Crailsheim Die Orgel ist ihr zweites Zuhause

An der Orgel in der Ingersheimer Kirche hat Marie-Luise Freitag schon viele Stunden verbracht. Im Winter spielt sie mit Pulswärmern und Mantel, eine Heizwand wärmt ihr den Rücken.
An der Orgel in der Ingersheimer Kirche hat Marie-Luise Freitag schon viele Stunden verbracht. Im Winter spielt sie mit Pulswärmern und Mantel, eine Heizwand wärmt ihr den Rücken. © Foto: Christine Hofmann
Crailsheim / Christine Hofmann 18.12.2018
Marie-Luise Freitag lebt für die Musik. Die Organistin hat sich jahrzehntelang für die Kirchenmusik in Crailsheimer Gemeinden eingesetzt – und spielt bis heute mit großer Freude.

Bei der Musikerehrung der Stadt Crailsheim wurde kürzlich eine besondere Auszeichnung vergeben. Die Organistin Marie-Luise Freitag wurde für ihr Lebenswerk geehrt. Die 82-Jährige hat mit 16 Jahren erstmals einen Gottesdienst begleitet und spielt bis heute in verschiedenen Kirchen des Kirchenbezirks Crailsheim. Freitag findet das ganz normal. „Mein Onkel war auch Organist. Er hat 60 Jahre lang in derselben Gemeinde Orgel gespielt. Damit war er ein Vorbild für mich.“

Marie-Luise Freitag ist in Creglingen im Taubertal geboren. Mit zehn Jahren bekam sie Klavierunterricht bei einem Organisten. „Ich habe auf dem Klavier schnell Stücke auswendig gelernt“, erinnert sie sich. Im Alter von 14 Jahren stieg sie auf Orgel um, und schon zwei Jahre später begleitete sie zum ersten Mal einen Gottesdienst.

In dem Dorf Münster bei Creglingen war die Organistin ausgefallen und die damals 16-Jährige sprang spontan ein. Die drei Kilometer von ihrem Wohnort nach Münster legte sie mit dem Fahrrad zurück – bei jedem Wetter und zweimal jeden Sonntag. Denn sie durfte nicht nur den Gottesdienst um 10 Uhr begleiten, sondern auch die Christenlehre um 13 Uhr.

Der Verdienst war eher mager, berichtet Freitag: „Für 13 Gottesdienste und 13-mal Christenlehre gab’s 75 Mark. Beerdigungen wurden nicht extra vergütet.“ Das Geld hat Marie-Luise Freitag gut angelegt, sie kaufte sich Noten davon.

„Es hat mir von Anfang an viel Spaß gemacht, in der Kirche Orgel zu spielen“, sagt Freitag. Sie fuhr schon kurz darauf regelmäßig mit dem Zug nach Crailsheim, um beim damaligen Kantor der Johanneskirche, Gunter Mühlichen, Unterricht zu nehmen. Sie bereitete sich auf die C-Prüfung für den nebenberuflichen Dienst als Organistin und Chorleiterin vor, die sie 1954 bestand. Schon damals war sie fasziniert von den Stücken von Johann Sebastian Bach und Dieterich Buxtehude. Beide sind bis heute ihre Lieblingskomponisten.

Ihr Berufsleben startete Marie-Luise Freitag mit einer Ausbildung zur Hotelfachfrau, anschließend besuchte sie vierzehn Monate lang eine Hotelfachschule im Nordwesten von England. „In dieser Zeit habe ich nicht viel geübt“, räumt sie ein.

Einmal jedoch, erinnert sie sich, sei die Tür einer kleinen methodistischen Kirche unverschlossen gewesen. Die musikbegeisterte junge Frau nutzte die Gelegenheit und setzte sich sogleich an die Orgel. „Noten lagen auch da, ich musste einfach spielen“, sagt sie und lächelt.

Als ihr klar wurde, dass die Arbeit im Hotel sie nicht erfüllte, kehrte sie nach Deutschland zurück. Während ihrer Ausbildung zur Gemeindediakonin in Denkendorf im Landkreis Esslingen nahm sie sofort wieder Orgelunterricht und spielte in Gottesdiensten. Ihr Gemeindepraktikum absolvierte sie schließlich in Crailsheim. „Hier konnte ich wieder bei Kantor Mühlichen spielen, den kannte ich ja bereits.“

Gehört zum Dienstauftrag

Nach einer Zeit in Bietigheim – hier tat sie Orgeldienst an der Friedenskirche – kam sie im Herbst 1963 endgültig als Gemeindehelferin nach Crailsheim. Zu ihrem Dienstauftrag gehörte das Orgelspiel in der Christusgemeinde. „Dort gab es damals noch eine kleine Orgel ohne Pedal. Ich habe aber trotzdem fünfstimmige Stücke darauf gespielt.“

Marie-Luise Freitag heiratete 1966 Karl Freitag, arbeitete fortan in dessen Schuhhaus in Crailsheim als Verkäuferin, und bekam vier Kinder. Inzwischen gibt es auch sieben Enkel. Doch kaum waren die Kinder groß genug, begann sie wieder mit dem Orgelspiel. Sie spielte in Ingersheim, in Jagstheim sowie vertretungsweise in der Johanneskirche und in weiteren Kirchen des evangelischen Kirchenbezirks Crailsheim – und zwar Sonntag für Sonntag, jahrein, jahraus, oft im Doppeldienst und manchmal sogar in drei Gottesdiensten hintereinander.

Zuletzt musste sie eine Zwangspause einlegen, weil sie gestürzt war, und sich an der Hand verletzt hatte. Doch die Pause ist bald zu Ende: „Im neuen Jahr bin ich wieder für den Orgeldienst eingeteilt. Klavierspielen geht schon wieder.“

Heizwand wärmt den Rücken

Und auch die ersten Übungsstunden an der Orgel der Ingersheimer Matthäuskirche klappen gut. Gegen die eisigen Temperaturen schützt sich die Organistin mit Pulswärmern, Schal  und Mantel, eine Heizwand wärmt ihr den Rücken

Neben dem Orgelspiel hat Freitag viele Jahre im Kirchenchor der Johanneskirche gesungen, außerdem spielt sie seit mehr als zehn Jahren mit großer Freude im Musikantenkreis der Volkshochschule. Sie ist überzeugt: „Musik ist mein Leben und die Orgel mein zweites Zuhause.“

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