Crailsheim / MANUEL LÄSSLE  Uhr
Das ehemalige WLZ-Gebäude ist normalerweise ein brachliegender, vergessener Ort. Jetzt hat der Kulturverein Adieu Tristesse die grauen Gemäuer ein Wochenende lang mit buntem Kulturleben gefüllt.

Das Gute des brachliegenden Gemäuers nach außen kehren, für eine gewisse Zeit Abschied nehmen von der Tristheit des grauen Betons und den kalten Räumlichkeiten, einen vergessenen Ort neu mit Leben zu füllen - das war das Ziel der Kulturveranstaltung "goodBAYWA" des Kulturvereins Adieu Tristesse.

Paulo Pussi, die rechte Hand des Entertainment-Extremisten Konrad Stöckel, eröffnete am Donnerstag den Reigen der Künstler auf der Bühne mit dem Verzehr eines einfachen Apfels. Augenzwinkernd beschrieb er anschließend die Stimmung so, wie er sie haben wollte. Das war der Startschuss für ein buntes Wochenende. Stöckel selbst führte als "Fat King Konrad" durch den Abend, schlug sich mal einen Nagel in die Nase und ließ mal einen Böller in seinem nackten Hintern explodieren. Nicht nachmachen, das war die Devise, aber gelacht werden durfte natürlich trotzdem.

Dennis Schleussner zeigte in einem anderen Sinn Atemberaubendes. Er beherrschte seine Jojos mit beeindruckender Sicherheit und Schnelligkeit. Als dann noch Udo Lindenberg alias Asfalt Hütte durch das Publikum auf die Bühne wankte, nachdem er zuvor als Biene Willi die Zuschauer mit einer Choreographie zum Mitmachen animiert hatte, war das Kuriositätenkabinett perfekt.

Dann holte Stöckel Michael Klunker, einen Mitorganisator der Veranstaltung, auf die Bühne, um ihn wie ein Arzt zu untersuchen.

Am Freitag fielen "Querfälltein" mit den beiden Rappern regelrecht über das Publikum her, legten mit ihrem Oster-Freestyle ein groovendes Ei in das Crailsheimer "Mit-Wipp-Nest". Danach trat Freddy Fischer und seine Cosmic Rocktime-Band auf. Der eigenständige Klang seines Rhodes-Pianos schmiss den Funk quer durch die Halle, das Tanzvolk vertraute sich dem Charmeur mit der 70er-Jahre-Attitüde an und begab sich mit ihm auf eine Reise in dessen Discowelt.

Sebastian Arnold, mit Beat, Drum und Melone im Gepäck, holte die Besucher von dort wieder ab und ließ sie in wummernde Sphären eintauchen, die zum ekstatischen Tanz aufforderten, während er parallel Schlagzeug und Keyboard spielte, seine Stimme atmosphärisch einsetzte, Klangnuancen verzerrte und diese schließlich wieder befreite. Hier setzten am Samstag "Joasihno" an. Da wurde dann schon mal der Reißverschluss als Loop eingespielt, die Blockflöte zur Hand genommen oder neben Gitarren und Schlagzeug das Xylophon bedient.

Dann traten die "Heymoonshaker" auf. Dave Crowe beatboxte fulminant, formte mit Stimme und Atmung ein nicht zu überblickendes Arsenal an verschiedenen Beats und riss damit die Menge mit. Spätestens, als er zum Dubstep-Rhythmus ansetzte, blieb niemand mehr ruhig stehen. Andy Balcon ist in dem energiegeladenen Duo sein kongenialer Partner mit der kratzigen, rauchigen Stimme und dem manchmal stechenden, melancholischen Blick. Von Blicken kann bei "She"s All That" keine Rede sein, sind deren Gesichter doch hinter Altherren-Masken verborgen. Getreu ihrem Schlachtruf "Jump a hole in the ground" gab es Elektro-Rock in Prodigy-Manier auf die Ohren. "H.K. And The Incredibly Hairy Shaga" ließen abschließend die Platten kreisen.

Die eher leisen Töne wurden im Kunststockwerk geboten. Hier stießen die Besucher unter dem Slogan "We love Fantasy" beispielsweise auf Konsumkritik. Thema war auch der Heimatbegriff. Zu sehen waren Lichtblitz-Fotografien, nutzbare Räume oder ein kuscheliger Horaff. Außerdem konnten sich Besucher Textilien selbst bedrucken.

Info Der Autor dieses Beitrags, Manuel Läßle, ist im veranstaltenden Crailsheimer Verein "Adieu Tristesse" aktiv.