Menschen Ein Chronist, der offen ist für alles

Herbert Holl hat zum ersten Mal in seinem Leben den freien Kopf, den es braucht,  Mußezeit zu genießen.
Herbert Holl hat zum ersten Mal in seinem Leben den freien Kopf, den es braucht,  Mußezeit zu genießen. © Foto: Birgit Trinkle
Crailsheim / Von Birgit Trinkle 08.12.2018
Herbert Holl, im Frühjahr verabschiedeter Crailsheimer  Baubürgermeister, widmet sich der Familie, der Stadtgeschichte, der französischen Partnerstadt und seinem Fahrrad.

Es ist ein Haus mit vielen Türen, „tausend Türen“, in dem sich Herbert und Claudia Holl sichtlich wohlfühlen. Holls Elternhaus macht Arbeit, sicherlich, aber dass diese Scholle in Ingersheim seit 1803 im Besitz der Familie ist, sieht Crailsheims früherer Baubürgermeister als Verpflichtung. Derzeit hat er Zeit für so etwas.

Mit 59 Jahren führt er zumindest kurzfristig das Leben eines Frührentners. Einer der sein Leben immer so geführt hat, dass seine Arbeit erfüllend war und keine Auszeit nötig wurde, kein Sabbatjahr, keine Burnout-Behandlung, hat nun zum ersten Mal in seinem Leben nicht nur die Zeit, sondern auch die Muße für ganz anderes. Nach seiner Verabschiedung im Frühjahr ist er zunächst mit seiner Frau durch Frankreich gereist, dann allein sechseinhalb Wochen lang durchs Nachbarland geradelt. Überhaupt das Fahrrad: Rund 10 000 Kilometer ist er heuer gefahren; mit dem Crailsheimer Radsportverein arbeitet er an einem neuen Radballerstand fürs Volksfest – die bestehende 35 Jahre alte Konstruktion ist viel zu schwer.

Der Kreistag ist ihm wichtig

Als Mitglied des Kreistags hat er jüngst die Haushaltsrede für die CDU gehalten: Im Kreistag mitzuarbeiten ist etwas, das ihm wichtig ist. Hier könne er für Crailsheim nach wie vor etwas bewirken, sagt er. Als er die Rede zum Volkstrauertag hielt, trat, er erneut an die Öffentlichkeit. Ebenso wird er als Ausschussmitglied im historischen Verein im Februar im Rahmen des heimatgeschichtlichen Abends einen Vortrag zur Stadthalle halten. Dabei sieht er sich als Chronist einer Geschichte, die 1925 beginnt, mit dem Bau der Jahnhalle als Turn- und Veranstaltungshalle. Er kommentiert nicht, wertet nicht, empfiehlt nicht. Immerhin, sagt er, war er selbst lange Zeit Akteur, „alles andere wäre unangemessen“. Generell will er sich nicht öffentlich zu Kommunalpolitik und Stadtgeschehen äußern. Statt dessen spricht er zum Beispiel über Crailsheims Verbindung zu Pamiers – zum 50-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft organisiert er zusammen mit Domi­nique Lafont aus Pamiers und unterstützt von den Stadtverwaltungen eine Ausstellung mit zehn Infotafeln über die französischen Freunde, zehn zu Crailsheim und weiteren zehn Stationen zur Partnerschaft.

Im Herbst hat er an der Hochschule Ludwigsburg Vorlesungen zu Projektmanagement und Investitionsplanung gehalten. „Etwas, das in Crailsheim nicht immer funktioniert“, sagt er und grinst, weil er seine Meinung doch nicht ganz für sich behalten kann.

Nachdenken über Endlichkeit

Er hat immer bedauert, dass für die musischen Seiten nie genug Zeit und Raum war in seinem Leben, für die Musik, für Kunst, für Sprachen. Dass er jetzt an der VHS Französisch lernen kann, ist für ihn Luxus. Nur festlegen will er sich nicht, etwa durch Vorstandsämter, die ihm durchaus angetragen werden, dauerhaft Verpflichtungen eingehen. Denn für den Ruhestand sei er noch lange nicht gebrechlich genug: Am Ende des Ruhestands steht nämlich der Tod. Das gibt diesem Lebensabschnitt schon etwas Eigentümliches, das nachdenken lässt, ein Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit, das im Arbeitsleben nicht so wahrgenommen wird. Aber noch ist Herbert Holl ja nicht endgültig im Ruhestand. Denn wenn sich etwas ergibt, ganz gleich was, das ihm entspricht und ihn begeistert, ist er dabei. Durchaus offen für eine weitere berufliche Herausforderung, „auch für ganz Neues“ sei er. Damit hat er sein Leben lang gute Erfahrungen gemacht. Zudem hatte er allein als Baubürgermeister mit allen Lebensbereichen zu tun, von der Bestattung bis zum Kindergarten, mit den unterschiedlichsten Menschen und Anliegen.

Immer wieder neue Wege

Holl ist ein überzeugter Crailsheimer, keiner, der mangels anderer Gelegenheit geblieben ist: „Ich hatte nie das Gefühl, dass ich wegmusste, dass mir hier etwas fehlt.“ Was er zeitlebens hatte, immer wieder, ist das Gefühl, etwas Neues angehen zu müssen, aus eigenem Antrieb, einfach aus der Freude am Neuanfang heraus. So war er nach der Hauptschule zwei Jahre lang als Polizist mittendrin im Deutschen Herbst, stand in Stammheim Wache und im Garten des später entführten Hanns Martin Schleyer. Dann entschloss er sich, das Abitur nachzuholen, studierte Elektrotechnik, fand, das passe nicht zu ihm und wurde Bauingenieur. Er arbeitete bei einer Baufirma als Projektleiter, bis es wieder an der Zeit für einen Wechsel war. Nach der Zweiten Staatsprüfung war er als Regierungsbaumeister zuerst im Künzelsauer Wasserwirtschaftsamt, dann nach einer Zwischenstation in Heilbronn Tiefbauamtsleiter in Neckarsulm.

Nach 16 Jahren als Crailsheimer Baubürgermeister fand er erneut, die Zeit für etwas anderes sei gekommen. Endlich durchschnaufen? Aber nein, sagt er und lacht. „Sehr, sehr gern“ habe er diesen Job gemacht, zufrieden sei er gewesen, etwas bewegen zu können, voller Freude nicht nur an der Arbeit, sondern auch an den Kollegen. „Nein, das war keine Last, zu keinem Zeitpunkt.“ Für so eine Aufgabe ist er in jedem Fall offen.

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