Rot hat eine ganz bestimmte Charakteristik“, steigt Koenen in das Gespräch ein. Auch in seinem Buch, das die Grundlage für das Stadtgespräch liefert, beschäftigt er sich mit der Farbe, die in diesem Semester das Überthema des VHS-Programms bildet. „Mein Buch beginnt mit der Reflexion über die Farbe Rot. Sie hat viel mit Emotionalität zu tun“, fasst er zusammen. Sein Bezug zu Rot ist schließlich die rote Fahne des Kommunismus, als Zeichen des Aufstands, des Alarms und des Kriegs. „Als politische Fahne musste sie sich gegen die Nationalflaggen behaupten, die ja meist Trikoloren waren“, erklärt er, weshalb sich Revolutionäre die älteste Farbe der Welt ausgesucht haben für ihr Banner.

Von Sozialismus und Kommunismus will Koenen nicht nur als Ideen sprechen. Als Historiker will er zeigen, wie der Mensch lebendige Motive und Emotionen in die Realität umgesetzt und gelebt hat. „Ich will versuchen, das Bild der sozialistischen Bewegung des 19. Jahrhunderts, woraus der moderne Kommunismus entstanden ist, zu trennen vom Bündel an Motiven, das die Köpfe der Arbeiter erfasst hat“, erklärt er. Den Blick auf die realen Menschen und dann natürlich den Blick auf die Ideologie, die daraus erwuchs, will er in den großen politischen Zusammenhang stellen.

Idee scheiterte immer wieder

Einen aktuellen Zeitbezug stellt Koenen her, wenn er den Blick auf die Volksrepublik China lenkt. „Kommunismus dort ist das große Ganze. Man sieht sich als das überlegene Modell zur verfahrenen, egoistischen westlichen Gesellschaft“, fasst er seine Gedanken zusammen.Das Volk mit einer Weltmission, Bewegungen mit dem Anspruch, das Ganze zu bewegen: So kam der Kommunismus im 20. Jahrhundert an. „,Anti’ war das stärkste Motiv. Stark waren die Kommunisten in ihrem Kampf, im Widerstand gegen etwas“, erklärt Koenen, warum die Kommunismus-Idee immer wieder Erfolge nach sich zog, etwa im Widerstand der Vietkong gegen die Amerikaner im Vietnamkrieg. „Die Enttäuschung kam im Frieden. Die Systeme erwiesen sich im Inneren als nicht so stark wie es schien“, so Koenen, weshalb die Idee auch immer wieder scheiterte. Die Antihaltung, die Suche nach einer Gegenthese zu bestehenden politischen Normen und Strömungen, hat Koenen Ende der 60er-Jahre selbst miterlebt, als die Angst vor Krieg und Wirtschaftskrise die Jugend zur Suche nach alternativen Denkweisen anstiftete.

Kommunismus auch heute noch Thema

Um Verständnis wirbt Koenen für die Ideen von Karl Marx, der ursprünglich nicht die wunderbare, neue Gesellschaft gefordert, sondern Ansprüche an die bestehende gestellt hat. Das sei heute noch aktuell, meint er –  die Befreiung der Frau etwa, die Gleichberechtigung der Nationen, soziale Gerechtigkeit und Religion als Privatsache des Einzelnen. „Man muss sich Gedanken machen, was im Positiven und Negativen aus den Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts zu ziehen ist“, so der Historiker. Überzeugt ist er davon, dass Kommunismus auch heute noch ein Thema ist, das nicht an den Rand gedrängt werden darf. Er wünscht sich, dass die Entwicklungsmöglichkeiten der aktuellen Gesellschaft auch unter diesem Gesichtspunkt bedacht werden. Er sagt: „Es ist uns aufgegeben, politische Überlegungen anzustellen, das Schlimmste zu verhindern und das Beste daraus zu machen.“

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Info


Das Crailsheimer Stadtgespräch mit Gerd Koenen gibt’s am Freitag,

1. Februar, ab 19 Uhr im Ratssaal. Eine Anmeldung zur besseren Planung ist erwünscht unter vhs@crailsheim.de oder unter Telefon 0 79 51 / 4 03 38 00.