Geschichte zum Anfassen Wie Hohenlohe nach Württemberg kam

Auch heute noch (oder erst recht heute) eine Fundgrube für an Geschichte Interessierte: Die „Beschreibung des Oberamts Crailsheim“ von 1884.
Auch heute noch (oder erst recht heute) eine Fundgrube für an Geschichte Interessierte: Die „Beschreibung des Oberamts Crailsheim“ von 1884. © Foto: Ute Schäfer
Crailsheim / Ute Schäfer 11.08.2018
„Die Oberamtsbeschreibung“: Wer sich mit der Landesgeschichte befasst, weiß sofort, was gemeint ist. Wir betrachten sie heute näher.

Die Oberamtsbeschreibung ist quasi die Inventur, die der frischgebackene württembergische König in seinem Königreich machen ließ, als er König wurde. Denn viele Landstriche kannte er noch gar nicht. Das Königreich Württemberg war deutlich größer als sein früheres Herzogtum. Crailsheim, ehemals ansbachisch, kam zum Beispiel erst 1810 dazu.

1816: Das Jahr ohne Sommer

Das war relativ spät, denn Herzog Friedrich hatte bereits 1806 die Königskrone erhalten. Er starb 1816 und sein Sohn Wilhelm kam an die Macht – in einer schwierigen Zeit, denn es herrschte bitterste Hungersnot. Das „Jahr ohne Sommer“ ging eben zur Neige, das die Folge eines Vulkanausbruchs in Indonesien war.

Doch der junge König war ein Anpacker. Kaum war der schlimmste Hunger vorüber, gründete er 1818 in seinem Schloss in Hohenheim eine landwirtschaftliche Lehranstalt, die heutige Universität. Und er gründete „zur Hebung der Landwirtschaft“ den Cannstatter Wasen, der heuer ebenfalls seinen 200. Geburtstag feiert. Stuttgart begeht das Jubiläum übrigens in diesem Herbst mit einem großen historischen Markt – vom 26. September bis 3. Oktober auf dem Schlossplatz.

Danach wollte Wilhelm offenbar sein Land kennenlernen. 1820 schuf er ein „Königlich statistisch-topographisches Bureau“ und schickte seine „Topographen“ hinaus ins Land. Und die notierten dort akribisch alles. Und zwar wirklich alles. Wie viele Obstbäume wo standen, wie sie wuchsen, welche Brunnen gutes Wasser gaben, welche Spezialausdrücke die Leute in den einzelnen Ortschaften kannten, wo das beste Vieh gedieh. Ausführlich sind auch „Naturschönheiten“ und „Alterthümer“ beschrieben.

Schier alles wird aufgelistet

Der Leser erfährt auch von den alten Sagen der Gegend, weiß, wo die besten Morcheln wuchsen und dass die Halden des damals schon geschlossenen Crailsheimer Bergwerks zwar schon mit Gras überwachsen aber doch noch zu sehen sind. Und: „Zu öffentlichen Zwecken dienen (im Oberamt) 278 Gebäude, worunter 27 Kirchen, 2 Synagogen, 9 Kapellen, 56 Rath- und Schulhäuser, 90 Spital-, Kranken- und Armenhäuser, 6 Stationsgebäude, 21 Bahnwärterhäuser und 67 sonstige Gebäude. Unter den Wohngebäuden befinden sich 12 Schlösser und 92 Amtswohnungen für Staats- und Gemeindediener, darunter 41 für Lehrer und 26 Pfarrhäuser. Auf 1 Wohnhaus kommen durchschnittlich 6,46 Bewohner; die meisten mit 9,8 in Crailsheim, die wenigsten in Matzenbach mit 4,7.“

„Damals hat man aufgelistet“, sagt Stadtarchivar Folker Förtsch, der die Oberamtsbeschreibung in einem Reprint natürlich in seinem Archiv hütet. „Heute wird interpretiert.“

Und es sei eigentlich fast schade, dass es solch akribische Listen nicht mehr gibt. Denn die Oberamtsbeschreibungen von damals sind heute gerade wegen ihrer Fülle von Daten eine wahre Fundgrube für alle, die sich in Württemberg mit Geschichte befassen.

Die Oberamtsbeschreibungen wurden fortgeschrieben und mündeten in die Kreisbeschreibungen – die letzte für den (damaligen) Kreis Crailsheim stammt von 1953.

Warum die Oberamtsbeschreibung heute unser Objekt in der Serie „Geschichte zum Anfassen“ ist? Das Werk steht dafür, dass die lange Zeit  ansbachische Gegend ein Teil von Württemberg geworden ist, wenn auch eher zögerlich. Denn bis Crailsheim mit der Beschreibung an die Reihe kam, dauerte es.

Crailsheim ist vorletzter Band

Die Beschreibung des ersten der 64 württembergischen Oberämter stammt aus dem Jahr 1824 (Reutlingen). In der Folge schafften die Topographen etwa alle Jahre einen Band. Die letzte Beschreibung stammt von 1886 (Ellwangen). Der vorletzte Band ist 1884 der aus Crailsheim. So lange dauerte es dann doch, bis das Amt Teil des Ganzen wurde.

Allerdings: Ganz ohne Beschreibung musste die Gegend nicht auskommen, und das ist eine Crailsheimer Besonderheit. Während die anderen Oberämter (es gibt sie in Württemberg als Verwaltungseinheit seit 1758) sozusagen unbeschriebene Blätter waren, gibt es aus Crailsheim eine ältere Beschreibung.

Denn auch das Fürstentum Ansbach kannte Oberämter. Und beschrieb sie. Diese erste Beschreibung ist Teil der „Topographie des Fürstentums“ und datiert von 1732. Sie ist handgeschrieben und schwer zu lesen und befindet sich im Staatsarchiv in Nürnberg. Wer sich dafür interessiert: Folker Förtsch hat eine Kopie bei sich im Crailsheimer Stadtarchiv.

Info Heute sind sämtliche württembergischen Oberamtsbeschreibungen digitalisiert. Hier kann man nach Herzenslust schmökern: https://de.wikisource.org/wiki/Würrttembergische_Oberamtsbeschreibungen.

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