Seit 2002 gibt es den Girls' Day, an dem Unternehmen, Betriebe und Hochschulen in ganz Deutschland ihre Türen für Schülerinnen öffnen, um in Ausbildungs- und Studiengänge in IT, Handwerk, Naturwissenschaft und Technik hineinzuschnuppern. Mit einer Teilnehmerzahl von mehr als 100.000 Mädchen und 9000 sich beteiligenden Unternehmen und Organisationen deutschlandweit ist der Girls' Day das wohl größte Berufsorientierungsprojekt für Schülerinnen weltweit. Welchen Erfolg dieser bundesweite Schnuppertag verbuchen kann, schlägt sich auch in den Zahlen nieder, die das Bundesinstitut für Berufsbildung liefert. Demnach liegt die Steigerung der Absolventinnen in Elektroberufen, verglichen mit den Zahlen von vor zehn Jahren, bei fast 50 Prozent, bei Fahr-, Flugzeugbau und Wartungsberufen sogar bei fast 59 Prozent. Ein deutliches Zeichen dafür, dass immer mehr Mädchen ihre Zukunft in Mint-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) suchen.

Unternehmen und Betriebe haben die Chancen des Girls' Day längst erkannt, bestätigt etwa Kathrina Schösser von der R. Weiss-Group in Crailsheim: "Die Mädchen, die zu uns kommen, sind hoch motiviert, engagiert und neugierig. Wenn sie hier einen guten Eindruck hinterlassen, dann ist das natürlich das Beste. Denn die gleichen Leute, die bei uns den Girls' Day betreuen, sind später auch diejenigen, die die Bewerbungen auf dem Tisch haben, und sie erinnern sich dann natürlich." Insgesamt bietet das Unternehmen die Möglichkeit, in fünf verschiedene Ausbildungsberufe hineinzuschnuppern. "Die Mädchen besuchen die Lehrwerkstatt und arbeiten mit den Azubis. Außerdem besuchen sie die Montagehalle, um das Endprodukt und die mechanische Seite des Unternehmens kennenzulernen", so Schösser. Eine wirklich aktive Kooperation mit Schulen ist das Unternehmen zum Girls' Day bisher nicht eingegangen doch Kathrina Schösser berichtet: "Wir hatten Schulklassen zur Besichtigung da und hinterher haben sich Mädchen bei uns zum Girls' Day gemeldet."

Darüber, dass die Mädchen sich aktiv melden, würde sich auch Zimmermann Bernd Weinmann freuen. Er bietet zwei Plätze an, doch bisher hat sich noch niemand gemeldet, der sich den Betrieb und die Arbeit des Handwerkers anschauen möchte. Dabei fände es der Handwerksmeister wichtig, auch hier einmal etwas auszuprobieren. "Ich möchte Mädchen grundsätzlich das Handwerk näherbringen und auf Holzberufe allgemein aufmerksam machen. Das Handwerk hat massive Nachwuchsprobleme, es gibt zu wenige Bewerber, da muss aktiv etwas getan werden", betont Weinmann, weshalb er sich an der Aktion beteiligen möchte. Dass sein Beruf auch Mädchen viel zu bieten hat, steht für ihn außer Frage: "Der Zimmermann ist facettenreich, setzt allerdings körperliche Fitness und halbwegs ordentliche Schulnoten, vor allem in Mathematik, voraus", erklärt er. Beim Girls' Day spielen Noten jedoch keine Rolle, sagt er lachend und verrät: "Ich würde mit den Mädchen gerne etwas bauen, zum Beispiel ein kleines Möbelstück. Bei entsprechender Vorbereitung geht das."

Dass es genau solche praktischen Erfahrungen sind und die konkreten Vorbilder, die die Mädchen am Girls' Day treffen und erleben, davon profitieren auch die Schulen, die den Schnuppertag längst als festen Bestandteil in die Berufsfindungsprozesse eingebunden haben. So ist es an der Schenkensee Realschule in Schwäbisch Hall seit einigen Jahren üblich, dass Mädchen der sechsten Klassen am Girls' Day teilnehmen. "Das war unser erster Einstieg", erklärt Helen Klotz-Dietrich, Beauftragte für Berufsfindung an der Schule. Früher als üblich dürfen die Schülerinnen der Schule also Praxisluft schnuppern.

Weil die Schule außerdem erkannt hat, wie wichtig es für Jugendliche ist, auch einmal ganz praktisch zu sehen, was Eltern und Verwandte im Berufsleben so machen, gehen die Schülerinnen in der Regel mit Mama oder Papa, Tante oder Onkel schnuppern. Auch in der achten Klasse haben die Mädchen dann noch einmal die Möglichkeit, im Zuge der individuellen Förderung und Berufsfindungsprozesse am Girls' Day teilzunehmen. Aus der Nachbereitung des Tages kann Helen Klotz-Dietrich ein positives Resümee ziehen: "Die Schülerinnen sind hinterher positiv eingestellt, sagen, es war interessant und hat Spaß gemacht." Aus ihrer Erfahrung mit Abschlussklassen sieht sie allerdings nicht, dass sich diese Erfahrung am Ende konkret an den Berufswünschen der Mädchen ablesen lässt: "Wenn ich sehe, für welche Berufe sich die Mädchen interessieren und bewerben, dann ist leider immer noch wenig Technisches dabei."

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Eine Akademie für die Zukunft

Schulen haben mit der Girls'Day-Akademie die Möglichkeit, die Berufsfindung im Mint-Bereich auszubauen. Schülerinnen der Klassen 7 bis 10 lernen in der wöchentlich stattfindenden AG, die an jeder allgemeinbildenden Schule durchgeführt werden kann, wissenschaftliche und technische Inhalte anhand verschiedener praktischer Arbeiten. Bildungspartner wie Unternehmen, Betriebe und Hochschulen unterstützen sie dabei. Ziel ist es, die Mädchen bei der Berufswahl zu unterstützen, das Interesse für Berufe und Studiengänge im Mint-Bereich zu wecken und zu fördern und auch einen Überblick über die regionalen Möglichkeiten zu bekommen. Finanziert wird die Girls'-Day-Akademie durch die Bundesagentur für Arbeit, durch Arbeitgeberverbände, Ministerien und Unternehmen. Ein durchgängiges Konzept sowie eine zentrale Servicestelle für die Akademie sorgen für einen einheitlichen Qualitätsstandard. Infos für interessierte Schülerinnen, Lehrer und Eltern gibt's unter www.girls-day-akademie.de oder bei der Servicestelle der Akademie unter Telefon 07 11 / 9 41 15 15.

JUVO