Theater Inszenierung bedient sich schöpferischer Freiheti

Faust macht sich an das minderjährige Gretchen ran.
Faust macht sich an das minderjährige Gretchen ran. © Foto: Foto: Sonja Ramm/Landesbühne
Crailsheim / Hans-Peter König 15.11.2017
„Urfaust“ ist als teilweise absurde Kontrafaktur bei der Theatergemeinde Crailsheim zu sehen.

Noch ein Sexskandal? Alle Indizien scheinen darauf hinzudeuten: Macht sich doch ein in die Jahre gekommener Prominenter an eine Minderjährige heran und lässt kaum etwas unversucht. Erst will er sich bei ihr einschleimen, macht ihr unpassende Komplimente und versucht es mit Geschenken. Er lässt seinen nicht mehr so ganz jugendfrischen Body aufhübschen: Ist Botox im Spiel? Nimmt er vielleicht Viagra?

Zwar geht es in diesem Fall ganz und gar nicht um die berüchtigte Besetzungscouch, aber der die Jugendliche Anmachende unternimmt mehr oder weniger alles, um an sein Ziel zu gelangen. Letztendlich, als er dann tatsächlich seinen Spaß gehabt hat, haut er einfach ab, ohne sich um die Schwangere zu kümmern.

Was sich wie eine moderne Geschichte aus einer der zahlreichen Klatschblätter anhört, ist jedoch sozusagen klassisches ­Bildungsgut, mit dem sich Abiturienten seit Generationen herumschlagen müssen. Die Rede ist von „Faust“, ein Thema, das Johann Wolfgang von Goethe sechs Jahrzehnte seines langen Lebens nicht losgelassen hat. Paradoxerweise treffen einige der oben genannten Punkte auf Goethes reales Leben zu.

In der Ingersheimer Festhalle präsentierte die Badische Landesbühne Bruchsal die erste Fassung des monumentalen Werkes, den „Urfaust“, den Goethe mit 23 bis 26 Jahren geschrieben hat, zu einer Zeit also, die als Sturm und Drang in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Das Programmheft charakterisiert sie so: „Junge Schriftsteller distanzierten sich von poetischen Regeln und Formen, betonten die schöpferische Freiheit und stellten den Gefühls­ausdruck in den Mittelpunkt“ und fragt: „Was wäre eine Faustfigur für das 21. Jahrhundert?“ Zwar lautet der Untertitel „Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt“, doch bedient sich die gesamte Inszenierung von Joerg Bitterich ebendieser schöpferischen und gestalterischen Freiheit unserer jetzigen Zeit. Wie sich Goethe unterschiedlicher Materialien bedient habe, aus denen „ein fragmentarisches Flickwerk, das seine Nähte nicht verbergen will“, entstehe, bringt die sechsköpfige Schauspieltruppe völlig Disparates auf die Bühne. Aber was heißt „sechsköpfig“? Ein Blick in die Besetzungsliste zeigt, dass sechs männliche und weibliche Schauspieler agieren und 16 Rollen ausfüllen. Die drei Hauptfiguren werden von drei Akteuren dargestellt: Fredrik Kienle spielt den Faust, Margarethe wird von Julia Kemp gegeben und Lisa Bräuniger verkörpert den Mephistopheles.

Liest man weiter, so entdeckt man, dass Norhild Reinicke Faust 2, Frosch, Marthe und Margarethe 2 spielt, Tim Tegtmeier Faust 3, Brander, Valentin und Margarethe 3 verkörpert und Markus Wilharm als Faust 4, Wagner, Alter, Soldat und Margarethe 4 auftritt. Somit fällt auf, dass zwei der Hauptpersonen jeweils vervierfacht werden, andererseits auch die klassische Rollenzuordnung, dass ein Schauspieler einen Mann und eine Schauspielerin üblicherweise eine Frau verkörpert. Hier handelt es sich um sogenannte Hosenrollen, die es auch früher in verschiedenen Theaterformen gab, eine Travestie. Man weicht aber hier vom Üblichen ab – die Darstellung ist also gegen den Strich gebürstet.

Dies gilt auch für andere Darstellungsformen. So erscheint als Erstes eine schwarze Katze oder ein schwarzer Hund auf der Bühne; jedenfalls kein Pudel, dessen Kern sich bekanntlich als Mephisto entpuppt. Schwarze Schale, weißer Kern! Das weiß geschminkte Gesicht, an den berühmten Gustaf Gründgens erinnernd, die Lippen, noch kräftiger geschminkt, das Rot stark betonend, gehört eindeutig einer Frau. Was anfangs geäußert wird, bleibt, mysterienhaft geraunt, unverständlich.

