"Die türkische Gesellschaft ist gespalten", sagt Sinasi Kavlak. Er ist Vize-Vorsitzender des "Diyanet Türkisch-Islamischen Kulturvereins" und Mitglied im Crailsheimer SPD-Ortsverband. "Wenn ich die Berichte über die Demonstrationen im Fernsehen sehe, tut es mir wirklich im Herzen weh."

Die Situation ist hier die gleiche wie in der Türkei: Während die einen sich klar für die Regierung aussprechen und die anderen sie kritisieren, kämpft Kavlak mit gemischten Gefühlen. Dass vor allem junge Menschen auf die Straße gehen, um für ihr Mitspracherecht zu kämpfen, habe gezeigt, dass es eine Opposition im Land gibt. "Das war ein wichtiges Signal für Erdogan", erklärt er. Es sei ein großes Problem, dass die politische Opposition in der Türkei keine Führungskräfte habe.

Ihnen gegenüber steht Recep Tayyip Erdogan, der mit der AKP seit zehn Jahren das Land regiert. In dieser Zeit habe er viel geleistet. Kavlak zählt auf: Schuldenabbau, wirtschaftlicher Boom und Waffenstillstand mit der terroristischen Organisation PKK. Sozialdemokratische und liberale Regierungen vor der Erdogan-Ära hätten hingegen nur wenig für die demokratische Entwicklung getan. "Ich hätte mir das von unseren Leuten gewünscht", sagt Kavlak enttäuscht. Dass die Mehrheit der Bevölkerung hinter der islamisch-konservativen AKP-Regierung steht, habe seine Gründe. Dennoch sehe er Erdogan inzwischen auf einem falschen, zum Islamismus tendierenden Weg.

Für die gewalttätigen Ausschreitungen sind seiner Ansicht nach radikale Gruppen verantwortlich, die sich unter die Demonstranten gemischt haben. "Die gießen Öl ins Feuer und erhöhen die Sympathien für die konservative Regierung", glaubt Kavlak. Für Servet Kara sind Protest und Terror nicht miteinander vereinbar. "Die Türkei ist ein Staat der Demokratie, in dem niemand etwas gegen Demonstrationen hat", sagt der 39- jährige Geschäftsführer des Crailsheimer Döner- und Kebabhauses. "Aber es ist berechtigt, dass die Polizei einschreitet, wenn Steine geworfen und Autos beschädigt werden." Er kann die Aggressionen gegen die Regierung nicht nachvollziehen. "Was Erdogan in zehn Jahren geschafft hat, hat davor kein anderer geschafft." Hätte der konservative Ministerpräsident eine schlechte Politik betrieben, hätte er das nicht erreicht, ist Kara überzeugt.

Baki Ugurlu, Reiseverkehrskaufmann aus Crailsheim, haben die Proteste keineswegs überrascht, wohl aber deren Heftigkeit. Er hofft, dass sich die Demonstranten durchsetzen und vielleicht sogar Neuwahlen angesetzt werden. Womöglich regt der Protest der jungen Leute Menschen aus anderen Bevölkerungsschichten zum Nachdenken an. Ministerpräsident Erdogan habe für wirtschaftlichen Wohlstand gesorgt, aber zu welchem Preis? Ugurlu: "Es werden Freiheiten eingeschränkt, und die Presse muss Bußgelder bezahlen, wenn sie regierungskritische Artikel abdruckt." Auch seiner Meinung nach hätten die liberalen Regierungen vor der AKP Fehler gemacht. "Die haben die Infrastruktur im Westen ausgebaut, die Gebiete östlich von Ankara aber völlig vernachlässigt", meint der 58-Jährige. Und: Die Regierungsmitglieder hätten sich jahrzehntelang bestechen lassen.

Als Ende Mai die Demonstrationen begannen, war die Crailsheimerin Nuray Özdemir mit ihrer Familie in Ankara. "Meine Tochter war am Samstag beim Frisör. Als sie zurückkam, erzählte sie von Leuten, die auf der Straße demonstrieren", erinnert sie sich. Sie kann nicht verstehen, warum die Proteste eskaliert sind. "Die Medien zeigen Menschen, die für ihre Freiheit kämpfen, aber die Menschen in der Türkei sind frei", erklärt Özdemir. Seit die AKP regiere, sei das Leben besser und das Verhältnis der Bürger untereinander offener geworden. "Früher hat sich eine bedeckte Frau unter nicht bedeckten Frauen unwohl gefühlt. Heute ist das nicht mehr so", erzählt sie. Sie räumt ein, dass die Regierung die Bürger in die Entscheidung über die Zukunft des Istanbuler Gezi-Parks hätte einbeziehen müssen. Der Unmut über den geplanten Bau einer Militärkaserne hatte die Proteste ausgelöst.

Sinasi Kavlak wünscht sich eine ähnliche Lösung wie bei Stuttgart 21. "Damals haben die Bürger entschieden", sagt er. Wie die deutsche Regierung auf die Proteste reagiert, hält er allerdings für kontraproduktiv. "Die Türkei kämpft seit 60 Jahren für eine Aufnahme in die Europäische Union", erklärt Kavlak. "Wenn Kanzlerin Angela Merkel jetzt eine Absage erteilt, schwächt das die Demokraten in der Türkei und erhöht den Zulauf der Konservativen." Sollte Erdogan die Wahlen in neun Monaten wieder gewinnen, fürchtet Kavlak einen Rechtsruck in der Gesellschaft.