch umstrittenen Mannes zu verleihen und diese Namensgebung mit Leben zu erfüllen, war eine bis in Gegenwart und Zukunft fortwirkende äußerst mutige Tat. Wir jungen Schüler waren natürlich begeistert davon, dass dieser Mann, von dem wir gelernt haben, was Ehrfurcht vor dem Leben im praktischen Alltag bis hin zu unserem Umgang mit den „Mitgeschöpfen“ bedeutet und der uns in seinem Urwaldkrankenhaus in Lambarene dieses Bekenntnis vorlebte, der Namenspatron unserer Schule geworden ist. Ein Namensgeber, der nicht nur eine historische oder wissenschaftliche Größe vergangener Zeiten war, sondern ein Mensch, der nach wie vor unter uns lebte und in den verwirrenden Zeiten nach der menschenverachtenden Naziherrschaft und den heraufziehenden Gefahren eines möglichen Atomkrieges für uns nach Orientierung suchenden jungen Menschen natürlich ein leuchtendes Vorbild für ein besseres Leben sein konnte.

Sein Ziel: Versöhnung

Dr. Ascher, der als ein von den Nazis verfolgter Jude von seinen deutschen Landsleuten gedemütigt und immer auch mit dem Tode bedroht war, hat es sich zur Aufgabe gemacht, seinen Schülern eine bessere Welt zu vermitteln. Nicht Hass und Vergeltung waren nach Zeiten schweren Leides sein Lebensmotto, sondern Zuwendung, Liebe und Versöhnung. Um diese Ziele zu erreichen, war natürlich kein Namensgeber für  diese Schule besser geeignet als eine so beispielgebende Person wie Albert Schweitzer, der im Übrigen diesem Vorhaben mit großer Freude zugestimmt hat. Diesen Geist uns Schülern zu vermitteln und der Schule mit auf den Weg zu geben, hat Ascher beflügelt und seine nachhaltige Wirkung auf uns Schüler sowie die noch aus den Nachkriegswirren hervorgegangene, recht heterogen zusammengesetzte Lehrerschaft nicht verfehlt.

Dr. Ascher, der erste Rektor des ASG, hat in der Verfolgung dieses Zieles seine, über die Schule hinausreichende Lebensaufgabe gesehen – auch als er nach seinem Eintritt in den Ruhestand noch vielfältige öffentliche Aufgaben, wie zum Beispiel als hoch geachteter Gemeinde­rat mit großer Leidenschaft wahrgenommen hat. Die Jahre des Schulleiters Dr. Ascher von 1948 bis 1962 haben das ASG geprägt und wirken bis heute in vielfältiger Weise fort.

Dabei war es nicht selbstverständlich, dass der aus Mannheim stammende Apothekersohn nach den Wirren der Naziherrschaft und des Krieges in Crailsheim sesshaft geworden ist. ln den Anfangsjahren ist die Familie Ascher in Crailsheim nur langsam heimisch geworden. ln den mir zur Verfügung gestellten Unterlagen gibt es Anzeichen dafür, dass der später so leidenschaftlich bekennende Crailsheimer Zweifel hatte, ob er und seine Familie hier auf Dauer bleiben und heimisch werden können. Damals hat die Familie Ascher darüber nachgedacht, ob nicht nach den Jahren der Verfolgung ein Leben in einer Großstadt, etwa in Stuttgart, ein sicherer und besserer Ort wäre, um all die entsetzlichen Erlebnisse der Vergangenheit hinter sich zu lassen. Statt diesen Gedanken weiterzuverfolgen, hat sich Ascher dann aber mit Haut und Haaren seiner Aufgabe als Schulleiter des ASG und auch den Aufgaben und Ämtern verschrieben, die ihn und sein Wirken für Crailsheim bis heute unvergesslich machen.

Auch sein Umgang mit denjenigen, die noch vor wenigen Jahren sich einem ganz anderen Geist verschrieben hatten, sei es als Kollegen an der Schule, wie etwa Dr. Erckmann, der keinen Hehl daraus machte, jüngster Ministerialrat im Reichs­propagandaministerium eines Dr. Goebbels gewesen zu sein, oder vielen anderen, die vor nicht allzu langer Zeit der Naziherrschaft huldigten, haben ihm von der gesamten Bürgerschaft hohen Respekt eingebracht. Sein Ziel war es, dieses so tief gespaltene und in Schuld verstrickte Land wieder mit sich selbst zu versöhnen und sich seiner besseren Traditionen zu besinnen.

Manch einer von uns tat sich natürlich schwer damit, die bisweilen abstrakten philosophischen Gedankengänge eines Dr. Aschers nachzuvollziehen. Dennoch waren wir alle fasziniert davon, in welch glücklicher Weise sich in diesem Mann eine ungeheure Bildungsbreite und eine tiefe, bis in die Kleinigkeiten des Alltags hineinreichende Mitmenschlichkeit verbunden haben. Ascher, der so leid geprüfte Jude, der sich auch in lebensbedrohlichen Zeiten nicht von seiner Heimat abgewendet hat, ist ein bis heute fortwirkender Glücksfall für das ASG, seine Schule, und uns als seine ehemaligen Schülerinnen und Schüler.

Auch im Rahmen seiner politischen Mandate in Gemeinderat und Kreistag hat er immer das Verbindende zwischen den einzelnen Fraktionen gesucht – zu polarisieren und zu polemisieren war nicht sein Stil. Ihm ging es darum, argumentativ für seine Anliegen zu werben, wobei er immer unmissverständlich das Wort ergriff, wenn es um die Einhaltung demokratischer Grundregeln oder dem Respekt vor dem Andersdenkenden ging. ln den zum Teil  heftigen kommunalpolitischen Auseinandersetzungen während der 1970er-Jahre in Crailsheim ließ es sich nicht immer ganz vermeiden, dass auch wir damals Jüngeren, die Ascher immer große Wertschätzung entgegengebracht haben, seine auf Ausgleich bedachte Haltung nicht immer ganz nachvollziehen konnten. Ungeachtet mancher tagespolitischer Konflikte blieb aber die große Verehrung, die wir unserem ehemaligen vorbildlichen Schulleiter und späteren politischen Weggefährten entgegengebracht haben und bis heute entgegenbringen.
Hermann Bachmaier

Hermann Bachmaier bewundert Ascher bis heute

Zur Person Hermann Bachmaier (Jahrgang 1939) aus Crailsheim war von 1983 bis 2005 Mitglied des Deutschen Bundestages und von 1975 bis 1989 Stadtrat in seiner Heimatstadt. Er legte 1960 das Abitur am Albert-Schweitzer-Gymnasium ab und studierte anschließend Geschichte, Politik und Rechtswissenschaften an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen und an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg.