Serie Der Zahn der Zeit beißt sich fest

Crailsheim / Birgit Trinkle 07.09.2017
Die Vergangenheit des Crailsheimer Wasserturms ist Stadtgeschichte, die Zukunft liegt in der Hand des neuen Besitzers Werner Brekner.

Der Wasserturm in Crailsheim ist schon etwas Besonderes. In diesem Jahr erfuhr er so viel Aufmerksamkeit wie sonst in Jahrzehnten nicht. Diskutiert und gestritten wurde um ihn,  das Landesdenkmalamt  hat seine Einschätzung erneuert, dass dieses Wahrzeichen nicht nur stadtbildprägend , sondern selbstverständlich denkmalgeschützt ist; er wurde wiederum Dutzende Mal gemalt und fotografiert, und er wechselte den Besitzer.

Goldene Eisenbahner-Zeit

 Der Blick zurück  führt in eine Zeit, in der mit diesem Turm über 60 Lokomotiven sechs Tage in der Woche mit Wasser versorgt wurden. Dass es da um große Mengen geht, die da jeden Tag durch den Hochbehälter geleitet wurden, zeigt sich am Fassungsvermögen von 600 Kubikmetern -   damit ließe sich ein 25 Meter langes Sportbecken mit Wasser füllen, und zeitweise, so heißt es, sind die Auszubildenden des Bahnbetriebswerks nach langen, heißen, staubigen Tagen tatsächlich geschwommen in der Kugel.

Jede Woche ein Wagon Kalk

Vor allem aber zeigt sich das Ausmaß der durch diesen Turm geführten Wassermengen an all dem Zeug, das im angeschlossenen „Wasserstationsgebäude“ aus dem unablässig  abgepumpten Jagstwasser gefiltert wurde; jede Woche, so heißt es, wurde damals ein Güterwagon voller Kalk abtransportiert. 1944, so lässt sich dem Archiv entnehmen,  wurden täglich fast 1900 Kubikmeter verbraucht. Dass die Bahn der Jagst 25 Liter Wasser in der Sekunde entnehmen durfte, war übrigens  nicht selbstverständlich; vorausgegangen war heftiges Gerangel mit der Herrenmühle.

Von der Kneipe zur Pizzeria

Eine neue Ära begann mit der Eröffnung einer legendäre  Kneipe mit Schnellzugsitzen samt Gepäckablage, sowie mit der Kunstgalerie, die dort in den 80ern eingerichtet wurden, nachdem die Deutsche Bundesbahn den Turm verkauft hatte. Bereits damals stand der Turm unter Denkmalschutz: 1978, kurz vor dem geplanten Abriss, hatte es mit Hilfe des Denkmalamtes eine Rettungsaktion in letzter Minute gegeben.

Lebenstraum und Lebenswerk

Werner Brekner war schon als Jugendlicher fasziniert vom Wasserturm. Für die letzte Folge der Serie über Crailsheimer Türme sprach  er mit dem HT über diese lebenslange Leidenschaft, die schließlich dazu führte, dass  er dieses Wahrzeichen der Stadt gekauft hat: „Der lag mir immer am Herzen. Brekner ist in der Reinthalerstraße in Altenmünster aufgewachsen, und als Bub bzw.  junger Mann saß er nach dem Fußballtraining oben auf dem Turm, in der „Bistro-Café-Bar Wassertum“ und träumte: Wenn er mal zu erwerben wäre, zu annehmbaren Konditionen, dann würde er   den Traum von Turmkauf wahr werden lassen.

So kam es dann. Der Finanzierung war zu stemmen, und bei aller Bürokratie, bei aller Arbeit und bei allem, was der Wasserturm in jeder Beziehung kostet: „Ich hab’s noch nicht bereut“, sagt Brekner, der in Kreßberg ein Unternehmen führt. Vor allem kämpfe er ja nicht allein für die Zukunft des Turms:  Dr. Friedrich Bullinger hat eine so genannte kleine Anfrage gestellt, um Unterstützung zu finden, das Wirtschaftsministerium ist involviert, und Architekt  Hans-Christoph Lamparter steht unter anderem in Verbindung mit Angelika Reiff vom Denkmalamt.

Er habe langfristige Pläne, sagt Brekner, im ersten Schritt aber gehe es um die Sanierung: Die Kugel rostet, und das wird laut Gutachten und gesundem Menschenverstand nicht besser. Für Kugel und Mauerwerk sollen bis Herbst 2018 instandgesetzt werden. Der Kostenrahmen dafür liegt bei 230.000 bis 250.000 Euro. Ohne Zusagen und Absprachen beginnen will der Unternehmer nicht, um die Kosten nicht  doch noch alleine tragen zu müssen: „Aber sobald ich grünes Licht hab, leg ich los.“ Und dann? Der Pächter hat für die Pizzeria einen Vertrag bis März 2020, daran will Brekner nichts verändern. Es gibt  Zukunftsmusik, zunächst mal aber geht es darum, den Turm so herzurichten, wie er mal war und wie er Crailsheims goldene Eisenbahnerjahre geprägt hat.

Info Der Turm wurde 1912 gebaut, er ist 23,7 Meter hoch, das Einfüllrohr durchbricht die Kugel in 18,5  Meter Höhe. Der   Sockeldurchmesser beträgt  9,78 Meter; das verwendete Eisenblech ist 6 Millimeter stark, das Fundament 2,20 Meter tief, die tragenden Außenmauern aus rotem Klinker-Backstein haben eine Wandstärke von über einem halben Meter, sind 12 Meter hoch und sind  nach all den Jahren  noch immer ohne Risse. Alles in allem ist der ganze Turm  geradezu sagenhaft standhaft.

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