Crailsheim Durch den Löwengang in die Kirche

Diakon Werner Branke vor der Kirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit auf dem Sauerbrunnen.
Diakon Werner Branke vor der Kirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit auf dem Sauerbrunnen. © Foto: Foto: Ute Schäfer
Crailsheim / Ute Schäfer 19.06.2018
Ein katholischer Stadtteil in der ganz und gar evangelischen Stadt Crailsheim.

Werner Branke war ein Jahr alt, da bekamen seine Eltern eine Wohnung in der Sauerbrunnensiedlung zugewiesen. Und so erinnert er sich natürlich an den Bau der Dreifaltigkeitskirche, „samstags haben wir alle gearbeitet“.

Dass die neue Kirche keinen Heiligen zum Patron erhalten hat, ist der besonderen Geschichte des Stadtteils zu verdanken. Denn jede der Landsmannschaften, die auf dem Sauerbrunnen eine neue Heimat fand, hatte ihre eigenen Heiligen. Damit sich da niemand benachteiligt fühlte, wurde die neue Kirche der „Allerheiligsten Dreifaltigkeit“ geweiht.

1962 war Grundsteinlegung, 1964 Weihe der Kirche. Damals war Werner Branke Ministrant. Als der Altar 2011 nach der Renovierung neu geweiht wurde, war er als Diakon dabei.

Auch an die Vorgängerkirche erinnert er sich gut. Sie war einem unbekannten Heiligen gewidmet, dem Heilgen St. Ludwig Maria. Eng sei sie gewesen, oft stickig und für die wachsende Gemeinde bald zu klein. Von der alten Barackenkirche hat nichts überdauert. Sie wurde in den 1960er-Jahren abgerissen und lag ungefähr auf der Trasse der neuen Hardtstraße, die jetzt an der Musikschule vorbeiführt.

Früher war der Zuweg aus dem Sauerbrunnen legendär. Er führte durch den sogenannten Löwengang, der rechts und links hohe Metallzäune hatte wie beim Löwen in der Manege. Nicht nur die katholischen Gläubigen aus dem Sauerbrunnen mussten den schmalen, unbefestigten und unbeleuchteten Gang auf dem Weg zur Kirche gehen. Er war auch der Weg ihrer evangelischen Glaubensbrüder, die Gottesdienst im Saal des Fliegerhorst-Kindergartens feierten. Und die Schulkinder liefen ihn ebenfalls.

Seit der Reformation war Crailsheim eine rein evangelische Stadt. Und auch wenn mit der Eisenbahn bereits Katholiken gekommen waren, so lebten die doch verstreut in der Stadt. Erst mit den Vertriebenen in der Sauerbrunnensiedlung bekam Crailsheim einen Stadtteil, in dem die Katholiken einen wichtigen Bestandteil der Bewohner ausmachten. „Das hat man schon gemerkt. Am Sonntag vor dem Gottesdienst sind die Leute trichterförmig auf den Löwengang zugeströmt“, erinnert sich Werner Branke. 1950 lag der Anteil der Katholiken bei den neu Zugezogenen bei 40 Prozent und damit weit höher als der Katholikenanteil in Crailsheim (1939: 15 Prozent).

Nichts als freies Feld

So einige eher katholische Bräuche prägen den Stadtteil bis heute. Zum Beispiel das Maibaumfest und nicht zuletzt die Faschingsfeier im Roncallihaus. Sie hatte zwei Vorgängerfeiern: Die der Siedlergemeinschaft im Frankeneck und die der Sudetendeutschen. Und ja, auch das mache den Stadtteil zu etwas ganz Besonderem, meint Branke. „Wir lebten ja weit von der Stadt entfernt“.

Zwischen der Siedlung rund um die Dieselstraße und den Eisenbahnerhäusern an der Kalk­äckerstraße lag lange nichts als freies Feld. So entstand mit der Entfernung auch ein ganz besonderes „Wir-Gefühl“. Und auch wenn von den ehemaligen Siedlern nicht mehr viele direkt in der Siedlung wohnen, „hat sich das Wir-Gefühl doch bis heute erhalten“.

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