wahlkreis:Schwäbisch Hall (22) Ein Besuch beim Crailsheimer Noch-Abgeordneten Helmut W. Rüeck am Tag danach

Zwei große Verlierer der Landtagswahl: Die beiden langjährigen Abgeordneten aus dem Landkreis Schwäbisch Hall, Helmut W. Rüeck (CDU) aus Crailsheim (Bildmitte) und Nikolaos Sakellariou (SPD) aus Schwäbisch Hall (rechts), sind am Sonntag aus dem Landesparlament geflogen. Archivfoto: Marc Weigert
Zwei große Verlierer der Landtagswahl: Die beiden langjährigen Abgeordneten aus dem Landkreis Schwäbisch Hall, Helmut W. Rüeck (CDU) aus Crailsheim (Bildmitte) und Nikolaos Sakellariou (SPD) aus Schwäbisch Hall (rechts), sind am Sonntag aus dem Landesparlament geflogen. Archivfoto: Marc Weigert © Foto:  
Crailsheim / ANDREAS HARTHAN 15.03.2016
"Was soll ich denn antworten?" Helmut W. Rüeck schaut den Reporter fragend an. Gerade hat der CDU-Parlamentarier aus Crailsheim, der vorgestern aus dem Landtag geflogen ist, erzählt, dass er seit Sonntag ständig gefragt wird, wie denn so was passieren konnte.

Was soll ich denn antworten?" Helmut W. Rüeck schaut den Reporter fragend an. Gerade hat der CDU-Parlamentarier aus Crailsheim, der vorgestern aus dem Landtag geflogen ist, erzählt, dass er seit Sonntag ständig gefragt wird, wie denn so was passieren konnte. Ja, was soll er den Leuten antworten, wenn sie ihn so fragen? "Sie hätten mich wählen sollen und nicht die AfD oder die FDP", könnte er ihnen sagen.

Aber Rüeck macht das nicht. "Meine Wählerinnen und Wähler haben mir 15 Jahre im Landtag geschenkt", gibt er stattdessen zu Protokoll. Nein, er, der noch bei der Kommunalwahl vor zwei Jahren Stimmenkönig in seiner Heimatstadt war, will nun nicht an denjenigen, die ihn am Sonntag nicht (mehr) gewählt haben, herumkritteln oder sie gar kritisieren. Also bemüht er sich um ein Lächeln, wenn er wieder den Satz hört: "Herr Rüeck, das ist aber schade!"

Der Druck ist weg

Was macht ein Mann in den 50ern, der 15 Jahre lang Politiker als Beruf angegeben hat und der nun über Nacht ohne Mandat dasteht? Rüeck sitzt am Esstisch und lässt sich mit der Antwort Zeit. Dann sagt er einen zunächst verblüffenden Satz: "Ich bin irgendwie erleichtert." Erleichtert darüber, dass jetzt Klarheit herrscht. Der Druck in den vergangenen Wochen sei enorm gewesen, erzählt er. Reicht's, reicht's nicht? Das ständige Nachdenken über eine Frage, die nicht der beantworten kann, der sie stellt. Sondern nur die Wählerinnen und Wähler.

Deren Votum in Crailsheim macht dem Stimmenkönig von 2014 zu schaffen. Fast jede(r) Vierte hat AfD, NPD oder Republikaner gewählt. Er selbst stürzte auf 24 Prozent (-16,6 Prozent) ab, gerade mal noch ein Prozentpunkt vor der in Crailsheim weitgehend unbekannten Kandidatin der Grünen aus Hall. Die ihm das Direktmandat abgejagt hat. Deren Wahl dafür gesorgt hat, dass er heute einen Termin bei der Landtagsverwaltung in Stuttgart hat. Es geht ums Übergangsgeld. Eine Finanzspritze für diejenigen, die nicht wiedergewählt worden sind. Also eine Art Arbeitslosengeld für Ex-Parlamentarier.

