Der Tag, an dem Greta Thunberg möglichst ­klimaneutral mit dem Segelboot in New York ankommt und nach zwei Wochen Atlantiküberquerung wieder festen Boden unter den Füßen hat, ist für Familie Beutel aus Crailsheim der Abreisetag. Ihr Flieger geht allerdings erst am Abend, so bleibt noch genügend Zeit, sich die 16-jährige schwedische Klimaaktivistin, die durch ihre wöchentlichen Schulstreiks weltberühmt wurde, einmal aus der Nähe anzugucken. „Wir waren ganz vorn“, sagt Ralf Beutel. „Das mal live zu sehen, war interessant.“

Fünf Tage verbringt der 50-Jährige mit seiner Frau und seinem Sohn in New York, davor waren sie zusammen in Texas, wo er einen Kongress besuchte, und in Costa Rica im Urlaub. Bei der Ankunft von Thunberg am 28. August rechnet der Crailsheimer Unternehmer eigentlich mit einem Massenauflauf an der Marina am Fuß des World Trade Centers, deswegen fahren sie zwei Stunden vorher los. Aber: Alles „relativ überschaubar“.

Greta Thunberg steht wie eine Galionsfigur auf dem Boot

Insgesamt sind vielleicht 800 Leute da, darunter viele internationale Journalisten. „3/800 aus Roßfeld“, sagt Beutel und lacht – und wundert sich: Denn bei jedem Straßenkünstler in New York würden 200 Leute stehenbleiben. Klimaschutz in den USA ist halt kein Top-Thema. Dabei hätten auf das Gelände der Marina 20.000 gepasst. Viele von den 800 hätten Einwegbecher mit Kaffee in der Hand gehalten – für Beutel ein seltsam anmutendes Bild.

Als die „Malizia II“ über den Hudson River einläuft, steht Thunberg wie eine Galionsfigur auf dem Bug, hinter ihr die Freiheitsstatue. Das sieht man auf den Fotos, die Beutel gemacht hat. Begrüßt wird sie von 17 anderen Segelbooten. Jedes steht für eines der Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen und ist mit einem entsprechenden Symbol auf dem Segel versehen. An Land hält Thunberg das bekannte Schild mit der schwedischen Aufschrift „Skolstrejk för Klimatet“ unter einem Arm.

Ihre Fans halten Plakate hoch, auf denen steht „Welcome Greta“, „Thanks for coming“. Dazu eine schwedische Flagge und Botschaften wie diese: „Wir tun so, als ob unser Haus brennt, weil es brennt.“ Was Beutel irritiert, ist, dass auch Kinder, jünger als sein achtjähriger Sohn, beteiligt sind. „Die wissen doch nicht, was sie hochhalten“, findet er und fügt hinzu: „Es wird ein Stück Panik auf die Kinder übertragen.“

Gleich neben der „Malizia II“ liegt die Luxusjacht „Gran Finale“. Die gehört einem US-Immobilienentwickler und Multi-Milliardär, der damit 20 Wochen pro Jahr die Welt bereist. „Sind das die Bilder, die man braucht?“, fragt sich Beutel in dieser Woche in seinem Büro.

Kleine Schritte, die Sinn machen

Beutel ist Geschäftsführer von Locatec in Crailsheim, ein Spezialist für Leck- und Leitungsortung mit fast 50 Mitarbeitern. Politisch engagiert er sich in der FDP. Beutel fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, er will das auch im Winter durchhalten. Das Firmengebäude im Gewerbepark Roßfeld ist energieeffizient gebaut worden. Zudem gibt es eine Wärmepumpe und eine Solaranlage, mit Speicher. Auf Beutels Schreibtisch steht Mineralwasser aus der Region in Glasflaschen. Cloudbasiertes Arbeiten gehört zum Firmenalltag. „Wir stellen auf papierloses Büro um“, sagt er.

Für Beutel sind es die kleinen Schritte, die Sinn machen. „Die meisten überschätzen, was sie an einem Tag erreichen können, und die meisten unterschätzen, was sie in einem Jahr erreichen können“, sagt er. Jedem sei klar, dass man was tun müsse. Aber die Rigorosität, mit der Klimaschutz gerade durchgeboxt werden soll, lehnt er ab. „Die Rigorosität polarisiert, sie führt eher ins Gegenteil.“

Klimaschutz sei ein globales Problem. Man müsse auch „da ansetzen, wo der größte Hebel ist“, sagt Beutel, das mache jeder Unternehmer so. Plastikstrohhalme verbieten sei „kein Weltrettungsprogramm“. Beutel denkt an Länder, wo der Müll noch auf der Straße rumliege. Die müsse man mit ins Boot holen.

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