Interview Ex-Nationalspieler schwärmt von Olympia, Dirk Nowitzki, kleinen Hallen und dem Familienleben

Merlins-Neuzugang Konrad Wysocki (links) und HT-Redakteur Joachim Mayershofer trafen sich in der Geschäftsstelle der Basketballer.
Merlins-Neuzugang Konrad Wysocki (links) und HT-Redakteur Joachim Mayershofer trafen sich in der Geschäftsstelle der Basketballer. © Foto: Daniela Knipper
Crailsheim / JOACHIM MAYERSHOFER 29.09.2015
Die Basketball-Bundesliga startet am Wochenende in ihre 50. Saison. Die Crailsheim Merlins sind zum zweiten Mal dabei. Neuzugang Konrad Wysocki spricht über die Ziele – und Architektur.

Mit Konrad Wysocki beschreiten die Crailsheim Merlins neues Terrain. Erstmals läuft im Trikot der Zauberer ein deutscher A-Nationalspieler auf - auch wenn der 33-Jährige mittlerweile in der Liste der Ehemaligen zu finden ist. Der Flügelspieler agierte 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking an der Seite von Superstar Dirk Nowitzki. Mit den Merlins will er viele Spiele gewinnen und die Fans verzaubern, wie er im Steckbrief zur Saison 2015/16 niederschrieb.

HOHENLOHER TAGBLATT: Herr Wysocki, Sie haben an der US-amerikanischen Eliteuniversität Princeton ein Architektur-Studium abgeschlossen. Welche Halle in der Basketball-Bundesliga gefällt Ihnen als Fachmann denn am besten?

KONRAD WYSOCKI: (lacht) Eine Halle architektonisch zu sehen, ist schwer. In der Mercedes-Benz-Arena in Berlin macht es großen Spaß zu spielen. Ansonsten ähneln sich die meisten Hallen. Ich habe gerne in kleineren Hallen gespielt. In der Ulmer Kuhberghalle habe ich erste BBL-Luft geschnuppert. Das war genau mein Ding, ein echter Hexenkessel. In Polen gab es auch winzig kleine Hallen, in denen eine gigantische Stimmung war. Ich habe gehört, dass es in Crailsheim ganz ähnlich sein soll. Darauf freue ich mich jetzt schon.

Haben Sie sich mit dem stellvertretenden Abteilungsleiter Joachim Wieler, der ebenfalls Architekt ist, schon darüber ausgetauscht, wie eine Halle der Merlins aussehen könnte?

WYSOCKI: Nein, der Fokus liegt momentan eindeutig auf Basketball. Ich wurde aber schon von etlichen Stellen angesprochen. Mir wurde zum Beispiel der Bürgermeister vorgestellt. Er hat auch gesagt, man könnte sich dann ja mal zusammensetzen und eine neue Halle planen. Aber das wäre wohl mehr Jux und Spielerei jetzt.

Haben Sie bereits praktisch gearbeitet oder waren Sie immer nur Basketball-Profi?

WYSOCKI: Ich habe direkt nach meinem Studium in den USA ein paar Monate gearbeitet und auf mein Visum gewartet. Dann bin ich nach Deutschland zurückgekommen und habe dort die ersten Jahre auch gearbeitet. Danach wurde es immer professioneller mit dem Basketball und dann fehlt einfach die Zeit.

Warum spielen Sie eigentlich noch Basketball? Als Architekt könnten Sie doch bestimmt wesentlich mehr verdienen als bei den Merlins.

WYSOCKI: Nach meiner Uni-Zeit hatte ich die Entscheidung zu fällen, werde ich Architekt oder spiele ich Basketball. Ich habe mich für Basketball entschieden, weil ich jung, dynamisch und fit war und Energie hatte. Architekt kann ich auch noch später machen. Ich war recht schnell ziemlich erfolgreich, durfte dann Nationalmannschaft spielen und habe mich in der BBL etabliert. Ich genieße mein Basketballleben unheimlich. Ich habe jetzt eine Familie, ein kleines Kind. Morgens habe ich eine Trainingseinheit, dann sehe ich meinen Sohn den ganzen Nachmittag, abends gehe ich wieder ins Training, wenn er ins Bett geht. Ich glaube nicht, dass es viele Väter gibt, die behaupten können, dass sie so viel Zeit mit ihren Kindern verbringen können während der Arbeitszeit. Ich freue mich aber auch schon auf die Zeit danach.

