Crailsheim Taxifahren: ein Stück Freiheit hinterm Steuer

„Man weiß nie, wie es kommt“, sagt Taxi-Unternehmer Hans-Georg Stöhr. Aber: „Wichtig ist: immer da sein.“
„Man weiß nie, wie es kommt“, sagt Taxi-Unternehmer Hans-Georg Stöhr. Aber: „Wichtig ist: immer da sein.“ © Foto: Jens Sitarek
Crailsheim / Jens Sitarek 17.07.2018
Hans-Georg Stöhr fährt seit fast 40 Jahren Taxi. Er ist zwar der letzte „selbstfahrende Taxi-Unternehmer“ in Crailsheim, aber er ist immerhin sein eigener Chef.

Montag ist immer ein stressiger Tag“, sagt Hans-Georg Stöhr. Aber das Gute ist: Wenn es stressig ist, hat er immer viel zu tun. So wie gestern. Geifertshofen, Tempelhof, einige Stadtfahrten, dann Termin mit der Lokalzeitung. Am Bahnhof. Dort steht er immer und wartet. „Da kann ich auf Toilette gehen und was trinken“, sagt er und lacht. Beim Kiosk hat er sogar eine eigene Kaffeetasse, aber die war gestern noch in der Spülmaschine. Der normale Kaffee kostet 1,50 Euro, die Bockwurst mit Brötchen 2,50 Euro.

Hans-Georg Stöhr, 60, ist Taxifahrer, dem eigenen Bekunden nach der letzte „selbst fahrende Taxi-Unternehmer“, wie es in der Fachsprache heißt. Mit anderen Worten: Er ist allein und sein eigener Chef. Stöhr trägt Turnschuhe, Jeans, Polohemd und Armbanduhr, auf der Baseball-Kappe steht Mercedes-Benz. Sein Markenzeichen ist der Schnauzer, nur: „Der wird jetzt immer grauer.“

Start mit einem Opel Admiral

Stöhr bezeichnet sich als „Ur-Crailsheimer“, schon sein Vater und Großvater wurden hier geboren. Seinen Taxiführerschein machte er 1979. „Nächstes Jahr werden es 40 Jahre“, sagt Stöhr. Dabei guckt er so, als könne er es selber kaum glauben. 40 Jahre. „Die Arbeit macht mir Spaß.“ Am Anfang fuhr er mal ein Jahr für eine andere Firma, um zu gucken, ob das was für ihn ist. Es war was für ihn, „weil ich mit vielen Menschen zusammenkomme“ und weil es „ein Stück Freiheit“ ist. Für die Konzession bezahlte er damals 17.000 D-Mark, Opel Admiral inklusive.

Nach dem Opel fuhr er Audi 100, Passat Kombi und dann Skoda Superb. Zu seinem 60. Geburtstag stieg er auf eine B-Klasse von Mercedes um. Sein Arbeitstag geht von 7.30 bis 18, manchmal 19 Uhr. Sechs Tage die Woche. Wenn es gut läuft, hat er 20 bis 25 Kunden pro Tag. Wenn sich Stammkunden melden, steigt er auch nach 19 Uhr oder sonntags ins Auto. „Man weiß nie, wie es kommt“, sagt Stöhr. Einmal war es 18.30 Uhr, und er wollte gerade Feierabend machen. Dann kam eine Frau und wollte nach Nürnberg zum Flughafen. Natürlich hat er sie noch gefahren. „Wichtig ist“, fügt Stöhr hinzu, „immer da sein.“

Aber es sei nicht mehr wie früher, sagt er noch, die Zeiten hätten sich geändert. Früher habe er mehr private Fahrten gehabt, heute seien es „Firmen, Krankentransporte und Bahnkunden, die nicht weiterkommen“. Und es habe früher viele Einzelunternehmer in Crailsheim gegeben, die hätten zusammengehalten und sogar zusammen gefeiert. Und heute? Heute gebe es zwei, drei große Unternehmen, und jeder schaffe für sich.

Stöhr kann sich nicht vorstellen, in Berlin oder München Taxi zu fahren. Oder in Stuttgart. „In Stuttgart schon dreimal nicht“, sagt er. „Da staut sich alles. Der, der keine Automatik hat, hat danach einen Beinschaden. Ich bin jedes Mal froh, wenn ich wieder raus bin.“ Seine weiteste Fahrt ging mal nach Münster, seine liebste Fahrt ist die auf der B 290 Richtung Bad Mergentheim.

Prominente Fahrgäste

Natürlich kommt es auch vor, dass Stöhr mit Prominenten zu tun hat. Zum einen war da der Moderator, Mediziner und Kabarettist Eckart von Hirschhausen. „Eine Tante von ihm war Ärztin in Crailsheim“, weiß Stöhr. Erkannt habe er von Hirschhausen schließlich an einer Tüte, auf der stand: „Lachen, wenn der Arzt kommt“. Zum anderen war da Gunter Gabriel, der Country- und Schlagersänger. „Das glaubt mir kein Mensch“, sagt Stöhr. In den 1980er-Jahren war Messe auf dem Volksfestplatz und „der hat da geklimpert“.

Die Geschichte geht ungefähr so: „Gunter Gabriel hier. Ich brauche ein Taxi. Bei meiner Gitarre ist eine Saite gerissen“, hieß es an der Taxirufsäule am Bahnhof, erinnert sich Stöhr. Und: „Die Stimme kam mir bekannt vor. Aber ich habe noch mal nach dem Namen gefragt, weil ich dachte, da will mich einer verkackeiern. Als dann das Wort Messe fiel, da war es klar.“

Stöhr düste zum Volksfestplatz, holte die Gitarre, fuhr weiter in die Sandgrubenstraße zu einem Musikladen und dann mit der reparierten Gitarre wieder zurück. Es gab ein ordentliches Trinkgeld – und für seine Frau eine Autogrammkarte mit Widmung, „Für Hannelore“.

Demnächst geht es mit Hannelore in den Urlaub. 14 Tage Rügen. Wie jedes Jahr. Wie schon seit 25 Jahren. Die Kreidefelsen haben es ihnen angetan. Los geht es morgens um 2.30 Uhr. Beim Autofahren wechseln die beiden sich ab. Auf Rügen leiht er sich immer ein Fahrrad und erkundet die Insel. Zu Hause hat Hans-Georg Stöhr keine Zeit für Hobbys. Das sieht man an dem Fahrrad, das er einst zum 40. Geburtstag geschenkt bekam. Der Tachostand beträgt 60 Kilometer.

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