Crailsheim Dr. Martina Mittag-Bonsch spricht im Interview über Gesundheit

Auch in diesem Jahr "Vitawell"-Schirmherrin: Ärztliche Direktorin Dr. Martina Mittag-Bonsch. Archivfoto
Auch in diesem Jahr "Vitawell"-Schirmherrin: Ärztliche Direktorin Dr. Martina Mittag-Bonsch. Archivfoto
Crailsheim / DIE FRAGEN STELLTE ANDREAS HARTHAN 08.03.2014
Am Wochenende findet die Gesundheitsmesse "Vitawell" im Crailsheimer Hangar statt. Im HT-Interview erläutert die Ärztliche Direktorin des Krankenhauses, warum sie die Schirmherrschaft übernommen hat.

Kann man in einem Satz ausdrücken, was Gesundheit ist?

DR. MARTINA MITTAG-BONSCH: Wenn man sich rundum wohlfühlt. Die offizielle Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lautet: Gesundheit des Menschen ist "ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen". Damit relativiert sich unser landläufiger Gesundheitsbegriff. Es kann also jemand auch mit einer nachgewiesenen Erkrankung, etwa nach Herzinfarkt "gesund" sein und jemand ohne nachgewiesene Erkrankung, der im Leben nicht zurechtkommt, kann nach dieser Definition krank sein. Für mich als Schulmedizinerin und oft eher mechanistisch denkende Chirurgin war diese Erkenntnis, die ich über die Jahre auch bei meinen Patienten bestätigt sah, ein wirkliches Aha-Erlebnis, insbesondere beim Umgang mit schweren Erkrankungen.

Wie wichtig ist Ihnen persönlich Gesundheit?

MITTAG-BONSCH: Sie ist mir natürlich sehr wichtig, und ich bin jeden Tag dankbar, wenn ich gesund mein Tagwerk verrichten kann. Leider verhalte ich mich nicht immer gesundheitsförderlich.

Wann "sündigen" Sie?

MITTAG-BONSCH: Auch ich mache manchmal unvernünftige und gesundheitsschädliche Dinge. Warum? Weil es eben auch zum Leben gehört, die Grenzen auszuloten, und das ist für meine psychische Gesundheit wohl manchmal wichtig.

Wie oft waren Sie im vergangenen Jahr krank?

MITTAG-BONSCH: Einen Tag.

Was machen Sie, damit Sie gesund bleiben?

MITTAG-BONSCH: Ich ernähre mich sehr gesund, das habe ich auch meinem Mann zu verdanken, der sehr gut, gesund und vitaminreich kocht. Im Zweifelsfall esse ich lieber etwas zu wenig. Ich glaube, dass ein bisschen Hunger ab und zu nicht schaden kann und einen eher leistungsfähiger macht. Ich versuche zudem wöchentlich zwei- bis dreimal Sport zu treiben.

Leben wir eigentlich gesund genug?

MITTAG-BONSCH: Das ist eine philosophische Frage. Unsere Gesellschaft lebt meines Erachtens nicht gesund genug. Wir bewegen uns zu wenig, wir essen zu viel. Wir rauchen, wir trinken Alkohol und argumentieren, dass dies den Lebensgenuss erhöht. Oft merken wir zu spät, dass der kurzfristige Lustgewinn den Gesamtschaden an unserer Gesundheit nicht rechtfertigt.

Und dann. . .?

MITTAG-BONSCH: Es ist zu spät, wenn ich mit dem Rauchen aufhöre, wenn die Beine abfaulen. Es ist zu spät, wenn ich mit dem Trinken aufhöre, wenn die Bauchspeicheldrüse und die Leber kaputt sind, und keiner mit starkem Übergewicht braucht sich über die Zuckerkrankheit zu wundern, die zwangsläufig auftreten wird. Wir müssen bei der Vorbildfunktion für die Kinder und bei der Erziehungsberatung in den Familien ansetzen, da wir wissen, dass sich bei Kindern das Verhalten der Eltern sehr tief einprägt. Sie reproduzieren den Lebensstil, den sie erlebt haben.

Sie sind von Anfang an Schirmherrin der Gesundheitsmesse "Vitawell". Sind solche Messen geeignet, das Bewusstsein für Fragen der Gesundheit zu stärken?

MITTAG-BONSCH: Ich glaube, dass das Gesundheitsbewusstsein in der Bevölkerung schon sehr weit verbreitet ist. Bei der Fähigkeit zur Umsetzung fehlt es allerdings noch etwas. Ich bin gern Schirmherrin, weil ich es wichtig finde, sich um die Gesundheit zu kümmern, bevor man sich nicht mehr wohlfühlt. Dieses Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu stärken, halte ich für wichtig. So wird der Einzelne in seinem Bemühen um eine gesunde Lebensweise unterstützt.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich konkret an Veränderungen wünschen?

MITTAG-BONSCH: Für mich liegt das Hauptaugenmerk auf den Jugendlichen. Wir wissen beispielsweise, dass es eine einmalige Anlage von Knochengrundsubstanz bis zum Alter von 30 Jahren gibt, von der wir dann unser gesamtes Leben zehren. Das heißt, das Allerwichtigste für Kinder ist Sonne, Vitamin C, Calcium und Sport. Jeder, der heute an Osteoporose leidet oder Angst davor hat, sollte seine Kinder, Enkel und Urenkel nehmen, mit ihnen täglich nach draußen gehen und sie beim Sportverein anmelden.

Der Aufbau der Muskulatur fördert das Knochenwachstum. In der Aufbauphase ist dieses Training am effektivsten. Später können wir höchstens noch versuchen, einen Verlust an Knochenmasse zu vermeiden. Ein Knochenwiederaufbau ist dann nicht mehr möglich.

Verraten Sie uns doch Ihren Geheimtipp für immerwährende Gesundheit.

MITTAG-BONSCH: Leider gibt es kein Zaubermittel. Der Kampf um die Gesundheit findet im schnöden Alltag statt, und er ist anstrengend. Ich muss zunächst meine Lebensumstände analysieren und die Punkte herausfinden, die ich ändern möchte. Hier handelt es sich oft um eingefahrene Gewohnheiten, auch lieb gewonnene Rituale, die durch andere, gesündere, ersetzt werden müssen, oder von denen ich mich trennen muss. Das setzt einen aktiven Wunsch nach Veränderung voraus und ist anstrengend, weil mit Arbeit verbunden. Zum Teil müssen wir uns mit unserer Familie, mit Freunden und deren Ansichten auseinandersetzen und das alles, wo wir doch so gerne in unserem gewohnten Alltagstrott verharren. Aber es lohnt sich!

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