Was gab letztlich den Ausschlag, dass Sie aus Polen zu den Merlins wechselten? War auch die Nähe zu Ulm, wo Sie Ihre Frau kennenlernten, ein Grund?

WYSOCKI: Wir haben familiäre Verbindungen nach Heidenheim, das ist noch ein Stück näher. Deshalb war das einer der ausschlaggebenden Gründe, aber natürlich nicht der einzige. Hier ist eine richtig interessante Situation gegeben. Man darf wieder mit in der BBL dabei sein, hat letzte Saison schon wichtige Erfahrungen gesammelt, auch wenn man sportlich nicht in der Liga geblieben ist. Jetzt hat man dieses erste Jahr durchgemacht, hat eine komplett neue Truppe zusammen, fängt von vorne an mit neuen Spielern. Jetzt kann man den nächsten Schritt machen, und da will ich gerne meinen Teil dazu beitragen.

Vergangene Saison gelang Crailsheim erst am sechsten Spieltag der erste Sieg. Mangelnde Erfahrung lautete eine Erklärung. Warum wird es dieses Jahr besser laufen?

WYSOCKI: Wir müssen schauen, dass wir unseren Basketball finden, unseren Stil, unseren Rhythmus - das, was uns stark macht diese Saison. Wenn wir das vom ersten bis zum letzten Spieltag durchziehen und konstant besser werden, bin ich sicher, dass wir nicht zittern müssen. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Wir dürfen weder zu euphorisch werden, wenn es gut läuft, noch in Panik verfallen, wenn es schlecht läuft.

Wie ist Ihr Bauchgefühl allgemein so kurz vor dem Saisonstart? Die Euphorie im Umfeld scheint fast größer zu sein als nach dem Aufstieg.

WYSOCKI: Das liegt sehr viel an den Charakteren in der Mannschaft. Es sind sehr viele verschiedene Typen, die sich prima ergänzen. Es gibt eine paar Spaßvögel und ein paar ernste, ein paar erfahrene und ein paar junge Wilde. Der Mix ist sehr gut. Dazu haben wir mit unseren Coaches Leute, die uns an der kurzen Leine halten. Wir strotzen vor Energie, das hat man in den ersten Spielen gesehen. Und bei allen PR-Maßnahmen sind wir als sehr sympathische Mannschaft rübergekommen. Das hilft in so einer kleinen Stadt wie Crailsheim enorm.

Ist es aber nicht problematisch, dass gar keine Identifikationsfigur der Vorsaison geblieben ist und es einen kompletten Umbruch gab?

WYSOCKI: Nein. Nach den ersten Spielen finden die Fans ihren Liebling. Wenn's auf dem Feld gut läuft und die Zuschauer sehen, dass die Mannschaft engagiert ist, dann ist das ganz egal. Man sieht uns hier in der Stadt, wir sind überall präsent, sind nah dran an den Menschen. Wenn die Resultate einigermaßen passen und wir uns gut verkaufen, bin ich sicher, dass man als Zuschauer schnell zu uns finden kann.

Sie standen mit Oldenburg 2013 in den Finalspielen der BBL, unterlagen dort Bamberg 0:3. Wer ist dieses Jahr Ihr großer Titelfavorit?

WYSOCKI: Die üblichen drei: Berlin, Bamberg und München. Sie werden wieder das Maß aller Dinge sein. Das sind aber alles Mannschaften, mit denen wir uns nicht messen dürfen. Unser Ziel ist es, am Ende besser zu sein als mindestens zwei andere Mannschaften.

