Feuchtwangen/Kreis Hall Gesprächskreis Autismus Feuchtwangen hilft Angehörigen - auch aus dem Kreis Hall

Katalin Six-Bagi, Ruth Neidenberger und Randolph Six (von links) planen die Termine der Selbsthilfegruppe.
Katalin Six-Bagi, Ruth Neidenberger und Randolph Six (von links) planen die Termine der Selbsthilfegruppe. © Foto: Ute Schäfer
Feuchtwangen/Kreis Hall / UTE SCHÄFER 24.03.2015
Von und für betroffene Angehörige: In Feuchtwangen gibt es eine Autismus-Selbsthilfegruppe. Sie ist die einzige in der Gegend und freut sich auch über Teilnehmer aus dem Landkreis Schwäbisch Hall.

Man muss sich das mal vorstellen: Das Kind ist schwierig. Will nicht reden, schreit viel. Die Eltern ahnen, dass etwas nicht stimmt. Es kommen auch entsprechende Signale aus dem Umfeld - und jetzt fängt die Rennerei an. Von Arzt zu Frühförderstelle, von der Klinik zum Spezialisten. "Autismus hat so viele Gesichter", sagt Ruth Neidenberger. "Bei jedem sieht es anders aus. Und man muss viel ausschließen, bevor man die Diagnose stellen kann." Ihr Sohn Andreas, heute ein Teenager, war schon sieben, als klar war: frühkindlicher Autismus.

Nach einer jahrelangen Ärzte-Odyssee ist die Diagnose dann fast schon eine Erleichterung. Aber na-türlich auch ein Schock. Denn au-tistische Kinder fordern ihre Eltern auf ganz besondere Weise. "Wunibald war etwa fünf, da hat er mich wochenlang nur Hildegard ge-nannt", berichtet Katalin Six-Bagi. Er näherte sich seiner Mutter und sagte ihr den Namen 50-mal, 100-mal direkt ins Gesicht. "Er ließ sich nicht davon abbringen. Das war anstrengend. Irgendwann hat's zum Glück wieder aufgehört. Aber dann fängt auch gleich etwas Neues an." "Wuni" hat zum Beispiel grundsätzlich Schwierigkeiten mit dem Raumwechsel, noch heute, als Achtjähriger. Vor jeder Schwelle muss er sich mehrmals drehen. "Ich darf ihm nicht über die Schwelle helfen. Er muss diese Rituale allein ausführen", sagt die Mutter. Dass Eltern dabei an die Grenzen ihrer Belastbarkeit kommen, ist verständlich. Sich mit anderen auszutauschen, hilft - dazu sind Selbsthilfegruppen da. Wie die in Feuchtwangen, die seit diesem Jahr auch bei der AOK Heilbronn-Franken auf der Liste der Selbsthilfegruppen der Region geführt wird, denn im Landkreis Schwäbisch Hall gibt es laut Liste keine andere. Die dort aufgeführte in Blaufelden hat sich nämlich lange schon aufgelöst.

Gegenseitig mit Erfahrung helfen

Gegründet hat sich der "Gesprächskreis Autismus Feuchtwangen" im Frühjahr 2012. Die Gruppe organisiert Vorträge und Treffen, in denen sich die Beteiligten austauschen oder einfach nur mal schwätzen können. "Man versteht sich, kennt die Probleme", sagt Katalin Six-Bagi, eine der Gründerinnen. "Außerdem kann man sich gegenseitig mit Erfahrungen helfen." Wo es Schulen mit Autismusklassen gibt, zum Beispiel, wie das mit Förderanträgen, mit Schulbegleitern, mit dem Pflegegeld ist, und außerdem tut es gut zu erfahren, dass andere Eltern ähnliche Probleme haben. "Wir fühlen uns verstanden", sagt Randolf Six und Katalin Six-Bagi fügt hinzu: "Wenn wir hier unsere Sorgen loswerden, geht es uns besser. Und das ist gut für das Kind."

Denn ein Sonntagsspaziergang ist es nicht, ein autistisches Kind zu haben und zu fördern. Alles wird zur Herausforderung: Kindergarten, Arztbesuche, et cetera. Natürlich, "normale" Kinder brüllen beim Einkaufen auch, schlafen schlecht und treiben ihre Eltern an den Rand des Wahnsinns. Six-Bagi: "Aber bei unseren Kindern kommt es halt immer ganz geballt."

Der Gesprächskreis Autismus Feuchtwangen trifft sich immer am letzten Donnerstag im Monat im Haus am Kirchplatz in Feuchtwan-gen, Kirchplatz 1 - es ist das Haus gegenüber des Haupteingangs der Stiftskirche in der Stadtmitte. Die Gruppe ist offen für jeden, der als Angehöriger oder Nachbar betroffen ist, eine Anmeldung ist nicht nötig. Der nächste Vortrag ist am Donnerstag, 26. März. Das Thema: "Pflegedienstleistungen bei Kindern mit Behinderung. Pflegestufe bei Autismus?" Die Gruppe hat mittlerweile auch eine kleine Bibliothek mit Fachliteratur angeschafft.

Info

Weitere Auskünfte unter

www.autismus-feu.de. Andere Ansprechpartner in Sachen Autismus: www.autista-heilbronn.de; Asperger-Selbsthilfe Hohenlohe-Franken-Ostalb (Treffen in Ellwangen), Telefon 0 79 73 / 91 16 29

Was ist Autismus?

Etwa ein Prozent der Bevölkerung ist von Autismus betroffen - doch weil Betroffene ganz unterschiedliche Merkmale zeigen, sagt man heute eher: Sie zeigen Störungen aus dem autistischen Spektrum oder haben eine "Autismus-Spektrum-Störung". Die Ursachen hierfür sind bislang unbekannt. Diskutiert wird neben anderen Faktoren auch eine genetische Disposition.

Autisten, heißt es, leben in ihrer eigenen Welt. Das stimmt natürlich nicht. Wir alle leben in derselben Welt. Von Autisten wird diese nur anders wahrgenommen. Ihr Gehirn, könnte man sagen, ist anders konfiguriert.

Für die Autisten macht genau das den Umgang mit anderen schwer. Viele können zum Beispiel die Mimik ihres Gegenübers nicht entschlüsseln, weil ihnen das von der Gesellschaft genormte soziale Handwerkszeug fehlt. Daher meiden sie den Blickkontakt. Viele können Nähe nicht ertragen. Gerade für Eltern ist das hart, weil sie mit ihrem Kind ja kuscheln möchten.

Manche kommen auch nicht damit klar, wichtige von unwichtigen Geräuschen zu filtern und sind überfordert, wenn alle - wie manchmal in der Schule - gleichzeitig reden. Zum Schutz ziehen sie sich zurück und machen dem Namen der Störung alle Ehre: "Autismus" kommt vom griechischen autos - selbst. Regeln und Routinen helfen ihnen; sie geben im für sie undurchschaubaren Leben Halt und verlässliche Strukturen. Manche Autisten entwickeln deshalb bestimmte Ticks oder Stereotypien. uts

SWP

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