Interview Smartphones: Die Eltern sind in der Pflicht

Crailsheim / Tobias Haase 28.09.2018
Kinder und Jugendliche nutzen ihr Smartphone mit all seinen Möglichkeiten weitestgehend unkontrolliert. Katharina Kalteiß und Dorian Mehrländer fordern einen verantwortungsvollen Umgang.

Der Hirnforscher Manfred Spitzer warnt vor den Gefahren des Internets und der neuen Medien und verurteilt, dass Eltern ihren Kindern schon in jungen Jahren ein Smartphone in die Hand drücken. Er fragt: „Würden Sie Ihr Kind ins Rotlichtviertel lassen?“ Diese und weitere Fragen beantworten Katharina Kalteiß, Leiterin des Crailsheimer Jugendbüros, und Schulsozialarbeiter Dorian Mehrländer im Interview.

Sollte man den Umgang mit neuen Medien, speziell mit Smartphones, stärker in der Schule thematisieren?

Dorian Mehrländer: Die Frage ist: Ab wann ist der Mensch geistig überhaupt so weit, ein Smart­phone richtig zu bedienen? Wenn man die Industrie fragt, die sagt wohl ab drei Jahren, wenn man hingegen Manfred Spitzer zuhört und selber Einblick in das Schulleben hat, wäre ein deutlich späterer Zeitpunkt geeigneter. Ein geeignetes Alter zu finden, ist schwierig. Ich denke, dass grundsätzlich jeder, ob jung oder alt, den Umgang mit dem Smart­phone erlernen sollte. Wer mit einem Auto im Straßenverkehr unterwegs ist, wird von der Fahrschule, den Experten geschult, damit sie weder sich noch jemand anderen gefährden. Im Netz gibt es dies nicht, was dazu führt, dass eigentlich zu viele Jugendliche, ohne es selber zu merken, mit ihrem Smartphone überfordert sind und Inhalte, die sie online lesen, nicht verarbeiten können. Ist das Realität oder sind das Fake News? Diese Frage wird oft nicht beleuchtet und kann zu gefährlichen Einstellungen führen. Ich bin der Meinung, dass die Eltern die Fürsorgepflicht für ihre Schützlinge haben. Die Schule kann diesen Auftrag nicht erfüllen.

Die Eltern sind also in der Pflicht?

Katharina Kalteiß: Ja absolut. Aber das Problem ist, dass die Eltern meist nicht mit den Geräten aufgewachsen sind. Sie haben teilweise nicht die Fähigkeiten, die ihre Kinder dann schon längst besitzen, und werden dann selbstverständlich auch ausgetrickst. Es gibt viel zu bedenken, wenn man seinem Kind ein Smartphone kauft und es überreicht. Die Jugendlichen machen das, was die anderen auch machen. Sie sind sofort dabei, wollen mitmachen, ihre Bilder hochladen, auch zeigen, wer sie sind. Die Idealvorstellung wäre, dass man neben der Erziehung zu Hause das Smartphone zusätzlich in den Unterricht einbaut, aber dafür braucht man erst einmal die technischen Möglichkeiten an den Schulen und Lehrer, die sich gut damit auskennen.

Läuft nicht inzwischen viel Kommunikation über die digitalen Medien?

Mehrländer: Whatsapp wird oft genutzt, um erfolglos über Probleme zu reden, weil einige Kinder nicht mehr in der Lage sind, sich in Konflikten und Meinungsverschiedenheiten miteinander auszutauschen. Es ist einfacher, sich eine Textnachricht vorher zu überlegen, sie aufzusprechen oder zu schreiben und dann auf die Reaktion zu warten. Dabei ist es für eine Gesellschaft so wichtig, miteinander ins Gespräch zu kommen, den anderen zu verstehen und gemeinsam Lösungen zu finden.

Werden übers Smartphone nicht auch Verabredungen getroffen?

Mehrländer: Terminabsprachen sind ja in Ordnung, wenn sie so lauten: ‚Steht der Termin um acht Uhr noch: ja oder nein?’ Aber die Diskussionen, ob ein Termin sinnvoll ist, oder jegliche Streitigkeiten haben auf dem Smartphone einfach nichts zu suchen. 

Whatsapp, einige soziale Netzwerke und Plattformen sind erst ab 16 Jahren freigegeben – und doch werden sie von Jüngeren genutzt. Sind auch hier die Eltern in der Pflicht?

