Crailsheim Die Kirche verschenkt Möglichkeiten

Auch die beiden Initiatoren Michael Gerstner und Gerlinde Mack beteiligten sich an der lebhaften Diskussion nach dem Kunst-Vortrag von Anja Lechner (rechts).
Auch die beiden Initiatoren Michael Gerstner und Gerlinde Mack beteiligten sich an der lebhaften Diskussion nach dem Kunst-Vortrag von Anja Lechner (rechts). © Foto: Julia Vogelmann
Crailsheim / Julia Vogelmann 05.07.2018
„Kirche als Kunstraum“ ist das Thema des Vortrags von Anja Lechner beim Brezelfrühstück im Johannesgemeindehaus am Samstag. Gezeigt werden auch Beispiele aus der Region.

Nicht immer ist der Hauptgedanke eines Vortrags, Antworten zu geben. Manchmal sollen auch Fragen aufgeworfen werden, die dann in eine Diskussion münden, die das gesellschaftliche Denken weiterbringt. Zwar war es eine überschaubare Gesellschaft, die am Samstag zum Frühstück ins Johannesgemeindehaus gekommen war, doch die Diskussion war von Anfang an lebhaft.

„Was ist eigentlich Kunst, und wie hat sich die Auffassung von Kunst von der Antike bis heute verändert“, war die Eingangsfrage, die Kunstwissenschaftlerin Anja Lechner zu ihrem Vortrag, der mit vielen Bildbeispielen aus der Region aufwartete, stellte.

Deutlich wurde: Den Künstler, wie wir ihn heute kennen, gab es in Antike und Mittelalter nicht. Das Selbstverständnis des Künstlers jener Zeit gründete auf handwerklichem Können und schlichter Auftragsarbeit, die dazu diente, eine ganz bestimmte Bild- und Symbolsprache zu bedienen, mit deren Lesart der Betrachter zu dieser Zeit vertraut war. „Bilder entstanden nicht als Selbstzweck, sondern als Botschaft“, betonte Lechner. Erst mit der Zeit und durch die Reformation entstanden zwei Strömungen.

Die evangelische, die sich in ihrer Kunst auf das Wesentliche reduzierte, und die katholische, die durch Pomp einen Herrschaftsanspruch geltend machen wollte. In dieser Zeit der Gegenreformation entstand auch ein komplexes Raumkonzept, das Architektur und Kunst im Kirchenraum vereinte. „Für uns ist das heute mit unserer ökumenischen Bildung ganz normal, doch damals waren das zwei unterschiedliche Kunstauffassungen“, erklärte Lechner die in der Kunst sichtbaren Unterschiede in der Auffassung der Auftraggeberschaft.

Erst im Historismus begann der Künstler sich als Künstler zu verstehen. Hier stellte Lechner die These in den Raum: „Wir sind als Betrachter diesen Schritt nicht mitgegangen. Jetzt brauchen wir eine Übersetzung dafür, was der Künstler uns sagen will.“ Gleichzeitig machte sie damit klar, warum es in der Neuzeit der großen Masse so schwerfällt, Kunst zu verstehen. „Wir können nichts damit anfangen, weil uns keiner den Inhalt erklärt“, sagte sie und zeichnete ein Bild vom Handwerker, der sich über den Künstler zum Genie entwickelt hat, ohne dass diese gedankliche Entwicklung in die Kunstvermittlung übernommen worden wäre.

„Der Künstler muss viel beachten, um für seine Bildsprache Akzeptanz zu erhalten“, erläuterte Lechner und zählte neben Zeitgeschichte, Inhalt, Licht und räumlicher Beschaffenheit auch ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zum Auftraggeber an. „Kunst muss sich einfügen in das Gesamtkunstwerk Kirche“, formulierte sie den allgemein anerkannten Anspruch, der heute anscheinend aber nicht mehr gilt.

„Das Genie kann machen, was es will. Kirche und Kunstraum trennen sich da irgendwie und sind nicht vereinbar, weil wir die Kunst nicht mehr lesen können“, so die Referentin. Schwierig sei das deshalb, weil Kirche ein Raum ist, den die Öffentlichkeit für sich beansprucht als Ort, der Kontext liefert, auch für Kunst. Kirche heute funktioniert als Gesamtkunstwerk, und deshalb hat jeder eine Meinung dazu. Deshalb stellte Lechner die Frage: „Gibt es eine freie Kunst in der Kirche überhaupt?“

Die Antwort liefert sie gleich selbst nach: „Ja, aber mit Erklärung. Nur mit der Erklärung des Künstlers ist das Verständnis für Inhalt und Gefühl einfacher anzunehmen.“ Kritisch ging Lechner auf die Auftraggeberschaft ein. „Es fehlt eine Kultur der Auftraggeberschaft“, sagte sie und brachte die Idee eines Beirats ins Spiel, der Kirchengemeinden unterstützt und berät. Kritisch auch ihr Blick auf die Künstler der Gegenwart. „Wir sind überrannt worden von moderner Kunst. Das Genie ist vorgeprescht, und die Bevölkerung konnte bis jetzt nicht Schritt halten.“

Was wollen wir eigentlich?

Am Ende lief alles auf die Frage hinaus: „Was wollen wir eigentlich?“ Auch hier lieferte sie eine Antwort. „Kirche muss sich öffnen, sonst wird sie zum Exklusivclub. Man sollte Kunst in der Kirche den gleichen Stellenwert einräumen wie Sprache und Musik.“ In der Pflicht, zur Kunst eine Erklärung zu geben, sieht sie deshalb vor allem die Kirche. Wenn sie das nicht tut, prophezeit Lechner: „Die Kirche verschenkt viele Möglichkeiten, mit der Gesellschaft in Gespräch und Austausch zu kommen und durch Kunst neue Menschen in die Kirche zu holen.“

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