Murrhardt Ganzkörper-Boogie im Zügel-Saal

Ekstatische Spielfreude: der aus Murrhardt stammende Blues- und Boogie-Pianist Thomas Scheytt am Flügel.
Ekstatische Spielfreude: der aus Murrhardt stammende Blues- und Boogie-Pianist Thomas Scheytt am Flügel. © Foto: eke
EKE 11.03.2015
Ein Hörvergnügen war das Konzert von Thomas Scheytt bei den Winterkulturtagen. Mit Blues und Boogie-Woogie bewies der aus Murrhardt stammende Jazzpianist seine Virtuosität und Ausdrucksfähigkeit.

Bei seinem Auftritt im Rahmen der Winterkulturtage im Schwäbischen Wald interpretierte Scheytt im übervollen Heinrich-von-Zügel-Saal Originalkompositionen von Albert Ammons, Pete Johnson, Meade Lux Lewis und anderen großen Jazzern aus den 1920er bis 1940er Jahren so authentisch, dass man glaubte, da säßen die Erfinder und Meister des Blues und Boogie selbst am Flügel. Ebenso stilecht klangen die kreativen Improvisationen und fantasievollen Werke des in Freiburg lebenden Musikers.

Schon bei den ersten Takten merkte die große Zuhörerschar, wie viel Spaß Thomas Scheytt an dieser wunderbaren Musik hat. Mit ekstatischer Spielfreude holte er alle Klangfarben aus dem Klavier heraus. Da tanzten nicht nur die Hände souverän über die Tasten, der ganze Körper swingte mit. Der Pianist bewegte die Lippen, als ob er leise mitsang, seine Beine schwangen und schaukelten, die Füße tippten und schliffen im Takt. Das gefiel vielen Zuhörern so gut, dass sie mitklatschten und sich mit bewegten.

Zu hören gab's abwechselnd empfindungsreich interpretierte Blues-Stücke voller starker Emotionen und temperamentvolle, schnelle Boogies. Originalgetreu und fantasievoll zugleich brachte Thomas Scheytt die charakteristische Melodik, Harmonik und Rhythmik zur Entfaltung und kostete genussvoll die schier unendlichen Improvisationsmöglichkeiten aus.

Dabei verbanden sich pianistische Virtuosität mit außergewöhnlichem Ausdrucksreichtum. Wunderschön melodisch kamen der in den Dreißigerjahren geschriebene Mac Affect Blues von Albert Ammons oder der Suitcase-Blues von Hersal Thomas zur Geltung.

Mit Verve spielte der Blues- und Boogie-Spezialist die charakteristischen rollenden Motive, Verzierungen und Klangeffekte. Fast zärtlich streichelte Thomas Scheytt die Tasten in seiner Klavierfassung des Klassikers "Georgia on my mind" . Darin versteckte sich die bekannte Melodie so kunstvoll in einem Mosaik aus improvisierten und variierten Motiven, dass die Zuhörer sie ganz neu entdeckten. Besonders melodiös und fröhlich wirkte ein Stück im Stil des New Orleans Piano mit französischen Einflüssen. Wegen den reizvollen, perlenden Verzierungen erinnerte das Spiel an den typischen Klang der sogenannten Drahtkommode.

So richtig die Post ab ging bei den schnellen, stark rhythmisch betonten Boogies wie Scheytts Eigenkomposition "Back to Bock", einer Hommage an seinen Lehrer und Freund Hans-Jürgen Bock. Da swingte der ganze Flügel mit, und die vor Offbeats und Synkopen sprühenden Melodien und Rhythmen versetzten den ganzen Saal in Begeisterung. Aber auch in den Blues-Stücken zeigten sich eine hohe pianistische Spielkultur und ein außerordentlich starkes Feeling. In seinen Eigenkompositionen ließ der Künstler seiner Fantasie freien Lauf, schuf wunderschöne, nuancenreiche musikalische Bilder und brachte die ganze Vielfalt der Empfindungen zum Ausdruck.

Das Konzert geriet zum wahren Blues- und Boogie-Festival, bei dem Thomas Scheytt alle Register seines Könnens zog. Er spielte mit solcher Hingabe, Kunstfertigkeit und Klangfarbenfülle, dass das Publikum gar nicht genug bekommen konnte und dem begnadeten Pianisten mit enthusiastischen Ovationen für sein grandioses Heimspiel dankte. "Das war einfach genial", schwärmte eine Zuhörerin. Zudem machte der Musiker seiner Heimatstadt ein besonderes Geschenk. Er nahm nur eine bescheidene Gage; der Rest der Einnahmen geht an die Städtische Kunstsammlung.