Bildung Dialekt fördert Intelligenz

Ein Deutschlehrer erklärt seiner Klasse die Vergangenheitsform. Schüler, die ihren eigenen Dialekt gut beherrschen, haben es auch im Hochdeutschen einfacher.
Ein Deutschlehrer erklärt seiner Klasse die Vergangenheitsform. Schüler, die ihren eigenen Dialekt gut beherrschen, haben es auch im Hochdeutschen einfacher. © Foto: dpa
Crailsheim / JULIA VOGELMANN 29.10.2016
Regionale Sprachefärbungen und das Hochdeutsche müssen nicht in Konkurrenz stehen. Wer seinen örtlichen Dialekt gut beherrscht, hat mit der Schriftsprache weniger Probleme.

In den 70er-Jahren war man sich einig, dass Dialekt eine Sprach- und Bildungsbarriere darstellt. Mundart wurde gleichgesetzt mit schlechtem Bildungsstand. Heute weiß man, dass dies ein Irrtum ist, der sich auf eine Fehlinterpretation damaliger Bildungsstanderhebungen gründete, die besagten, dass die Bildung am schlechtesten dort ist, wo Ländliche Umgebung, weibliches Geschlecht und katholische Religion aufeinandertreffen – also dort, wo am meisten Dialekt gesprochen wird.

Was man heute sicher weiß: Wer in der Lage ist, zwischen Dialekt und Hochsprache hin- und herzuwechseln, wer die Übersetzungsleistung bringen kann, die dazu erforderlich ist, der zeigt schon einmal ein erhebliches Maß an Intelligenz. Dialekt, betrachtet man ihn von der Warte des Nicht-Verstehers aus, ist kein defizitäres Sprachsystem, sondern eine natürlich gewachsene Fremdsprache, mit eigener Struktur, Grammatik und einem Wortschatz, der weit facettenreicher ist als der der Hochsprache. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist für viele Kinder vor allem im ländlichen Raum Dialekt die Erst- oder wenn man so will Muttersprache, die die Sprachbegabung eher fördert, anstatt sie wie früher angenommen, zu bremsen.

Auch deshalb hat Dialekt nicht nur ein immer besseres Image, mit dem man sich mitunter sogar gerne schmückt, sondern auch einen festen Platz im Lehrplan der Schulen. „Es ist Aufgabe der Schule, Kinder zur Bildungssprache hinzuführen – das sollte aber nicht auf Kosten der Erstsprache gehen. Dialekt und Hochsprache sind keine Gegensätze“, betont Manfred Koch, Geschäftsführender Schulleiter der Grund-, Sonder-, Gemeinschafts- und Realschulen in Crailsheim. Er befürwortet, dass in den Lehrplänen der Grundschulen Dialekt einen festen Platz hat. In der ersten und zweiten Klasse lernen die Schüler anhand von Gedichten, Reimen und Liedern, wie Dialekt sich anhören kann, wo Unterschiede zur Hochsprache zu finden sind und wie und zu welchen Gelegenheiten Dialekte gesprochen werden.

In den Klassen 3 und 4 geht es schwerpunktmäßig darum, in verschiedenen Situationen Unterschiede zwischen Dialekt und Standardsprache sichtbar zu machen, indem zum Beispiel Wörter aus beiden „Sprachen“ zueinander in Beziehung gesetzt werden oder ganz bewusst darauf geschaut wird, wie beide situationsbezogen eingesetzt werden können. Auch das Vortragen von Texten im Dialekt gehört hier zum Programm. „Es kommt darauf an, dass die Schüler zwischen den verschiedenen Varianten und Stilebenen unterscheiden und sich angemessen in der jeweiligen Situation ausdrücken können“, formuliert Koch das Lernziel.

Dass Kinder, die den Dialekt schon in die Wiege gelegt bekommen haben, einen sprachlichen Vorteil haben, davon ist Koch überzeugt. „Schüler, die ausschließlich mit Hochdeutsch aufwachsen, haben teilweise größere Schwierigkeiten, die mündliche Sprache in die schriftliche Form zu bringen“, sagt er und zitiert eine Studie der Universität Oldenburg, die über Jahre hinweg Aufsätze von Dritt- und Sechstklässlern untersuchte und zu dem Ergebnis kam, dass Mundart sprechende Kinder 30 Prozent weniger Rechtschreibfehler machten.

