Crailsheim Die späte, aber fröhliche Rache

Esther Bejarano, singend und aus ihren Erinnerungen an das KZ und ihre Befreiung vorlesend: Die Aula der Eugen-Grimminger-Schule war gestopft voll mit mehr als 300 Zuhörern.
Esther Bejarano, singend und aus ihren Erinnerungen an das KZ und ihre Befreiung vorlesend: Die Aula der Eugen-Grimminger-Schule war gestopft voll mit mehr als 300 Zuhörern. © Foto: Ralf Snurawa
Crailsheim / Ralf Snurawa 10.10.2018
Über 300 Zuhörer fast jeden Alters feiern in der Aula der Eugen-Grimminger-Schule Esther Bejarano und die „Microphone Mafia“ euphorisch und spenden stehend Beifall.

Jenny Grimminger, der 1943 wegen ihres jüdischen Glaubens im KZ Auschwitz ermordeten Ehefrau von Eugen Grimminger, war das Konzert gewidmet. Ins KZ Auschwitz-Birken­au, ein paar Kilometer entfernt, deportierten die Nationalsozialisten die 18-jährige Esther Bejarano, die seinerzeit noch Loewy hieß. Über die damaligen Ereignisse las die heute 93-jährige Mitbegründerin des Internationalen Auschwitz-Komitees und Ehrenvorsitzende der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten“ (VVN-BdA) in der Eugen-Grimminger-Schule zu Beginn der Veranstaltung aus ihren Erinnerungen.

Sie berichtete vom Transport mit dem Zug, über das Ankommen im Konzentrationslager und die damit verbundenen Demütigungen sowie das Eintätowieren der Nummer „41 948“ in den Arm: „Namen wurden abgeschafft; wir waren nur noch Nummern.“ Sie schilderte die Zustände im KZ: das Schlafen auf Holzbrettern ohne Stroh und Decken, das schlechte Essen, die Zwangsarbeit mit dem sinnlosen Schleppen von Steinen und wie die SS-Leute mit den KZ-Insassen umgingen.

Große psychische Belastung

Und sie erzählte von ihrem Glück im Unglück: dass sie ins Mädchen­orchester von Auschwitz kam und dort Akkordeon und später, nach einer Typhus-Erkrankung, Blockflöte spielte. Damit sei aber auch eine große psychische Belastung verbunden gewesen. Denn das Orchester musste bei der Ankunft von weiteren Menschentransporten spielen, um den Eindruck zu erwecken „Wo Musik spielt, kann es so schlimm nicht sein.“

Schließlich kam sie, weil man sie aufgrund einer christlichen Großmutter als „viertelarisch“ betrachtete, ins KZ Ravensbrück. Dort mussten sie zunächst Kohlen schleppen, dann für die Firma Siemens Schalter für U-Boote bauen. Der Judenstern wurde ihr abgenommen, sie erhielt den „roten Winkel“, das Zeichen für politische Gefangene.

Zu Kriegsende mussten die KZ-Insassen in einer Kolonne unter Befehl von SS-Leuten Ravensbrück verlassen. Viele seien auf diesem Todesmarsch „von dieser Faschistenbande“, so Bejarano, ermordet worden, wenn sie am Ende ihrer Kräfte waren und nicht mehr weiterkonnten.

In Mecklenburg gelang es ihr, zusammen mit Freundinnen, zu fliehen. In Lübz trafen sie auf Amerikaner. Sie zeigte ihre Nummer, wurde von den Soldaten in ein Restaurant eingeladen, musste vom KZ erzählen, trank Kaffee und aß Kuchen und erhielt von einem Soldaten ein Akkordeon geschenkt: „Dann sangen wir alle zusammen.“

Schließlich trafen auch sowjetische Truppen ein. Der Krieg war zu Ende. Gemeinsam verbrannte man ein Bild Adolf Hitlers. Alle hätten darum herum getanzt, während sie Akkordeon gespielt hatte: „Es war nicht nur meine Befreiung; es war meine zweite Geburt.“

Mit der Hymne der israelischen Friedensbewegung ging es danach in der Eugen-Grimminger-Schule musikalisch weiter. Neben der den „Schalom“-Refrain singenden Esther Bejarano war nun auch die „Microphone Mafia“ zu hören: mit Bejaranos Sohn Joram am E-Bass und Rapper Kutlu Yurtseven.

Lieder mit großer Fröhlichkeit

Es folgten Arbeiterlieder wie „Avanti Popolo“, Lieder des Widerstands, aber auch der Schlager „Bel Ami“. Den musste Esther Bejarano auf dem Akkordeon vorspielen, um ins Mädchenorchester von Auschwitz gelangen zu können. Nun sang sie ihn mit großer Fröhlichkeit, durch Yurtsevens Rap biografisch eingeordnet.

Das Lachen und Singen auf der Bühne sei Teil ihrer Rache an den Nazis, kommentierte Yurtseven. Und es war ansteckend an diesem Abend. Da wurde zu „Viva la libertà“ vom Publikum mitgesungen oder zum Höhner-Lied „Wann jeiht d‘r Himmel widder op“ und auch bei der zweiten Zugabe, „Bella ciao“.

„Wenn wir aufschreien und solidarisch sind, können wir etwas bewirken, denn ansonsten wird uns unser Schweigen erschlagen“, schwor Kutlu Yurtseven das Publikum zum Widerstand gegen Rechts ein und unterstrich dies mit dem Song „Insanlar – Menschen“. Mit seiner „Mutti“ Esther, die die Band gewissermaßen „eingeenkelt“ habe, wagte er auch mal ein kurzes Tänzchen. Der Abend in der Eugen-Grimminger-Schule wurde zu einem Fest des Lebens.

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