Gschwend Die Poesie der Töne

Tomasz Stanko und sein New York Quartet scheinen eine Vorliebe für Balladen zu entwickeln. Am Samstagabend gastierte das Ensemble in der Gschwender Gemeindehalle.
Tomasz Stanko und sein New York Quartet scheinen eine Vorliebe für Balladen zu entwickeln. Am Samstagabend gastierte das Ensemble in der Gschwender Gemeindehalle. © Foto: Ralf Snurawa
Gschwend / RALF SNURAWA 25.11.2014
Als poetisch, melancholisch und verhalten im Ausdruck kann man die beiden Sets von Tomasz Stanko und seinem New York Quartet am Samstagabend in der Gschwender Gemeindehalle bezeichnen.

Mal vorsichtig stockend setzte Stanko seine Trompetentöne über den Sound aus Klavier, Kontrabass und Schlagzeug, mal warm intoniert, auch leicht rauchig gehaucht wie zu "Metafizyka". Ab und zu baute er Töne auch aus scheinbar aus dem Nichts kommenden Trillern auf. Nur selten wurden die Triller zum Bestandteil erregter Figurationen wie bei "Assassins", brachte Stanko ekstatisch hohe Glissandi.

Am liebsten schienen ihm am Abend in Gschwend die Balladen zu sein. Und man dürfte kaum ein Jazzkonzert zuvor erlebt haben, das balladenreicher daherkommt. Stanko verstand es wunderbar, auf seiner Trompete weitbogig und tief geatmet empfundene Gesangsphrasen zu gestalten, wobei er die Melodietöne geradezu ineinandergleiten ließ.

Pianist David Virelles, einer der drei New Yorker Jazzmusiker, die Stanko für sein neuestes Album "Wislawa" zu einem Quartett mit ihm zusammengeschweißt hatte, versuchte dem polnischen Altmeister beim großen Legatospiel nachzueifern. Während ihm dies ganz gut gelang, blieb er aber bei allem feinsinnigen Anschlag, oft mit viel Pedal, etwas zu sehr in Floskeln stecken - genauso wie bei spannungsvolleren Momenten.

Das war auch genau das Manko dieses Konzerts bei aller wundervoller Empfindung im Spiel: das Sich-beschränken, vor allem mit Blick auf den Sound. Nur selten kam es mal zu einem klanglichen oder rhythmischen Aufbrechen.

Da blieben Pianist wie Schlagzeuger im Geist der im Andenken an die 2012 gestorbene polnische Dichterin und Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Symborska und in Bezug zu ihrem letzten Gedichtband "Tutaj" geschriebenen Stücke stecken. Drummer Gerald Cleaver durfte oder wollte nie zu einem längeren Chorus ansetzen.

Lichtblick des Konzerts war schon eher Bassist Thomas Morgan. Er sorgte nicht nur für einfühlsam gesetzte Töne und zusammen mit Cleaver für die Rhythmusbasis, auf der Virelles wie Stanko aufbauen konnten, sondern auch besonders in den Balladen für gelegentlich introvertiert anmutende Chorusse. Da wusste er einmal an den Erzählton von Virelles und Stanko anzuknüpfen, ein anderes Mal kam es zusammen mit Pianist Virelles zu einem ebenfalls erzählhaften innigen Duettieren, auf das Virelles musikalische Figuren ins Absurde führte.

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