Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Gute Geschichte“

Für die Buben um Anthony Balagira, bettelarm, neugierig, blitzgescheit, waren die Pfarrer, die vor rund 45 Jahren ins Dorf kamen, um von ihrem Glauben zu erzählen und vom Priesterberuf, wie aus einer anderen Welt. Sie fuhren Motorräder, trugen die Art von Kleidung, die sich die Familie Balagira niemals hätte leisten können, und vor allem strahlten sie Selbstgewissheit aus, eine Gelassenheit, die den jungen Anthony damals tief beeindruckte. So sehen Vorbilder aus. Als sie von einer besseren Zukunft erzählten – für die Buben, aber auch fürs Land selbst – fiel das auf fruchtbaren Boden.

Crailsheim/Satteldorf

Die zweite Begegnung, die dem heute 54-Jährigen einfällt, wenn er nach seiner Entscheidung fürs Priestertum gefragt wird, führt ebenfalls weit zurück in seine Vergangenheit. Sein Vater war Schullehrer, die Familie hatte elf Kinder. Bis heute, sagt der Sohn, ist im öffentlichen Dienst kaum etwas zu verdienen. Ein Lehrer bringe monatlich zwischen 100 und 350 Euro mit nach Hause. In seiner Kindheit sei es noch problematischer gewesen, mit einem Lehrergehalt elf Kinder durchzubringen. Das habe den Vater schier verzweifeln lassen. Als er sich dann in seiner Not an einen Priester wandte, gab es keine Almosen, sondern eine echte, eine Segen bringende Wendung zum Guten für die Familie: Der Geistliche brachte einen Sack Perlen und kleine Zangen, und fortan verdienten die Balagiras mit der Rosenkranzproduktion so viel, dass es gut zum Leben reichte. „Dieser Priester hat uns etwas beigebracht, hat uns eine Fertigkeit gelehrt und damit alles verändert.“

Bildung am Anfang

Anthony Balagira war ein Spitzenschüler, der jeweils mit Auszeichnung für die nächste Ausbildungsstufe empfohlen wurde. Aus dem kilometerlangen Fußmarsch in die Grundschule wurde die Fahrt ins Internat, aus dem er nur dreimal im Jahr in die Ferien nach Hause geschickt wurde. Schließlich ein Abschluss, mit dem ihm auch andere Karrieren offen gestanden hätten.

„Ich wollte Priester werden“, sagt Pfarrer Anthony. Er hat großartige Theologen getroffen, und noch wichtiger: Menschen, die einen Unterschied ausmachten. Genau das wollte er für sich auch. Der Verzicht auf Ehe und eigene Kinder, sagt er, sei sicher nicht für alle der richtige Weg. Er selbst vermisse nichts. Diese Vorstellung, wie eine Familie auszusehen hat und was sie bestimmt, die hat er erweitert. Seine Familie, das sind die Menschen, um die er sich kümmert, für die er einen Unterschied ausmacht: „Ich bereue nichts, ich vermisse nichts.“

Crailsheim

Der Geistliche ist Jahrgang 1965 – seit 1996 ist er Pfarrer, und im neuen Jahrtausend begann er, hin und wieder im Ausland Urlaubsvertretung zu machen. In Crailsheim ist er bereits zum zweiten Mal. In der Kirche „Zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit“ im Sauerbrunnen vertritt er Pfarrvikar Thomas Puthiyaparambil, der in seiner indischen Heimat Urlaub macht.

Pater Thomas hat die Gemeinde bei seinem Aufbruch gebeten, den Geistlichen aus Afrika herzlich aufzunehmen, ihn auch mal einzuladen. Balagira lächelt. Nein, eingeladen wurde er bislang nicht, aber das sei nicht schlimm. Sein Tag ist angefüllt mit Terminen. Gleich im Anschluss ans Gespräch mit dem HT geht’s ins Klinikum zur Krankensalbung, die ein Sakrament ist, vor allem aber Beistand in einer Stunde großer Not. Über die Seelsorge hinaus gibt es angenehme Pflichten wie die Glückwünsche zur diamantenen Hochzeit oder zum runden Geburtstag. Und so kommt er doch noch zu einem Einblick ins Hohenloher Familienleben.

