Der Bau ist genial einfach konstruiert: Der Grundriss der Kirche „Zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit“ besteht ausschließlich aus drei hohen, gebogenen Mauern, zum Teil ineinander verschränkt. Glas verbindet die Wände, weshalb viel Licht ins Kircheninnere fällt. Und das, obwohl kein Fenster die mächtigen Mauern durchbricht. In ihrer unverputzten Wuchtigkeit sind sie das dominierende Element der Kirche. Innen geben die Mauern dem Raum eine überraschende Weite.

Heute ist der Bau aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Das war vor 56 Jahren anders, als die Pläne des Gmünder Architekten Albert Hänle bekannt wurden: Zu modern, zu neuartig, zu anders sei der Kirchenbau mit dem nach innen geneigten Dach. Zur Bauzeit schlugen die Wogen in Crailsheim hoch: „Wo ist der Turm, wo die Kanzel?“, fragten die Leute.

Tatsächlich durchbrach der Architekt alle damals gängigen Kirchenkonzepte, indem er einen asymmetrischen steinernen Monolithen schuf, eine „Fluchtburg“, nach Psalm 46 („Gott ist für uns Fluchtburg und Hort“).

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Ein Zeugnis des Hierseins

Und das ist hier ganz wörtlich zu verstehen: Die Katholiken, die die Kirche fast in Eigenleistung bauten, waren Flüchtlinge. Ganz symbolhaft errichteten sie ihre neue Burg aus dem Material der neuen Heimat, dem Crailsheimer Muschelkalk – und sie packten selbst mit an. Auch an den Wochenenden karrten sie das Material aus den Steinbrüchen der Umgebung zur Baustelle auf dem Sauerbrunnen, auf einem freien Feld zwischen der alten Sauerbrunnensiedlung und der Stadt.

Der Kirchenbau war damals von weit her zu sehen. Weder andere Gebäude noch Hecken und Bäume verstellten die freie Sicht. Deshalb war die Wucht, die der Block entfaltete, früher bestimmt deutlicher zu erkennen als heute. Damals war auch augenfällig, um was es den Erbauern beim Kirchenbau ging: Um ein Zeugnis des Hierseins. Es ging, wie wir auf neudeutsch sagen könnten, um ein Statement. „Wir sind jetzt da“, sagten die Flüchtlinge. Und: „Ich bin die Heimat“, sagte der Bau.

Das Gotteshaus legt aber auch – und das ist das Besondere daran – Zeugnis davon ab, dass die neu Angekommenen allesamt bereit sind für einen Neuanfang. Was ihr Leben und vor allem, was ihren Glauben betrifft. Denn der Bau nimmt viele der Ideen auf, die damals im Raum stehen. Denn auch die katholische Kirche befand sich damals vor einem Neuanfang: Das Zweite Vatikanische Konzil trat während der Bauzeit erstmals zusammen. Dieses Konzil, von Johannes XXIII. ins Leben gerufen, sollte die katholische Kirche der modernen Zeit öffnen – die Liturgie in der Landessprache war eines der Ergebnisse des Konzils.

Kirchbierlingen

Neue Ideen umgesetzt

Die neuen Ideen werden sichtbar beim Altar. Auf ihn ist alles ausgerichtet. Auch in der Dreifaltigkeitskirche weist alles auf ihn. Er ist fast in die Mitte der Gemeinde gerückt. An ihm wird die Eucharistie nun den Gläubigen zugewandt zelebriert – nicht mehr mit dem Rücken zur Gemeinde, wie das an den alten Hochaltären der Fall war. Von Anfang an kann hier die Gemeinde alles sehen. Das war damals noch etwas Besonderes. Erst als im Zuge des Konzils die katholischen Kirchen mit Volksaltären „nachgerüstet“ wurden, war das auch anderswo der Fall.

Dass die neue Kirche keinen Heiligen zum Patron erhalten hat, ist übrigens auch der besonderen Geschichte des Stadtteils zu verdanken. Denn jede der Landsmannschaften, die auf dem Sauerbrunnen eine neue Heimat fand, brachte ihre eigenen Heiligen mit. Damit sich da niemand benachteiligt fühlte, wurde die neue Kirche der „Allerheiligsten Dreifaltigkeit“ geweiht. Hier hatten die Katholiken im westlichen Stadtteil nun endlich genügend Platz, denn zuvor waren sie mehr recht als schlecht in der alten Barackenkirche untergebracht. Die war aber viel zu klein für den wachsenden Stadtteil.

Deshalb kümmerte sich der erste reguläre Pfarrer der Gemeinde, Bernhard Glatz, als erstes um einen neuen Kirchenbau. Ihm gelang es, ein Grundstück zu kaufen, er kümmerte sich um Geld, initiierte Lotterien und schrieb einen Bettelbrief nach dem anderen. „Es wird möglich sein, die Kirche zu bauen“, schrieb er darin, „doch es wird für viele ein großes Opfer werden. Aber – kann man eine Kirche bauen ohne Opfer?“