Crailsheim Freispruch für eine kranke Frau

Crailsheim / Harald Zigan 17.05.2018
Eine 31 Jahre alte Frau aus dem Saarland sorgt für Angst und Schrecken an einer Tankstelle in Crailsheim.

In der Sprache der Justiz klingt es recht dramatisch, was einer 31 Jahre alten Frau aus Saarbrücken vorgeworfen wird: Ein „vorsätzlicher gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr und schwerer räuberischer Diebstahl“ habe sich im April 2016 auf dem Gelände einer Tankstelle in Crailsheim abgespielt, wie es in der Anklageschrift von Staatsanwalt Peter Laiolo heißt. Der Strafprozess vor dem Amtsgericht in Crailsheim endete mit einem Freispruch: Richterin Dr. Scania Herberger und die beiden Schöffen hielten die psychisch kranke Frau für schuldunfähig.

Per Zufall landete die Saarländerin auf einer Irrfahrt quer durch Süddeutschland in Crailsheim. Neben 24 Litern Sprit für ihr Auto besorgte sie sich in der Tankstelle noch eine Getränkedose und eine Mini-Salami. An der Kasse versagte die EC-Karte aber ihren Dienst.

Zum Erstaunen des Tankstellenmitarbeiters lief die Frau einfach zurück zu ihrem Auto und startete den Motor. Der Kassierer folgte ihr und stellte sich vor das Auto. „Die Frau spielte zuerst mit dem Gaspedal und fuhr dann auf mich zu“, sagte der Mann. Er sprang im letzten Moment zur Seite, die Frau fuhr mit quietschenden Reifen davon.

Gestörte Wahrnehmung

Hinter dem Geschehen an der Tankstelle steht allerdings eine menschliche Tragödie: Schon seit Jahren leidet die Frau an einer schizophrenen Psychose, wie die Neurologin Dr. Birgit Leipnitz von der Universität des Saarlandes in Homburg diagnostizierte.

Die seelische Krankheit zeigt sich bei der Frau in massiven Wahrnehmungsstörungen, die sich nur mit Medikamenten lindern lassen: Sie fürchtet zum Beispiel, dass ihre Gedanken hörbar sind. „Man macht Sachen, die ein normal denkender Mensch nicht macht“, sagte die Angeklagte.

Eine Vergewaltigung warf die Frau vollends aus der Bahn, sie griff danach verstärkt zu Alkohol und Cannabis. Das traumatische Erlebnis dieses Sexualverbrechens spielte wohl auch eine Rolle an der Tankstelle in Crailsheim: „Ich bildete mir ein, dass mir der Mann an die Wäsche wollte“, wie die Frau ihr panisches Verhalten im Auto erklärte. Ihren Führerschein hat sie mittlerweile abgegeben.

Sowohl der Staatsanwalt Peter Laiolo als auch der Verteidiger Thomas Will plädierten angesichts der Schuldunfähigkeit der Frau auf einen Freispruch, den letztlich auch das Schöffengericht verkündete.