Nein, geschockt habe ihn sein schlechtes Wahlergebnis nicht, erzählt der Mann, der seit rund 40 Jahren für die CDU Politik macht. Er habe schon "um Weihnachten herum" angefangen, sich mit der Frage zu beschäftigen, was denn wäre, wenn's richtig schlecht läuft. Schon etwa 14 Tage vor der Wahl sei ihm klar gewesen: "Der Kampf ist so gut wie aussichtslos." Gekämpft hat er trotzdem, jeden Tag, bis zuletzt. Jetzt sitzt er am Tisch, gefasst, ein bisschen müde, listet auf, mit was er sich nun befasst: Telefon im Wahlkreisbüro in Schwäbisch Hall kündigen, schauen, dass sein Mitarbeiterstab in Hall und Stuttgart irgendwo unterkommt, überlegen, was mit Hunderten von Aktenordnern geschieht, die sich in den Büros angesammelt haben. Tut das alles weh? Nein, versichert er. Aufräumen, sortieren, entsorgen - das müsse jetzt und schnell getan werden, da sei einfach keine Zeit, sich mit Weltschmerz in der Wohnung einzuschließen.

Die Klatsche vom Sonntag versteht Rüeck "nicht als persönliche Niederlage". Der Wahlkreis Schwäbisch Hall sei "noch nie ein dunkelschwarzer" gewesen und immer wieder anfällig für ein hohes Protestwählerpotenzial. Der Noch-Abgeordnete will sich ein positives Bild von den 15 Jahren in der Landespolitik bewahren. "Ich habe oft helfen können", erinnert er sich, "habe manches auf den Weg gebracht." Herausragende Beispiele sind für ihn die Ansiedlung der Fachhochschule in Schwäbisch Hall und der Bau der Arena Hohenlohe in Ilshofen. Das Schöne bei Fahrten durch den Landkreis sei, kommt er ins Erzählen, "dass du immer wieder irgendwo vorbeikommst, wo du Wege geebnet oder Entscheidungen befördert hast".

Wohin werden ihn seine künftigen Fahrten führen? "Weiß ich nicht", lautet die schnelle Antwort. Helmut W. Rüeck, der in der nächsten Woche seinen 54. Geburtstag feiert, hat keinen Plan B in der Schublade. Seine Gesundheit hat gelitten in letzter Zeit, da will er nichts überstürzen, "ich schaue jetzt einfach mal auch etwas mehr nach mir". In seinem Alter ist an Ruhestand noch nicht zu denken. Immer wieder hatte er in den vergangenen Jahren "interessante Angebote aus der Wirtschaft erhalten". Aber jetzt ist er eben kein Abgeordneter mehr. Klar, sagt er, das ist ihm schon klar, aber wer weiß. . .

Ende April ist Schluss

Dann erzählt er von der intensiven Arbeit der vom Landtag eingesetzten Enquetekommission Pflege, deren Vorsitzender er war. Der viele Hundert Seiten umfassende Abschlussbericht der Kommission liegt seit Januar vor. Er beinhaltet jede Menge Empfehlungen an künftige Landesregierungen. Die Pflege, sagt Rüeck, die kommt auch in Baden-Württemberg noch viel zu kurz. Die müsse schnellstmöglich eine politische Bedeutung gewinnen wie etwa der Ausbau der Kinderbetreuung. "Da muss noch viel passieren in den nächsten Jahren", betont er und ist schon wieder ganz Abgeordneter. Ist er ja auch noch bis Ende April.

Bis dahin wird er noch viele Male den "Schade um Sie, Herr Rüeck"-Satz zu hören bekommen und ein freundliches Gesicht dazu machen müssen. Und er wird wohl auch jedes Mal daran denken müssen, dass mehr als jede(r) Fünfte in seiner Heimatstadt, für die er sich 15 Jahre lang auch als Landtagsabgeordneter eingesetzt hat, die AfD wählte.

Zur Person

Helmut W. Rüeck wurde am 21. März 1962 in Crailsheim geboren, wird also demnächst 54 Jahre alt. Er absolvierte bei Voith eine Lehre als Maschinenschlosser. 1980 trat er in die CDU ein. Von 2001 bis 2016 war er Landtagsabgeordneter, seit 2009 einer der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden. Er saß der Enquetekommission des Landtages zum Thema Pflege in Baden-Württemberg vor. Rüeck ist nach wie vor Mitglied des Crailsheimer Gemeinderates und des Kreistages.

AH

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