Er war der bislang jüngste Professor Deutschlands, so wurde es jedenfalls ehedem recherchiert, und Christian Hesse, heute Professor für Mathematik und Statistik an der Universität Stuttgart widerspricht dieser Vorstellung durch Maria Rupprecht nicht. „Ich habe den Eindruck, Sie haben die Mathematik richtig verstanden“, lobt sie ihn im Vorfeld und macht dies, neben seinen ganz normalen Lebensgewohnheiten, zur vielversprechenden Voraussetzung, auch Nicht-Mathematikern die Mathematik nahezubringen.

Dieses Vorhaben begann mit einer schmunzelnden Kritik seitens des Professors: „Es ist typisch Deutsch, damit zu kokettieren, dass man von Mathematik keine Ahnung hat. Keiner würde sich trauen zuzugeben, dass er nicht lesen kann oder von Rechtschreibung keine Ahnung hat.“

Das Klischee des Mathematikers zu ändern, hat er sich als Autor auf die Fahne geschrieben, um nicht das übliche „Oh Gott“ zu ernten, wenn er seine Profession vorstellt. Sein aktuelles Buch basiert auf einem Blog, den er für Zeit Online verfasst hat mit der übergeordneten These: „Mit Mathematik kann man über alles sinnvoll nachdenken.“

Mit trockenem Humor, viel Gelassenheit und doch immer mit einem Augenzwinkern, beweist Hesse, dass Mathematik nicht nur seine Sprache, sondern auch seine Kunst und seine Ästhetik ist, die ihn immer wieder mal vom Thema abweichen lässt, um eine nette Anekdote aus seinem Leben zu erzählen. „Ich gehe noch mal auf eine kleine Tangente“, leitet er diese kleinen Ausflüge ein, die stets damit enden, dass er eine ganz alltägliche Situation in Beziehung zur Mathematik stellt.

Probleme durch Probleme lösen

Interessant ist es, durch die Augen des Mathematikers zu blicken auf eine Disziplin, die die meisten eher mit Abneigung ansehen. Hesse schaut anders auf die Dinge, liebt Verallgemeinerungen, die sich auf eine Formel bringen lassen, liebt es, Probleme durch größere Probleme zu lösen und seine Denkweise dem logischen Prozess unterzuordnen, ohne dabei seine Kreativität zu verlieren.

„Rechnen macht manchmal auch tierischen Spaß. Wenn man Dinge im Kopf machen kann, dann ist das einfach schön“, schwärmt der Autor vom Gefühl des Wohlbehagens, das die Mathematik in ihm auslöst. Die Zuschauer erleben selber, wie schön, genial und einfach eine Rechnung aufs Papier fließen kann, deren Ergebnis so eindeutig ist, dass es weder verändert noch nachgebessert werden muss. „Wenn in der Mathematik etwas richtig ist, dann ist es für die Ewigkeit“, betont der Professor. Doch dass Mathematik für ihn nicht nur reines Rechnen ist, wird deutlich, als er versucht, mithilfe der Ideen bekannter Mathematiker wie Gauß oder Trachtenberg zu zeigen, wo die Ästhetik im Spiel mit den Zahlen und Variablen zu finden ist.

So sorgt er immer wieder für Raunen im Publikum über die verblüffend einfachen Rechen­tricks, derer man sich bedienen kann. „Mathematik ist die Glücksdroge für das emotionale Hirn“, zitiert er sich selbst und angesichts seiner ansteckenden Begeisterung und seiner unverrückbaren Überzeugung, dass jeder das wahre Wesen von Mathematik erkennen kann, wirkt er authentisch und gar nicht einschüchternd.

Essstäbchen sind Gold wert

Die anschließenden Fragen beantwortet er mit viel Humor und vor allem immer wieder mit anschaulichen Beispielen, die er spontan aus dem Hut zaubert. Tatsächlich gehen die meisten mit neuer Begeisterung für Mathematik heim. Und mit dem Wissen, dass Essstäbchen und Finger zum Rechnen Gold wert sind.