Menschen Einer von uns: Waldemar Jauch, der Bändiger des Flüchtigen

Hier, an seinem Schneidetisch, entlässt Waldemar Jauch geordnet in die Freiheit, was er zuvor eingefangen hat.
Hier, an seinem Schneidetisch, entlässt Waldemar Jauch geordnet in die Freiheit, was er zuvor eingefangen hat. © Foto: Sebastian Unbehauen
Crailsheim / Sebastian Unbehauen 11.04.2017
Waldemar Jauch hält seit Jahrzehnten mit seiner Kamera fest, was sonst vom Vergessen bedroht wäre. Dafür hat ihn die Stadt mit dem goldenen Horaff ausgezeichnet.

Seine erste Premiere vor ungefähr vier Jahrzehnten war nicht gerade oscarverdächtig: Waldemar Jauch hatte den Familienurlaub in Kaltern mit der Super-8-Kamera begleitet, jetzt legte er die große Filmrolle im „Fuchsen“ in Ingersheim ein, wo sich der Crailsheimer Filmclub traf. Nach zehn Minuten sagte der Hobby-Kameramann und damalige Kirchberger Bürgermeister Fritz Bullinger: „Jetzt ist’s gut, jetzt können wir’s ausschalten.“

Jauch lacht, wenn er sich da­ran erinnert. Er weiß ja, was er seinerzeit alles nicht wusste: Wie man einen Beitrag so schneidet, dass er keine Längen hat, etwa. Was ein Bildsprung ist und wie man ihn vermeidet. Dass man nicht wild mit der Kamera umherschwenkt. Grundlegendes eben. Jauch ließ sich nicht entmutigen, zwei Jahre später zeigte er einen Film über die Landesgartenschau in Schwäbisch Hall – und gewann beim Film- und Videoclub den ersten Preis. Bürgermeister Bullinger musste sich in dem Wettbewerb mit seinem Streifen geschlagen geben und kommentierte das so: „Blämlich, des welle di Leit halt seche!“

Und heute? Ist Jauch der Bändiger des Flüchtigen; der Mann, der in Crailsheim und Umgebung festhält, was in die Vergessenheit davonzulaufen droht. Sein neuester Film über die Geschichte Crailsheims als Eisenbahnerstadt ist mit derart großem Interesse aufgenommen worden, dass der Rathaussaal in der vergangenen Woche schlicht zu klein für die Premiere war.

Und als ob das nicht genug des Ruhmes wäre, hat Oberbürgermeister Rudolf Michl Jauch vor Kurzem auch noch den goldenen Horaff – die wichtigste Auszeichnung der Stadt – ans Revers geheftet.

Dabei ist Jauch von Haus aus gar kein Crailsheimer. Seine Eltern stammten aus Bessarabien, er selbst wurde 1944 in Posen im heutigen Polen geboren. Nach der Vertreibung wurde Hohenlohe zum neuen Zuhause – zuerst Mistlau, dann kurz Lobenhausen, schließlich Kirchberg. Im Städtle an der Jagst ist Jauch aufgewachsen. „Für mich ist das Heimat“, sagt er. Jauch absolvierte eine Ausbildung zum Elektriker, später dann die Meisterprüfung. Er arbeitete für verschiedene Betriebe, bevor er sich selbstständig machte. Seit 1969 lebt er mit seiner Frau Erika in Crailsheim.

Aber zurück zum Hobby, dem Filmen, das eigentlich längst mehr ist: Lebens-Leidenschaft und Ruhestands-Beruf. Begonnen hat es damit, dass Jauchs Bruder sich eine Super-8-Kamera anschaffte. „Das hat mir so gefallen, dass ich dachte: Das muss ich auch probieren“, sagt Jauch.

Es folgte der besagte missglückte Urlaubsfilm, es folgte der Erfolg mit den „Blämlich“ in Hall, es folgte der Austausch mit Hubert Ulrich, seinem „großen Lehrmeister“ beim Film- und Videoclub  – und es folgten so viele weitere Filme, dass Jauch die genaue Zahl selbst nicht kennt: „Ich zähle die Filme nicht. Und ich zähle auch nicht die Stunden, die ich daran schaffe. Das glaubt mir eh kein Mensch.“

Jauch findet es faszinierend, Menschen mit der Kamera näherzukommen. Und er liebt es, am Computer kreativ sein zu können, den richtigen Schnitt zu setzen, die passende Musik zu finden, die unzähligen Bilder, die er in einem langen Prozess eingefangen hat, wieder wohlgeordnet in die Freiheit zu entlassen.

Zuletzt hat Jauch häufig mit Stadtarchivar Folker Förtsch zusammengearbeitet, wenn es etwa um Crailsheim als Reformationsstadt oder um die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg ging. Gerade arbeitet er an verschiedenen Projekten gleichzeitig: Da geht es um die Zerstörung und den Wiederaufbau Braunsbachs, um die Crailsheimer Störche, um Sühnekreuze, die Anhäuser Mauer – und um den anstehenden 70. Geburtstag seiner Frau. Letzteres ist Ehrensache und Herzensangelegenheit. Schließlich könnte Jauch nicht so ausgiebig filmen, wenn nicht die Hauptdarstellerin in seinem Privatleben derart viel Verständnis zeigen würde.

Jauch freut sich sehr, dass seine Arbeit in letzter Zeit viel Anklang findet. Die Verleihung des goldenen Horaffs hat ihn stolz gemacht. Oberbürgermeister Michl sagte bei der Verleihung: „Durch die teilweise sehr aufwendigen Produktionen haben Sie die Geschichte Crailsheims einem breiten Publikum nähergebracht und damit einen wichtigen Beitrag für das Interesse an und die Identifikation mit unserer Stadt geleistet.“ Und Jauch sagt: „Bisher habe ich mich vielleicht immer ein bisschen als reingeschmeckter Crailsheimer gefühlt. Aber jetzt bin ich ein waschechter.“