Freitod Der Tod einer Bad Mergentheimer Amtstierärztin sorgt bundesweit für Aufsehen

Bad Mergentheim / JOACHIM W. ILG 09.01.2015
Im Oktober letzten Jahres verstarb Dr. Anya Rackow. Sie war im Bad Mergentheimer Veterinäramt für den Tierschutz zuständig. Ihr Freitod ist für Tierärzte ein bundesweiter "Warn- und Mahnruf".

"Der Freitod unserer Kollegin Dr. med vet. Anya Rackow ist für uns Warn- und Mahnruf". Mit diesen Worten beginnt ein Nachruf auf die ehemalige Mitarbeiterin des Bad Mergentheimer Veterinäramtes. Sie ist im Oktober des letzten Jahres gestorben. Der Nachruf erschien am 23. Dezember 2014 in der Wochenzeitung "Die Zeit". Unterzeichnet ist er von Tierärztinnen und Tierärzten aus ganz Deutschland, zum Beispiel aus dem Deutschen Bundestag, dem Tierärztlichen Forum für verantwortbare Landwirtschaft, dem Landesverband der im öffentlichen Dienst beschäftigten Tierärzte Baden-Württemberg und dem Veterinäramt Bad Mergentheim.

"Für ihren unermüdlichen Kampf um die Rechte und das Wohl der Tiere gebührte Tierärztin Dr. Rackow Dank, Anerkennung und politische Unterstützung", heißt es in dem Nachruf. Dieser Kampf habe ihr "Anfeindungen und Bedrohungen" eingebracht. "Umso ernster" nehmen die Tierärzte deshalb "die Verantwortung", sich "für die Beseitigung wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Ursachen der Probleme in Tierzucht und Tierhaltung einzusetzen". Und sie betonen abschließend: "Unsere gegenseitige Unterstützung soll uns Pflicht sein".

Unermüdliche Streiterin

Wenige Tage nach dem Tod von Dr. Anya Rackow erschien in der Tauber-Zeitung am 24. Oktober 2014 ein Nachruf, den Dr. Horst Schöntag "Im Namen der Kolleginnen und Kollegen" unterzeichnet hat. Darin wird Dr. Rackow als "ebenso unermüdliche wie unerbittliche Streiterin" gewürdigt, die "ihren Kampf für die Rechte der Tiere aufgegeben" habe.

In einem weiteren Nachruf äußerte sich Dr. Horst Schöntag erneut "zum Tod von Oberveterinärrätin Dr. Rackow", wobei er dies ebenfalls wieder nicht als Leiter des Bad Mergentheimer Veterinäramtes tat, sondern als Privatmann. Den Nachruf, der in der Dezember-Ausgabe des Deutschen Tierärzteblatts erschien, begründet er nicht nur damit, die beruflichen Leistungen von Dr. Rackow zu würdigen, sondern auch den "dienstlichen Hintergrund" deutlich zu machen, "vor welchem sie sich am 13. Oktober 2014 das Leben nahm".

Dem Leben selbst ein Ende gesetzt

Für Dr. Rackow - seit November 1995 Mitarbeiterin im Veterinäramt Bad Mergentheim - sei "ihr Beruf echte Berufung" gewesen. Bereits als Kind sei es ihr "unerträglich" gewesen, "wenn gegen Tiere Unrecht verübt wurde oder diese leiden mussten". So sei es "nur folgerichtig, dass sie Tierärztin und der Tierschutz ihr zur Lebensaufgabe wurde", folgert Dr. Schöntag in dem Nachruf und bescheinigt der "Streiterin für die Rechte und das Wohl der Tiere", dass sie als Sachgebietsleiterin für Tierschutz "stets mit größter Genauigkeit, vorbildlich und ohne Fehl und Tadel" vorgegangen sei. Sie habe "nie ein Blatt vor den Mund" genommen und "aus ihrem Herzen keine Mördergrube gemacht". Auch ihre "Kompromisslosigkeit" habe den Umgang mit ihr "nicht immer einfach gemacht", erinnert sich Dr. Schöntag und betont: "Obwohl sich Dr. Rackow bis zu ihrem Tod nie etwas hat zuschulden kommen lassen, wurde sie - nicht zuletzt wegen ihrer korrekten, unbestechlichen Art - die letzten Jahre von außen zunehmend und ganz gezielt angefeindet, bedroht und verleumdet". Unter diesen Umständen habe sie "für sich keine Zukunft mehr" gesehen "und ihrem Leben selbst ein Ende" gesetzt.

Der Tod von Anya Rackow "wirft viele Fragen auf, welche die Anforderungen an die Amtstierärztinnen und Amtstierärzte in ihrer täglichen Arbeit betreffen und unbedingt beantwortet werden müssen", fordert Dr. Schöntag am Ende seines Nachrufs.

Tod hat die Augen geöffnet

Dr. Thomas Pfisterer, Vizepräsident der Landestierärztekammer Baden-Württemberg, sagte auf Anfrage unserer Zeitung, dass der Tod Dr. Rackows "die Augen geöffnet" habe. Das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium werde Amtstierärzten professionelle Hilfe anbieten, wenn sie aufgrund des Spannungsfeldes von Tierschutz und anders gelagerten Tierhalterinteressen in eine Notlage geraten. Hier kämen oftmals auch Aggressionen und persönliche Anfeindungen ins Spiel, die Amtstierärzten zu schaffen machten. Verschärft würde das Problem auch dadurch, dass das Land nicht für genügend Amtstierärzte sorge. Hier bestehe ein "deutlicher Mangel", stellt Pfisterer fest.

Zum Tod von Anya Rackow äußert sich das Landratsamt, zu dem das Veterinäramt gehört, nicht. Es macht aber deutlich, in welchem Spannungsfeld Tierärzte im Main-Tauber-Kreis stehen.

Das Veterinäramt zwischen Tierschutz und hart umkämpftem Markt

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