Und das Bühnenbild? Zwei kostbar aussehende Tapetenwände, diverse Möbelstücke, davor ein chaotischer Kleiderhaufen, in seiner Unordnung, grotesk gesteigert, an das Tohuwabohu Pubertierender oder aber Messis erinnernd. Das Programmheft gibt über den beabsichtigten Sinn Auskunft: Die Bühne wird „zum textilen Trümmerfeld“.

Hier taucht der unzufriedene, zutiefst frustrierte Faust auf und beginnt seinen Eingangsmonolog mit „Hier sitz ich, forme Menschen nach meinem Bilde“, quasi als eingebaute Collage aus ­Goethes Sturm-und-Drang-Gedicht „Prometheus“, mit dem sein Hochmut treffend charakterisiert wird. Faust-Prometheus sieht sich als Schöpfergott. Er trägt aber statt einer royalen Krone eine braune Packpapiermütze und legt später eine Art purpurner Schärpe um, wie auch die aus dem Kleiderchaos auftauchenden Geister als „seine Albtraum-Geschöpfe“ sie anlegen.

Kleidung, die angezogen oder abgelegt wird, durchzieht leitmotivisch, immer wieder aufeinander abgestimmt, in symbolischer oder chiffrierter Weise die Darstellung.

„Fragmentarisches Flickwerk, das seine Nähte nicht verbergen will“ (Programmheft) muss auch hier die Würdigung aus Platzgründen bleiben. Dennoch: Grotesk verfremdete, absurde Elemente wechseln sich ab mit Musik- und Geräuscheinspielungen und auch artistisch-balletthafter Bewegung aller Schauspieler, die darüber hinaus viel Pantomimisches einbringen. Das Stilmittel des Standbildes findet ebenso häufig Verwendung wie strobo­skopische Blitze und andere Beleuchtungseffekte. So lässt sich beispielsweise die Orgie in Auerbachs Keller darstellen, ohne dass man allzu voyeuristisch ins Detail gehen müsste.

Die Gretchentragödie – die Verführung des unschuldigen Mädchens durch den Macho, bildet den zweiten, breiter angelegten Teil. Weitere Darstellungsformen wie chorisches Sprechen und Stimmmodulationen oder die Doppelhandlung zwischen Faust und Gretchen sowie Mephisto und Marthe finden Verwendung. So auch: Originalzitate werden mal realistisch, häufig aber ironisch verfremdet wiedergegeben. Mal blitzt auch Humor auf, wenn Gretchen, quasi als Freudsche Fehlleistung, statt „kann ungeleit‘ nach Hause gehen“, sagt: „kann ohne Kleid nach Hause gehen“. Wieder also das Leitmotiv der Kleidung. Und tragisch: Unter einem ganzen Berg davon – erst aufgestapelt, dann wieder zerfleddert – erstickt sie später ihr Kind.

Der Schluss ist dann Kontrafaktur, Gegenentwurf: Gretchen wird nämlich nicht erlöst, sondern geht im weißen Brautkleid mit dem / der ebenfalls weiß gekleideten Mephisto nach hinten von der Bühne ab. Niemand war anscheinend in der Pause gegangen, da man – gerade wegen oder trotz der modern(istisch)en Darstellung doch auf den Verlauf der Darstellung gespannt war. So wurden die Schauspieler denn auch mit artigem Beifall verabschiedet.

Sehr lobenswert ist es, dass die Theatergemeinde Crailsheim ein abwechslungsreiches Programm anbietet. Selbstverständlich gehört auch jeweils ein sogenannter Klassiker dazu. Damit werden neben den Abonnenten oft auch zahlreiche Schüler angesprochen. Der „Urfaust“ wurde von der Badischen Landesbühne als eine auf das 21. Jahrhundert zugeschnittene Version gespielt. Nun scheiden sich daran die Geister. Während anwesende Schulmeister sich vorwiegend eher positiv über die Präsentation äußerten, schwankte eine größere Mehrheit des Publikums eher zwischen skeptisch und ablehnend. Diese Irritationen hätten sich wahrscheinlich vermeiden lassen, hätte man eine kurze Einführung gegeben, in der die Ideen, die der Aufführung zugrunde lagen, dem Publikum erläutert worden wären. Dies hätte sicherlich zu einer breiteren Akzeptanz beigetragen.