Crailsheim Die Metzgerei Schmidt schließt

Crailsheim / Von Kerstin Dorn 06.06.2018
Am 16. Juni ist endgültig Schluss:  Inge Schmidt verpachtet ihre Metzgerei in der Crailsheimer Schulstraße. Die Metzgerei Wieland aus Gaildorf wird das Geschäft übernehmen.

Am 16. Juni wird Inge Schmidt ihre Metzgerei in der Schulstraße 2  schließen und einen Schlussstrich unter die lange Familientradition setzen. Mehr als 100 Jahre lang wurde das Geschäft immer an die nächste Generation weitergegeben. Trotz zweier Kriege und persönlicher Schicksalsschläge.

Akuter Personalmangel

Doch damit ist jetzt Schluss. Inge Schmidt hat zusammen mit ihrem Sohn Alexander und ihrer Schwiegertochter Melanie beschlossen, das Geschäft zu verpachten.  Als  Grund dafür nennt sie die angespannte Personalsituation. „Wir haben gekämpft bis zum Verzweifeln“, sagt sie  voller Trauer um ihr Lebenswerk. „Aber wir haben keine Fachkräfte bekommen. Es ist einfach keiner mehr da, der diesen Beruf ausüben oder erlernen will.“  Dabei hätte sie sogar versucht,  neuen EU-Bürgern einen Arbeitsplatz zu bieten und damit die Chance, Geld zu verdienen und sich zu integrieren.

Die neue Situation kann die 61-jährige Geschäftsfrau schwer nachvollziehen. Denn bisher ist es immer weitergegangen, auch in schwierigen Zeiten. Bereits zwei Mal stand sie mit ihrer Firma vor dem Aus: 1979, als der Schwiegervater  kurz vor der Eröffnung der neuen Filiale verstarb, oder 2002, als ihr Ehemann an Krebs erkrankte. Damals musste ihr Sohn Alexander in Windeseile in die Fußstapfen seines Vaters treten und am Abend die Schulbank drücken, um den Meister zu schaffen. Und sie musste sich – mit einem  schwer kranken Mann daheim – in die Geschäftsführung einarbeiten.

Ans Aufgeben hat sie damals dennoch nicht gedacht: „Wir hatten ein gutes Team und genügend  personellen Rückhalt, um diese Situationen zu bewältigen“, erinnert sich die Chefin, „aber heute ist die Personaldecke so dünn, dass keiner ausfallen darf.

Richtig begreifen kann sie es aber nicht: „Wir haben einen guten Ruf und es kommen immer mehr Kunden. Nur Mitarbeiter werden es immer weniger.“

Kein Einzelfall

Die Metzgerei Schmidt ist kein Einzelfall. Harald Hohl, Obermeister bei der Fleischerinnung Heilbronn-Hohenlohe-Schwäbisch Hall, erinnert sich an 2000 Metzgereibetriebe in seinem Bezirk noch vor zehn Jahren. Heute sei diese Anzahl auf  1100 Betriebe geschrumpft. Fast die Hälfte aller  inhabergeführten Betriebe hätten in den letzten zehn Jahren dicht gemacht. Der Personalmangel betreffe sowohl kleinere Geschäfte als auch größere mit mehreren Filialen.

Schulschließungen drohen

Als  Gründe für die Geschäftsaufgaben werden immer wieder die gleichen genannt: der  hohe Preis- und Konkurrenzdruck durch die Discounter und Supermärkte, aber vor allem der sich in den letzten Jahren  zunehmend verschärfende Personalmangel. Der betrifft zugleich den Nachwuchs. Der Beruf des Fleischers  steht  an dritter Stelle der  unbeliebtesten Ausbildungsberufe, wie der Berufsbildungsbericht des Bundesministeriums für Bildung und Forschung bestätigt.

Mehr als ein Drittel  der ausgewiesenen Ausbildungsplätze im Fleischerhandwerk blieben im letzten Ausbildungsjahr unbesetzt. Das führt dazu, das innerhalb der Innung bereits über die Schließung der  Schulen  diskutiert wird, macht sich Innungsmeister Hohl, der selbst ein Geschäft führt,  Sorgen.

Bei Schmidt in Crailsheim soll in dieser Woche der Vertrag mit dem Nachmieter  unterzeichnet werden. Die gute Nachricht für alle Kunden: Das Geschäft wird eine Metzgerei bleiben.  Karl  Wieland  aus Gaildorf wird den Standort übernehmen und damit  das Filialnetz seines Betriebes weiter ausbauen.

Auch Inge Schmidt steht  noch für eine Übergangsfrist  hinter der Theke und bedient ihre langjährigen Kunden. Ihr Sohn Ale­xander hingegen wird sich einen anderen Job suchen.

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