„Eine Bereicherung“

Pfarrer Franz-Josef Konarkowski, der die Gemeinde leitet, hat den Kollegen aus Afrika gern in seinem Seelsorgeteam: „Er ist eine Bereicherung, bringt immer wieder einen neuen Blickwinkel ein.“ Der Kollege kommt nun einmal aus einer ganz anderen Welt. Anthony Balagira gehört dem Stamm der Baganda an, der dem Staat Uganda den Namen gegeben hat. Seine Muttersprache ist das Luganda, aber eines seiner größten Ziele ist, sicherzustellen, dass alle seiner 678 Schülerinnen und Schüler Englisch sprechen. Eine andere Möglichkeit der Verständigung sieht er nicht. Es gibt viele Sprachen in Uganda und an seiner Schule überdies nicht nur katholische, sondern auch evangelische Christen sowie Muslime. Ohne gegenseitiges Verständnis, in jeder Beziehung, geht da gar nichts.

„Seine“ Kinder, sagt er, haben nur eine Chance: Bildung. In der Pfarrei Stella Maris bei Kiyindi am Viktoriasee geht es darum, Kinderarbeit und Kinderprostitution zu bekämpfen. Insgesamt gibt es zwei weiterbildende Schulen mit rund 3000 Kindern und Jugendlichen; in den Grundschulen gibt es jeweils 60 bis 120 Schüler pro Klasse, später unwesentlich weniger. Als Schulleiter einer dieser Schulen – der Sacred Heart Najja Senior Secondary School bei Lugazi, einer Stadt im Bezirk Mukono in der Zentralregion Ugandas – muss Balagira gute Lehrer finden, das Schulgebäude erhalten und erweitern. Allein in diesem Jahr hat er 194 neue Schüler, die zum Teil schon wieder auf dem Boden sitzen oder an der Wand lehnen. Wenn er sich nicht um die Finanzen kümmert, gibt es nicht ausreichend Geld, um etwa die meisten Lehrer und alle sonstigen Angestellten zu bezahlen. Darüber hinaus ist er Pfarrer und Seelsorger, feiert zweimal wöchentlich eine Messe für und mit den Schülern, zudem jeden Morgen um 7 Uhr einen Gottesdienst. In seiner Pfarrei gibt es 13 Gemeinden samt eigener Kirche, die alle betreut sein wollen. Freie Zeit wie die, die er derzeit in Crailsheim genießt, ist rar.

Bildung als Schlüssel

Zurzeit steckt er mitten im Erweiterungsbau, packt durchaus selbst an und über alldem versucht er, etwas zu verändern. An der Kinderarmut und an der Kindersterblichkeit etwa. Am Leid so vieler Menschen. Schlecht ausgestattete lokale Gesundheitszentren, lange Wege zum nächsten Krankenhaus, fehlende Medikamente und Behandlung machen Malaria, Lungenentzündung, Durchfallerkrankungen und Masern zu potenziell tödlichen Krankheiten. Mangelernährung trägt dazu bei, dass so viele Kinder sterben und die Mütter gleich mit – es gibt viel zu wenig Hebammen. Auf der anderen Seite ist die Geburtenrate in Uganda sehr hoch. Noch immer, sagt Pfarrer Anthony, wünschen sich Familien viele Kinder. Zudem werden aus unterschiedlichen Gründen sehr viele sehr junge Frauen schwanger, mit allen damit verbundenen verheerenden Auswirkungen auf ihre Gesundheit und ihren Lebenslauf.

Für ihn ist Bildung die wichtigste Antwort auf drängende Probleme in seiner Heimat. Und mit seiner Schule trägt er dazu bei. Viele Eltern können freilich das Schulgeld nicht aufbringen. Die Regierung bezahle zehn Lehrer, die Kirche als Träger weitere 23, und das sei immer noch zu wenig. Für das Mittagessen müssen die Familien aufkommen; das heißt, nur 60 der 678 Kinder essen in der Schule: „Der Rest hat kein Mittagessen.“ Vielen fehle es am Nötigsten; es wäre schön, wenn ihnen geholfen werden könne.

Wer dem Geistlichen in seinem täglichen Kampf um die Zukunft „seiner“ Kinder helfen will, kann einem Kind für je 50 Euro ein Semester lang das Schulgeld oder das Mittagessen finanzieren.

Info


Mehr dazu sagen Anthony Balagira, E-Mail an tonybalagira2017@gmail.com, oder Sandra Waizenhöfer und Brigitte Vogt in der Dreifaltigkeitsgemeinde, Telefon 0 79 51 / 2 21 09.