Auch was den Wortschatz angeht, profitieren Kinder vom Dialekt, denn der ist im Ausdruck oft facettenreicher und nuancierter und bietet somit mehr Ausdrucksmöglichkeiten als die Hochsprache.

Jetzt aber herzugehen und zu sagen „dann sprechen wir nur noch Dialekt“ wäre verkehrt, denn Kinder profitieren tatsächlich nur davon, wenn die innere Mehrsprachigkeit gefördert wird, wenn die kritische Distanz, die der Dialekt zur Hochsprache aufbaut, auch tatsächlich in sprachlichen Mehrwert umgewandelt wird. Dazu können Eltern beitragen, ist sich Koch sicher: „Eltern sollten beide Sprachebenen fördern und dafür sorgen, dass ihr Kind sich auch im Hochdeutschen gut zurechtfindet. Gezielt kann man das durch tägliches Vorlesen oder Singen unterstützen.“ Außerdem verweist er auf die Vorbildfunktion der Eltern, die in der Regel vormachen, wann es angebracht ist, Hochdeutsch zu sprechen, etwa beim Arztbesuch.

Dialekt stirbt nicht

Neben all der sprachlichen Vorteile, die der Dialekt Kindern bieten kann, gibt es auch soziale Aspekte, die dafür sprechen, dass Dialekt einen festen Platz im alltäglichen Sprachgebrauch hat. Dialekt ist identitätsstiftend, durch ihn fühlt man sich zugehörig, hat eine Möglichkeit, seine Heimatverbundenheit zu zeigen. Außerdem fördert er den persönlichen Ausdruck und bringt soziokommunikative Vorteile – sprich: Wer schwätzt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, findet unter „Gleichsprachlichen“ schneller Freunde.

Zwar werden die lokalen Unterschiede der Dialekte immer weniger, da richtiger Dialekt häufig nur noch von der älteren Generation gesprochen wird, dennoch kann festgestellt werden: Dialekt stirbt nicht.

Die Allgemeinheit, auch die Hochdeutsch sprechende, profitiert vom Dialekt, weil er aktiv der Verarmung der deutschen Sprache entgegensteuert, einmal schlicht dadurch, dass er gesprochen wird, aber auch dadurch, dass immer wieder Dialektausdrücke ihren Weg in den allgemeinen Sprachgebrauch finden.

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Projekte in der Schule fördern das Verständnis

Mit dem Imagewandel, den der Dialekt in den vergangenen Jahrzehnten erfahren hat, versuchen auch immer mehr Schulen, Mundart in Schulprojekten, wie etwa Krippenspielen, einen Platz einzuräumen. Außerdem gibt es auch in Baden-Württemberg immer mehr Impulse von außen, die den Dialekt in Schulen präsent machen und ihm einen kulturellen Platz zuweisen, von dem auch die nachwachsenden Generationen der Dialekt-Sprecher noch profitieren sollen. Zwar schließt das Fehlen von Normen im Dialekt und die regionale Bandbreite aus, Dialekt als eigenständiges Unterrichtsfach in den Lehrplan aufzunehmen, dennoch engagieren sich Vereine, wie etwa der Arbeitskreis „Mundart in der Schule“, der sich aus Mitgliedern der beiden Mundartvereine „Muettersproch-Gsellschaft“ und “schwäbische mund.art“.

Seit 2003 vermittelt und bezuschusst der Arbeitskreis Mundart Autoren, Musiker, Kabarettisten und Theatergruppen an Schulen, die den Schülern in Projekten und mittels Aufführungen den Dialekt der jeweiligen Region nahebringen und ihnen zeigen, welche künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten im Dialekt verborgen liegen. Seit Gründung konnten so rund 500 Veranstaltungen vermittelt und um die 10 000 Schüler erreicht werden.

Auf der Homepage des Arbeitskreises www.mundart-in-der-schule.de gibt es nicht nur eine Liste der teilnehmenden Künstler, sondern dort lässt sich auch eine Karte abrufen, wo welcher Dialekt im Ländle zuhause ist.

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