Stuttgart / SEBASTIAN STEEGMÜLLER  Uhr
In Stuttgart nahmen rund 4000 ältere Menschen Ende des vergangenen Jahres die Grundsicherung in Anspruch. Die Landeshauptstadt liegt bei der Altersarmut über dem Bundesdurchschnitt.

Die Zahl der Rentner, die in der Landeshauptstadt in Armut leben, steigt von Jahr zu Jahr. Seit 2005 verzeichnet das statistische Amt bei Senioren, die Grundsicherung benötigen, einen Zuwachs von 31,7 Prozent. Um auf die Problematik hinzuweisen, hat die Liga der freien Wohlfahrtspflege die Altersarmut in ihrer Aktionswoche zum Thema gemacht - Angebote in Stuttgart gab es nicht.

Martin Maier vom Diakonischen Werk Württemberg bedauert, dass in der Landeshauptstadt kein Programm auf die Beine gestellt wurde. "Es fehlt einfach an freien Kapazitäten. Mir blutet das Herz, dass Stuttgart hinterher hinkt, denn auch hier ist das Thema Altersarmut sehr wichtig." Beim Spaziergang durch die Fußgängerzone sehe er immer häufiger alte Menschen, die in Mülleimern nach Pfandflaschen und Lebensmitteln wühlen. "In den 80er- Jahren gab es das nur in der Penner-Szene, heute sind es Rentner, die um ihre Existenz kämpfen."

Rentner, die 40 bis 50 Jahre gearbeitet haben und sich einst eigentlich auf ihren Lebensabend nach der Pensionierung freuten. "Stattdessen leben sie in Armut bis zu ihrem Tod", erklärt Michael Marek, Geschäftsführer der diakonischen Beratungsstelle

"Nach 35 Jahren Vollzeitbeschäftigung mit einem Brutto-Einkommen von 2.500 Euro bekommt ein Rentner nicht einmal mehr 700 Euro Rente - das hat Bundesarbeitsministerin von der Leyen selbst vorgerechnet", sagt Heike Baehrens, Vorstandsmitglied der Liga in Baden-Württemberg.

Aber auch die aktuellen Entwicklungen verheißen nichts Gutes: "Seit Ende 2005 sind die absoluten Zahlen der Bezieher von Grundsicherung, die 65 Jahre und älter sind, von 3.092 auf 4.071 angestiegen", sagt der Sozialwissenschaftler Robert Gunderlach vom statistischen Amt in Stuttgart. Sprich 3,8 Prozent von insgesamt 107.544 Rentnern mit Hauptwohnsitz Stuttgart kämpfen gegen die Armut. Deutschlandweit betrage diese Grundsicherungsquote im Alter "nur" 2,5 Prozent, so der Leiter des Bereichs Sozial- und Personalstatistik weiter. "In Großstädten sind es immer etwas mehr aufgrund der höheren Lebenshaltungskosten." Tendenz steigend.

Noch halte sich das Problem in Grenzen, so der Experte, aber Altersarmut werde ein großes Problem in den kommenden Jahrzehnten. Sorgen bereiten ihm die Niedriglöhne. "Da bleibt nicht viel zum Leben." Auch Michael Marek ist pessimistisch: "Wenn nichts passiert, rollt eine große Bugwelle auf uns zu. Alle Modelle, die derzeit auf den Tisch kommen, sind nicht kostendeckend." Um das drohende Szenario zu verhindern, müsse "massiv gegengesteuert werden und eine Lösung, die flexibel und an die Kaufkraft gekoppelt ist, gefunden werden".