Jemand vom Fach wäre wunderbar, einer, der wie er im Wald arbeitet und über das Wissen verfügt, das von einem Forstmann verlangt wird. Samuel Gbolahan überlegt kurz und denkt an die Note Fünf in Gemeinschaftskunde, die ihm mehr als alles andere zu schaffen macht. „Eigentlich bin ich über jede Hilfe froh“, sagt er dann, „Hauptsache, die Fünf geht weg.“ Auch in Wirtschaftskunde hat der 38-Jährige aus Nigeria, der daheim Forstwirtschaft studiert hat, Schwierigkeiten; da wird es schon schwieriger mit der Nachhilfe.

Bei anderen Crailsheimer Flüchtlingen, die sich in ihrer Ausbildung zum Elektriker, zum Zimmermann oder zum Steinmetz durch eine schwierige Phase kämpfen, sind Ehrenamtliche ohne die entsprechende Ausbildung schlichtweg überfordert. 36 junge Auszubildende hat Crailsheims Flüchtlingsbeauftragte Kamilla Schubart derzeit in ihrer Obhut; nur etwa zwölf ihrer Schützlinge geben an, keine Unterstützung zu benötigen.

Fachleute dringend gesucht

Die meisten sind im ersten oder zweiten Lehrjahr, fünf bereits im letzten Jahr ihrer Ausbildung. Die Ehrenamtlichen, die sich zum Teil seit Jahren um die Flüchtlingshilfe verdient machen, wehren bei der ausbildungsbezogenen Nachhilfe für die jungen Leute meist ab, nachdem sie sich in Fachbücher eingelesen und festgestellt haben, wie viel Zeit das kostet. Schubart wünscht sich also vor allem Ruheständler, die ein bisschen Zeit, die entsprechende Ausbildung und Berufserfahrung mitbringen: Verständigungsprobleme werde es kaum geben, „nur den Wunsch, mit den anderen Azubis mithalten zu können“.

Nach wie vor freut sich Schubart aber natürlich an allen Helferinnen und Helfern. Während Nachhilfe für Kinder vom Staat finanziert wird, sind alle anderen auf Ehrenamtliche angewiesen. Einige der jungen Flüchtlinge haben in ihrer Heimat keine Schule besucht, sprechen mittlerweile zwar gut Deutsch, müssen aber erst das Lernen lernen. Der Somalier etwa, der im September eine Ausbildung zum Lkw-Kraftfahrer antritt: Alle Motivation hilft nichts, wenn in der Mathematik zunächst die Grundlagen, etwa der Dreisatz, erarbeitet werden müssen. Oder der junge Gambier, der ebenfalls 2019 mit seiner Ausbildung zum Maler/Lackierer beginnt und dringend Unterstützung braucht.

Zwei Flüchtlinge haben ihre Ausbildung nach wenigen Monaten abgebrochen, obwohl sie keinen subsidiären Schutz genießen und die Abschiebung fürchten: Sie waren so hoffnungslos überfordert, dass sie gar kein Land sahen. So schlecht ist ihr Deutsch wohl nicht, „aber zu reden ist etwas anderes, als ein Lehrbuch aufzuschlagen“, erklärt die Flüchtlingsbeauftragte. Die beiden konnten einfach nicht verstehen und verarbeiten, was sie da gelesen hatten, den Inhalt nicht wiedergeben. Über die Einstiegsqualifizierung und geduldige Ehrenamtliche könnte auch ihnen geholfen werden.

Eheleute auf der Suche

Ganz anders die Eheleute Selamawit „Selam“ Serake und ihr Mann Abraham Kalab. Sie sprechen gut Deutsch und gelten als Musterbeispiele Crailsheimer Integrationsbemühungen. Die beiden sind unabhängig voneinander aus Eritrea geflohen, einer Diktatur, in der Menschenrechtsverletzungen längst an der Tagesordnung sind. Im Sudan lernten sie sich kennen, wurden aber getrennt. Weitere Stationen ihrer Flucht führten unter anderem nach Libyen, aber über dieses Kapitel sprechen sie nicht. Niemand, so wird im Gespräch nur allzu deutlich, nimmt eine mit so viel Leid verbundene Odyssee ohne Not auf sich.

Die zwei jungen Leute trafen sich in Italien wieder und beschlossen, künftig gemeinsam durchs Leben zu gehen. So einfach ist das freilich nicht. Kalab, 24 Jahre alt, lebt in der städtischen Notunterkunft, seine Frau, 25, bei einer Crailsheimer Familie: Die beiden wünschen sich so sehr eine eigene, kleine Wohnung, um endlich zusammen sein zu können – aber bei der derzeitigen Wohnungsnot in der Stadt kassieren sie immer nur Absagen.

Selam wird derzeit zur Altenpflegehelferin ausgebildet; sie will examinierte Altenpflegerin werden. Der Wunsch, eine Familie zu gründen, steht hinter dem dringenden Anliegen zurück, hier in Deutschland, in Crailsheim, wirklich anzukommen, Anerkennung und Bestätigung zu finden. Nur ihr Mann fehlt ihr sehr.

Selam hat eine gute Bekannte, die ihr beim Lernen hilft; für sie ist die Nachhilfe weit weniger wichtig als für ihren Mann, gelernter Schweißer, der zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ausgebildet wird und sich in einigen Fächern schwertut. Auch für ihn hat der Beruf Priorität: Jetzt muss er erst mal mit Mathematik und Physik zurechtkommen.

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Info


Wer helfen will, kann sich bei Kamilla Schubart melden, Stadtverwaltung, Telefon: 0176/15 46 80 06, E-Mail: kamilla.schubart@crailsheim.de