Feuchtwangen „Faust“ voll Überraschungen

Thomas Hupfer spielt den Dr. Faust (links), Rudolf Krause gibt den Mephisto.
Thomas Hupfer spielt den Dr. Faust (links), Rudolf Krause gibt den Mephisto. © Foto: Ralf Snurawa
Feuchtwangen / Ralf Snurawa 13.06.2018
Die Kreuzgangspiele Feuchtwangen erfreuen mit einer abwechslungsreichen Inszenierung von Goethes Klassiker. Das große Ensemble erhält sehr viel Beifall.

Seit 45 Jahren besuche er nun schon zusammen mit seiner Frau die Kreuzgangspiele in Feuchtwangen, merkte der ehemalige bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein in seinen Worten zur Premierenfeier an. Die Inszenierung von Johann Wolfgang von Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil“ durch Intendant Johannes Kaetzler nannte er eine „herausragende Leistung“. Denn im Rückblick auf seine Schulzeit habe er, so Beckstein, das Stück doch als recht langweilig und anstrengend in Erinnerung. Kaetzlers In-Szene-Setzen habe mit ihrem „Sinn für Ironie mit Blick auf Elektroratte und Pudel“ die Befürchtungen vertrieben.

Und in der Tat überrascht Kaetzlers „Faust“-Interpretation durch schnelles, abwechslungsreiches Spiel und farbenfrohe Bilder. Dazu gehört vor allem die Walpurgisnacht, die sich als lustvolles Tanz- und Sexgelage in Rot, Schwarz und Grün erweist, wie auch die von Peter Heeg und Sina Schulz als Hexen nicht minder lustvoll ausgespielte Hexenküche.

Andere fesselnde Bilder bietet die herausragende Darstellerin der Margarete, Julia Suzanne Buchmann. Dazu gehören die Momente, in denen Gretchen allein ist: naiv in ihrer Stube, als sie das Lied vom „König in Thule“ anstimmt, verwundert das Schmuckkästchen entdeckt, und später voller Sehnsucht nach Heinrich Faust über den Verlust ihres seelischen Gleichgewichts sinniert.

Die Gartenszene mit ihren von Thomas Hupfer als Faust, Rudolf Krause als Mephisto und Gabriele Fischer als Marthe Schwerdtlein gewitzt ausgespielten Dialogen wird in der Aufführung zum starken Kontrast zur Zwinger-Szene. Da fleht Julia Buchmann als Gretchen die Mater Dolorosa hingebungsvoll und wunderbar verzweifelt an: „Rette mich vor Schmach und Tod.“

Vor allem aber fesselt Julia Buchmanns gefühlvolles Spiel zwischen Wahn und Erlösung in der Kerkerszene, an deren Ende Gretchen als Mutter, die ihr Kind ertränkt hat, mit einem „Heinrich! Mir graut’s vor dir“ stirbt. Kaetzler lässt das Mephistos „Sie ist gerichtet“ widersprechende „Ist gerettet!“ den Theaterdichter Goethe sagen, dargestellt von Ulrich Westermann. Am Ende spricht er zusammen mit Faust dessen Verherrlichung der aufgehenden Sonne in der „anmutigen Gegend“ aus dem ersten Akt des zweiten „Faust“-Teils. Gleichzeitig wird der somit geänderte Schluss zum Rückblick und zum Ausblick.

Thomas Hupfers Faust ist ein an der Wissenschaft zunehmend Zweifelnder, ein Sinn Suchender, auch ein sich dem Sehnen und der Lust Ergebender, aber schließlich Skrupel Zeigender: Ein Mensch in der Krise. Hupfer hält Distanz zum Publikum, so wie er etwa auf dem Osterspaziergang mit dem von Thomas Zieler wissenschaftlich interessiert gespielten Wagner nicht aus dem von den Landleuten angebotenen Becher trinkt.

Auch Rudolf Krauses Mephisto erweist sich nicht als hinterlistiger und anbiedernder Teufel, mit dem man gern einmal sympathisiert. Einzig sein Tête-à-Tête mit Marthe zeigt ihn von einer menschlichen Seite. Krause hat die Figur des Mephisto eher als geradlinig auf die Wetteinlösung strebenden Teufel angelegt, der nach Momenten sucht, zu denen Faust sagen könnte: „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!“ Dann wäre Fausts Seele des Teufels.

So entstehen viele fantastisch zauberhafte Augenblicke – vor allem für das Publikum –, die das „Faust“-Drama am Ende eben auch zu einem Zauberstück machen und das Leben zu einem solchen werden lässt.

Dafür gab es bei der Premiere begeisterten Beifall für das große Kreuzgangspiele-Ensemble. Gleichzeitig galt der Beifall auch dem 70-jährigen Kreuzgangspiele-Jubiläum, waren die Freilichttheater-Festspiele in Feuchtwangen doch einst auch mit Goethes „Faust“ eröffnet worden.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel