Crailsheim Der Weihnachtsmann wartet im Lager

Crailsheim / Ute Schäfer 31.08.2018
Heute öffnet sich für das HT die Tür zum Depot des Crailsheimer Stadtmuseums. Den Schlüssel zu dem Raum unter der Dachschräge im Pfründnerhaus hütet Museumsleiterin Friederike Lindner.

Die Tür ist weiß und ziemlich unscheinbar. Doch wer sie im Sonderausstellungsraum des Stadtmuseums sieht, fragt sich unweigerlich, was dahintersteckt. Manch einer versucht vielleicht sogar, sie vorsichtig zu öffnen.

Doch er hat Pech. Die Tür ist immer verschlossen. Und wenn sie offen ist, ist fast zwangsläufig Friederike Lindner da. Denn die Leiterin des Crailsheimer Stadtmuseums hat immer wieder dort zu tun. Hinter der Tür verbirgt sich das Museumsdepot, das unter einer Dachschräge im Pfründnerhaus des Spitals untergebracht ist. Es ist natürlich nicht das einzige Museumsdepot, das Friederike Lindner hütet. Es gibt noch ein weiteres. Große Objekte sind in einem städtischen Gebäude in der Burgbergstraße untergebracht.

Fayencen aus Crailsheim

Das kleine, aber feine Depot hinter der weißen Tür enthält deshalb auch nur die kleineren Teile der Museumssammlung, zum Beispiel die Fayencen der Crailsheimer Fayencenmanufaktur, die in der ständigen Ausstellung unten im Museum nicht zu sehen sind. Etwa 50 Stück sind das noch, schätzt Museumsleiterin Lindner.

Doch zuerst ins Auge fallen ganz andere Objekte: Objekte aus Zinn, Krüge, Schalen, Teller. Von ihnen gibt es mehrere Regalbretter voll, und mit ihnen hat es eine ganz besondere Bewandtnis. Etwa 220 dieser Zinnstücke stammen aus jüdischem Besitz. Die Crailsheimer Juden, die ihre Heimatstadt in den dunklen Jahren der Nazi-Herrschaft verlassen mussten, haben sie verkaufen müssen. Der Altertums- und Heimatverein Crailsheim hat sie Anfang 1939 für das Heimatmuseum übernommen. In den Akten haben sich Listen erhalten, auf welchen eine „Übernahme in die Sammlung“ bestätigt wird. Die Listen enthalten die Namen und Adressen der Eigentümer, die Bezeichnung der Objekte und einen „festgesetzten Preis“, welcher sich auf alle gelisteten Objekte bezieht. Ein schwieriges Erbe verbirgt sich also hinter der weißen Tür. Die Objekte laufen unter dem Begriff „entzogenes Kulturgut“, und Friederike Lindner plant 2020 eine Ausstellung zum Thema.

Schwierige Forschung

Bei den Zinnkrügen handelt es sich zwar nicht um hohe materielle Werte, „aber darauf kommt es ja auch gar nicht an“, sagt Lindner. Und natürlich betreibe sie Herkunftsforschung, mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen. „Doch das ist gar nicht so einfach, besonders da es in unseren Fällen eigentlich um Erbenermittlung geht.“ Einige Gegenstände wurden übrigens zurückgefordert, das war 1949. „Die Sachen sind damals wohl auch anstandslos zurückgegeben worden.“ Und heute? „Würde sich wieder ein Erbe melden, dann möchte ich die betreffenden Gegenstände gerne zurückgeben.“

Die Zinn-Objekte zeigen noch etwas anderes, ganz unabhängig von ihrer Herkunft: Zinn wurde damals als wertvoll erachtet und gesammelt. Heute kräht kein Hahn mehr nach Zinn. Es hat seinen Marktwert verloren. Lindner: „Es ist gerade einfach nicht in Mode.“

Der „Blick auf die Dinge“ ist also ebenfalls etwas, über das sich in einem Depot wie diesem trefflich diskutieren lässt. Denn wer sagt denn, dass ein Gegenstand, der für uns heute interessant scheint, das auch in Zukunft bleibt? Oder anders herum: „Ein heute banal scheinender Gegenstand kann später ungeheuer aussagekräftig sein“, meint die Museumsleiterin.

Schwierig ist es also, die Gegenstände auszuwählen, die es in einem Museumsdepot für künftige Generationen zu bewahren gilt. „Schließlich ist der Platz in einem Depot ja mehr als begrenzt“, sagt Friederike Lindner, „und das Geld für Ankäufe sowieso.“

Immer wieder bieten ihr auch Crailsheimer Bürger Gegenstände „fürs Museum“ an. Wobei die Museumsleiterin bedauert, vieles nicht übernehmen zu können. „Viele Leute bringen Textilien“, sagt sie. „Aber das 85. alte Hemd bringt für das Stadtmuseum auch nichts Neues mehr. Bei alten Haushaltsgegenständen ist es ähnlich.“

Anders wäre das mit Objekten, die zum Beispiel an den Fliegerhorst erinnern. „Auch vom Standort der Amerikaner und ihre Verbindungen mit der Bevölkerung habe ich so gut wie nichts Dreidimensionales“, sagt Lindner und würde sich über entsprechende Gegenstände freuen. Und: „Zu einer Latzhose der Firma Sorg – sie hießen ‚Sorglos Monteurstolz‘ würde ich nicht Nein sagen.“ Denn überhaupt seien die Gegenstände rar, die die Wirtschaftsgeschichte von Crailsheim ab den 1950er-Jahren darstellen.

Paradestück Weihnachtsmann

Etwas freilich hat sie ergattert. Es ist der große Nikolaus, der früher immer zur Weihnachtszeit im Schaufenster der Stoffhandlung Wilhelm Häberle stand und an den sich bestimmt viele Crailsheimer erinnern. Als der Laden in der Langen Straße 2011 aufgelöst wurde, hat Lindner den Weihnachtsmann für das Museum erworben. In der Sonderausstellung „Weihnachtsmann und Osterhase“ war er bereits zu sehen. Danach kam er wieder hinter die weiße, verschlossene Tür im Pfründnerhaus. Dort, im Dunkel des Depots, wartet er darauf, einmal wieder ans Licht des Tages geholt zu werden. Bei einer zukünftigen Ausstellung zur Wirtschaftsgeschichte Crailsheims wäre er sicher das Paradestück.

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