Kunstbetrachtung Des Stadtarzts „vilgeliebtes Töchterlein“

Das Epitaph für die kleine Anna Sophia  in der Gottesackerkapelle wurde aus Alabaster gefertigt, so sind feinste Details an den Spitzenbordüren ausgearbeitet.
Das Epitaph für die kleine Anna Sophia  in der Gottesackerkapelle wurde aus Alabaster gefertigt, so sind feinste Details an den Spitzenbordüren ausgearbeitet. © Foto: Helga Steiger
Crailsheim / Helga Steiger 12.01.2019
In der Gottesackerkapelle befindet sich neben mehreren Grabmalen Erwachsener auch das eines Kindes: Die kleine Anna Sophia Maier starb im ersten Lebensjahr.

Aufgrund der guten medizinischen Versorgung sterben heutzutage in Deutschland „nur“ noch rund vier von 1000 Kindern in den ersten Lebensjahren. Doch hinter jeder Zahl, hinter jedem einzelnen Todesfall ist das Leid einer ganzen Familie verborgen. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit erreichte nicht einmal die Hälfte aller Kinder ein Alter von 14 Jahren. Die Hauptursache für den frühen Tod waren Infektionskrankheiten mit Durchfall. In Zeiten von Pest oder Krieg verschärfte sich die Situation: Manche Familien hatten zehn und mehr Kinder und kaum eines erreichte das Erwachsenenalter. Der Tod gehörte zum Alltag einer Familie dazu – und leicht könnte man vermuten, dass das Sterben eines Kindes eben hingenommen wurde, weil es täglich geschehen konnte und in größeren Ortschaften auch täglich geschah.

Auch damals tief betrauert

Die erhaltenen Grabdenkmale von Kindern belegen etwas anderes. Sie zeigen, dass auch damals Eltern eine tiefe Trauer beim Tod ihres Kindes empfanden. So findet sich in der Crailsheimer Gottesackerkapelle das Grabdenkmal eines kleinen Mädchens: Anna Sophia Maier starb 1636 in ihrem ersten Lebensjahr. Ihre Eltern ließen für sie eine rund 85 Zentimeter hohe Grabplatte anfertigen. Dafür wählten sie Alabaster, ein Material, das feine Ausarbeitungen zulässt. Da das Gipsmaterial nicht witterungsbeständig ist, musste das Grabmal in der Kapelle untergebracht werden. Mit der Fertigung wurde der aus Rot am See stammende Steinmetz Hans Weber beauftragt, der für viele Crailsheimer Honoratioren Grabdenkmale geschaffen hat.

Die Platte für Anna Sophia befand sich ursprünglich im Boden des Chors, bei einer Restaurierung der Kapelle wurde sie in der spitzbogigen Nische in der Nordwand angebracht. Die Platte zeigt das Mädchen aufrecht stehend. Es trägt ein langes Kleidchen mit gepufften Ärmeln und einer vorgebundenen spitzenbesetzten Schürze. In den vor dem Bauch zusammengelegten Händen hält Anna Sophia eine Rose. Ihr Gesicht ist kindlich-rund, der Blick geht geradeaus. Die Kopfhaube ist mit Spitzen besetzt. Um den Hals trägt sie einen fein gefältelten Mühlsteinkragen. Der Kopf ist umfangen von einem Rundbogen, dessen untere Enden in damals modernen Formen eingerollt sind, in den Zwickeln ist ein Pflanzenornament.

Rund um das Mädchen läuft eine Inschrift, die Harald Drös von der Inschriftenkommission der Heidelberger Akademie der Wissenschaften entziffert hat. Die Inschrift nennt den Namen des Mädchens und den Sterbetag. Sie gibt darüber Auskunft, dass Anna Sophia die Tochter von Johann Valentin Maier und seiner Frau Anna Maria ist, und dass deren „vilgeliebtes Töchterlein“ mit nur fünf Monaten und vier Tagen gestorben ist. Die Wappen der väterlichen und mütterlichen Familien Maier und Keck sind am Fuß gezeigt. In der Inschrift wird auch der Beruf von Johann Valentin Maier erwähnt: Er war Doktor der Medizin. Aus Oettingen stammend, hat er in Altdorf und Straßburg studiert. Von 1627 bis zu seinem Tod 1668, also mehr als 40 Jahre, war er Stadtarzt in Crailsheim. Man kann nur vermuten, wie er sich gefühlt haben mag, dass er den Tod seines Mädchens nicht verhindern konnte.

Nur wohlhabenden Familien war es möglich, ein Grabmal zu finanzieren. Wer sparsam war, konnte die Namen seiner Kinder mit auf seine eigene Gedenktafel setzen lassen. Rund um Crailsheim finden sich dennoch mehrere Grabdenkmale für Kinder. Oft tragen sie ausschließlich die Wappen adliger Familien. Einige weitere Denkmale aus den 1630er-­Jahren zeigen wie dasjenige für Anna Sophia in bemerkenswerter Weise das verstorbene Kind: beispielsweise in Lendsiedel die Zehnjährige Anna Amalia Conrad und in Lobenhausen den zehn Wochen alten Gottfried Albrecht Salamon. Rosina Barbara Geyer von Giebelstadt ist ebenfalls im Säuglingsalter gestorben. Ihre Grabplatte in Goldbach zeigt sie als fest eingepacktes Wickelkind.

Bei den Inschriften wird häufig das Bedürfnis nach Trost deutlich, wie etwa auf der Grabplatte eines 1620 vor der Geburt verstorbenen „Herrleins von Hohenlohe“ in Langenburg, die einen Bibelvers nach Matthäus 18,14 trägt: „So ist‘s auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde.“

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