Mehrländer: Ja, richtig. Es ist etwas missverständlich, wenn Konflikte geschlichtet werden müssen, weil die Schüler in Whatsapp-Gruppen, in denen jeder drin ist, anfangen miteinander zu streiten. Da denke ich mir: Wir diskutieren über Sachen, die verboten sind, die die Schüler gar nicht machen dürfen, und trotzdem ist das am Ende ein Thema, weil jeder mitmacht.

Müssen sich Eltern besser informieren?

Kalteiß: Das kann ich so pauschal nicht sagen. Selbstverständlich wird es Eltern geben, die deutlich mehr Informationen benötigen. Es betrifft natürlich nicht alle, aber es sind schon einige Eltern, die zu wenig über das Nutzungsverhalten wissen.

Mehrländer: Ich hatte vor einigen Jahren einen Fall aus einer fünften Klasse: Einem Schüler wurde ein Video über Whatsapp zugespielt, das aus einem Kriegsgebiet stammt. Im Fernsehen würde man diese Bilder aus Schutz der Bevölkerung nicht zeigen und auch ich selber habe noch heute die schrecklichen Bilder im Kopf und wünschte, ich hätte sie nie zu Gesicht bekommen. Der Schüler litt unter Angststörungen und konnte nachts nicht mehr schlafen, er hat das Gesehene einfach nicht verkraftet. Eltern erkennen oft nicht die Gefahr, die von Messengerdiensten ausgeht. Über Aussagen wie, ‚mein Kind würde sich solche Videos nicht anschauen’, kann ich nur müde lächeln. Wir kennen es doch selber: Wenn ein Video an einen persönlich adressiert ist, dann interessiert man sich dafür und möchte es erst einmal anschauen. Genauso ist es auch bei den Jugendlichen.

Viele Kinder benutzen ihr Smartphone – mit und ohne Wissen ihrer Eltern – bis spät in die Nacht hinein. Wie problematisch ist das?

Mehrländer: Viele Kinder kennen den Satz: ‚Geh in dein Zimmer, mach deine Hausaufgaben – aber dein Handy bleibt hier.’ Das ist richtig so und sollte nachts ebenfalls so gehandhabt werden. Ich merke es auch selber. Wenn mein Handy auf dem Arbeitstisch vibriert, weil eine Nachricht ankommt, dann interessiert mich, wer mich angeschrieben hat und schon sind wir kurz abgelenkt. Deswegen habe ich für mich die Vorkehrung getroffen, dass das Handy lautlos ist und auf dem Display liegt oder gleich in der Tasche bleibt. Dann bekomme ich Informationen zwar erst Stunden später mit, aber es reicht meistens immer noch.

Ist es sinnvoll, die Nutzung von Handys einzuschränken?

Mehrländer: Es muss Grenzen geben. Ideal wären für mich maximal 20 bis 30 Minuten am Tag darf das Display des Smartphones an sein. Diese Selbstregulierung ist sehr schwierig, doch selbst dafür gibt es heutzutage sogar Apps. Die Kinder sollten, vielleicht auch mit Hilfe dieser Apps, diesen Umgang selber erlernen.

 In Schulen wurden schon heimlich Audio- und Videoaufnahmen von Lehrern und Mitschülern gemacht. Sollte man Handys an Schulen ganz verbieten?

Mehrländer: Aktuell würde ich sagen: Ja, es ist sinnvoll, Smartphones zu verbieten, weil wir einfach nicht in der Lage sind, das zu betreuen. Es passiert zu viel Unfug damit. Wenn Kinder ausreichend gelernt haben, mit dem Smartphone umzugehen, dann darf es gerne auch in der Schule benutzt werden – beispielsweise als Taschenrechner oder für die Recherche. Wobei ich finde, dass Hauptstädte lernen einfacher ist, wenn man sie im Atlas sucht und aufschreibt, als wenn man Google fragt: Welche  Hauptstädte gibt es in Europa?

Kalteiß: Deswegen denke ich, dass wir geschultes Personal brauchen, das unter anderem viel technisches Wissen vermitteln kann. Man kann Schüler durchaus Begriffe googeln lassen, aber man muss sich hinterher mit ihnen auseinandersetzen, damit die Inhalte bleiben und die Schüler lernen, wie sie die Inhalte verwerten. Dafür brauchen wir aber erst das Personal und das Wissen.

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