Auf welche Spiele freuen Sie sich noch besonders?

WYSOCKI: Auf Oldenburg und Ulm. In Oldenburg habe ich zwei ganz tolle Jahre gehabt. Ich freue mich auf Ricky Paulding und Chris Kramer, die Jungs, die ich von damals noch kenne. Ansonsten ist die BBL ja sehr schnelllebig, Spieler kommen und gehen. Bei den Ulmern kenne ich noch viele aus dem Umfeld. Wichtig sind die Spiele gegen unsere direkten Konkurrenten.

Als Höhepunkt Ihrer Karriere bezeichnen Sie die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2008 in Peking. Was war daran das Besondere?

WYSOCKI: Es war vieles. Im olympischen Dorf trifft man Leute, die man vorher noch im Stadion gesehen hat, die dann ganz stolz ihre Medaillen präsentieren. Es war unfassbar. Wir haben (Michael) Phelps schwimmen sehen, wir haben (Usain) Bolt laufen sehen, wir haben mit (dem Gewichtheber) Matthias Steiner seine Goldmedaille gefeiert. Es gab so viele tolle Sachen. Auch, dass Dirk (Nowitzki) die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier tragen durfte. Man läuft durch einen Tunnel, weiß gar nicht, wo man überhaupt rauskommt, am Ende sieht man nur das Licht. Und plötzlich sieht man 80 000 Chinesen, die einen anfeuern. Das war eine sensationelle Sache. Ich bin sehr dankbar, dass ich das miterleben durfte.

Sie haben Ihren Teamkollegen Dirk Nowitzki angesprochen. Ist er wirklich so normal geblieben, wie alle immer sagen?

WYSOCKI: Er ist ein extrem bodenständiger Typ und mit seinem Mentor Holger Geschwindner sehr stark verbunden. Die beiden sind mit die bodenständigsten Menschen, die ich überhaupt kenne. Er ist jemand der sehr professionell ist im Training, macht alles zu 100 Prozent, und ist dabei die Nettigkeit in Person. Zurück zu Olympia: Er hat nie ein Autogramm oder ein Foto abgeschlagen. Teilweise mit einer Ruhe, die wirklich beeindruckend war.

Nowitzki gilt als Teamspieler, Aufbauspieler Dennis Schröder dagegen als Ego-Zocker. Er wird viel kritisiert für seine Spielweise.

WYSOCKI: Schröder ist ein Riesentalent. Er ist extrem jung, muss noch sehr viel lernen. Aber das, was er jetzt schon auf dem Basketballfeld zeigt, ist beeindruckend. Selbstverständlich gibt's die eine oder andere Situation, wo er noch nicht so reagiert, wie er vielleicht sollte. Das wird sich aber mit den Jahren noch geben. Sein großes Selbstbewusstsein ist auch der Grund, warum er da ist, wo er gerade steht.

Das Interview führte HT-Redakteur Joachim Mayershofer.

Der Gesprächspartner

Konrad Wysocki wurde am 28. März 1982 in Rzeszów in Polen geboren. Als er vier Jahre alt war, zog er mit seinen Eltern nach Deutschland. Der 2,02 Meter große und 98 Kilogramm schwere Small Forward absolvierte für Ratiopharm Ulm, Frankfurt Skyliners und EWE Baskets Oldenburg 190 BBL-Spiele. Dazu spielte er in der ersten polnischen Liga für Turow Zgorzelec und Anwil Wloclawek. Für die deutsche Nationalmannschaft lief der 33-Jährige 51-mal auf, unter anderem bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking und bei der Europameisterschaft 2009 in Polen. Wysocki studierte an der renommierten Universität Princeton Architektur und schloss sein Studium ab. Er spielte dort im Team der Princeton Tigers Basketball. In der Ivy League der College-Liga NCAA wurde er zum Rookie (bester Neuling) des Jahres 2001 gekürt. Konrad Wysocki ist verheiratet und hat einen Sohn.

JOM

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel