Historie Die Arbeit und den Gewinn geteilt

Westgartshausen / Christine Hofmann 03.01.2018
Die Realgemeinde Westgartshausen hat im 19. Jahrhundert die dörfliche Infrastruktur aufgebaut und erhalten. Erst jetzt endet die Organisationform mit der Flurneuordnung.

Schon als Kind ist Erwin Gronbach aus Westgartshausen mit seinem Vater und anderen Bauern des Dorfes regelmäßig zum Holzmachen in den Wald gegangen. Gemeinsam wurden Bäume gefällt und zerlegt, Flächen wurden neu aufgeforstet, junge Bäume gepflegt. Zuvor war sein Vater von Hof zu Hof gelaufen und hatte zum gemeinschaftlichen Arbeitseinsatz aufgerufen. Jahre später hat Gronbach, der heute 76 Jahre alt ist, diese Aufgabe übernommen. Da war er, als Nachfolger seines Vaters, Vorsitzender der Realgemeinde Westgartshausen.

Infrastruktur aufbauen

Mitglieder der Realgemeinde waren alle größeren Bauern des Dorfes, auf deren Hof ein sogenanntes Gemeinderecht ruhte. Im 19. Jahrhundert war eine wichtige Aufgabe der Realgemeinde – so ist es in den Güterbuchheften von Westgartshausen nachzulesen – die dörfliche Infrastruktur zu erstellen und zu erhalten. Das waren weitreichende Aufgaben: Wege mussten gebaut, Gräben und ein Löschteich angelegt, ein Armenhaus, ein Gefängnis und ein Brechhaus, in dem Flachs gebrochen wurde, errichtet und betrieben werden.

„Die Realgemeinde war zu dieser Zeit eine Art selbstorganisiertes Gemeinwesen“, erklärt Ortsvorsteher Hermann Wagner. Da es in Westgartshausen weder einen Dorfadel noch einen überregionalen Adel gab, war die Realgemeinde die Organisationsform, die das Dorfleben regelte.

Realgemeinden gab es auch andernorts. Allerdings hat sich kaum eine so lange gehalten wie die in Westgartshausen. In der Zeit des Nationalsozialismus sind die Aufgaben der Realgemeinde an die politische Gemeinde übergegangen. Allerdings blieb die Verwaltung der Eigentumsfläche in den Händen der Mitglieder. Die Realgemeinde bestand also weiter, wenn auch mit deutlich weniger Aufgaben und Verpflichtungen.

Nach dem Krieg spielte die Realgemeinde noch einmal eine wichtige Rolle, als es um die Bebauung des Ortes ging. Die Flüchtlingssiedlung im Süden oder später die katholische Kirche wurden auf Realgemeindeflächen gebaut. In den 1950er-Jahren wurde die Hutefläche aufgelöst. „Danach war die Hauptaufgabe, die große gemeinsame Waldfläche zu bewirtschaften“, berichtet Willi Pfisterer (72), der letzte Vorsitzende der Realgemeinde.

Jeden Winter gingen die Mitglieder also weiterhin in den Wald, um Holz zu machen. „Die Stunden wurden aufgeschrieben und verrechnet. Jeder musste entsprechend seinem Anteil Arbeitsstunden einbringen“, erklärt Pfisterer. Am Ende wurde der Gewinn unter den Eigentümern aufgeteilt. „Das war oft ein schönes Extra am Jahresende.“

Allerdings wurde es im Laufe der Jahre immer schwieriger, Helfer für die schwere Waldarbeit zu finden, erzählt Erwin Groninger. „Die Eigentümer sind immer älter geworden – und die jüngere Generation hatte keine Zeit mehr für Arbeitseinsätze am Wochenende“, so Groninger. Die Arbeit verteilte sich auf immer weniger Schultern. Als im Jahr 2003 rund 1500 Festmeter Käferholz gemacht werden mussten, war klar, dass die Aufgabe von den Mitgliedern auf Dauer nicht mehr zu bewältigen war.

„In dieser Zeit kam der Gedanke auf, die Realgemeinde komplett aufzulösen“, sagt Groninger. Beschlossen wurde die Auflösung aber erst auf einer Mitgliederversammlung im Jahr 2008. Nach und nach wurden die Gemeinschaftsflächen verkauft – die meisten kauften Mitglieder oder deren Angehörige auf. „Auch der Stadt Crailsheim wurden Grundstücke zum Verkauf angeboten. Sie hatte damals jedoch kein Interesse daran“, so Groninger. „Heute wäre das vielleicht anders.“

Fast zehn Jahre hat es gedauert, bis der gemeinsame Grund und Boden in Privatbesitz überging. Die letzten Flächen werden jetzt über das Flurneuordnungsverfahren abgewickelt, das in Kürze abgeschlossen wird. Dann endet die Realgemeinde Westgartshausen tatsächlich.

Realgemeinde bestand aus 19 Teilen

Die Realgemeinde Westgartshausen bestand aus 19 Gemeinderechten, die sich wiederum teilweise aus Güter- oder Erbengemeinschaften zusammensetzten. Die Eigentumsfläche bestand – bevor die Auflösung und damit der Flächenverkauf begannen – aus 22 Hektar, davon etwa 18 Hektar Wald, 0,4 Hektar Wasser (Feuersee) und der Rest Hutfläche (am Laubberg-Nordhang und um den Feuersee). hof

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