Abgerissen Der Scheuer ist Geschichte

RICHARD FÄRBER 31.08.2012
In der vergangenen Woche wurde der Scheuer in Fichtenberg abgerissen. Mit ihr verschwindet ein Stück Kulturgeschichte aus dem Dorfbild. Zuletzt hatte man sich quasi republikweit einen Namen gemacht.

Es ist ziemlich viel Geschichte, was da nach einigen Baggerbissen zum Vorschein kommt. Auf einer Tür, die auf einem Schutthaufen liegt, klebt die Ankündigung eines Bob-Dylan-Abends (freilich ohne Bob Dylan), eine der letzten Wände, die noch stehen, ist mit Konzertplakaten tapeziert und von den nackten Deckenbalken, die bereits den Blick auf den Dachboden freigeben, baumeln ein paar Nylons. Zu dem Bob-Dylan-Abend, erinnert sich Michael Kunig, seien sogar Fans aus Bremen gekommen. Mit dem Flieger.

Gegen Billigimporte keine Chance

Es könne auch gut sein, meint Kunig, dass die Strümpfe - keine Strumpfhosen - , die von den Deckenbalken baumeln, noch aus der Zeit stammen, als die Scheuer in Fichtenberg, die nun dem Bagger zum Opfer fiel, noch eine Strumpffabrik war. Sein Vater Alex hatte diese Fabrik 1954 gebaut. Die deutsche Ostpolitik hat das Geschäft dann abgewürgt. Gegen die Billigimporte aus der DDR habe man keine Chance mehr gehabt, meint Kunig. Sein Vater schwenkte radikal um: Die Fabrik wurde Ende der Sechzigerjahre zum "Aquarium", besser bekannt als "Aqua", eine der ersten Diskotheken auf dem Land.

Viel Konkurrenz gabs nicht damals. Im benachbarten Murrhardt weste ein schlecht beleumundetes "Orion", in Crailsheim dürfte etwa zeitgleich das "New Yorker" eröffnet worden sein, derweil sich die Haller Jugend im selbst verwalteten Club alpha 60 zum Schwofen versammelte, einem der ersten soziokulturellen Zentren Deutschlands.

Deutsche Schlager spielten keine Rolle damals, erinnert sich Manfred Dieterich. Drei bis vier Jahre lang hat er an den Wochenenden im "Aqua" aufgelegt, sein Lehrlingsgehalt dabei mehr als verdoppelt und sich außerdem seinen Spitznamen verdient: Aus Didi wurde "Dixie" und möglicherweise hing auch das mit Bob Dylan zusammen, mit "The Band" und "The night, they drove old Dixie down."

"Aqua" war über die Kreisgrenzen bekannt

Die Woodstock-Dreier-LP gehörte zum Standardrepertoire des Discjockeys, die Stones natürlich und die Beatles. Wöchentlich wurden die neuesten Schallplatten eingekauft. Sonntags gabs eine Hitparade, bei der man eine Flasche Whiskey gewinnen konnte, mutmaßlich Jim Beam, den die G.I.s von der Gmünder Kaserne im "Aqua" verhökerten. Doch, erinnert sich Dieterich, der Ruf des "Aqua" reichte weit, bis ins Hällische und ins Hohenlohische hinein.

Später war das "Aqua" dann verpachtet, die wechselnden Betreiber versuchten sich als "Arena" oder auch als Oldie-Club zu behaupten. 1998 übernahm die Familie wieder, baute um und startete die zweite große Phase des einstigen "Aqua". Als Live-Club "Scheuer" wurde Fichtenberg vor allem für die Country-Szene zu einer vorzüglichen Adresse. Bei Konzertabenden in der "Scheuer" konnte man auf dem Parkplatz Autonummern aus ganz Deutschland entdecken. Michael Kunig erinnert sich heute noch voller Begeisterung an die Konzerte beispielsweise der "Cripple Creek Band" - "Genial!". Da die Country-Musik alleine den Betrieb nicht trug, öffnete man sich freilich bald auch anderen Genres, ließ Blues- und Rockbands wie die "But Stones" auf die Bühne. Der Schwabenrocker Wolle Kriwanek absolvierte in der "Scheuer" einen seiner letzten Auftritte. Getragen habe sich der Laden, rentiert nicht, resümiert Kunig: Die Einnahmen der lukrativen Herbst- und Wintersaison wurden vom Sommerloch verschluckt.

Sanierungskosten zu hoch

2007 war Schluss. Unser Zeitungsarchiv vermeldet ein letztes Konzert in der "Scheuer" am 2. Dezember 2006, "American Christmas" mit dem Gitarrenduo Higgins & Sina. Ein Jahr später gehörte das Gebäude der Gemeinde, die sich weidlich um ein Nutzungskonzept mühte. Die Diskussion, die bisweilen recht intensiv verlief und zuletzt eine Beteiligung der Fichtenberger über das LEADER-Projekt "Lebensqualität durch Nähe" und einen noch zu gründenden Verein vorsah, zeitigte freilich keine Ergebnisse - über konzeptionelle Überlegungen kam man nicht hinaus. Nicht zuletzt angesichts exorbitanter Sanierungskosten entschied der Gemeinderat schließlich die "Scheuer" zu verkaufen. Das letzte Konzert gibt nun der Abrissbagger: Wo einst Fichtenberger Kulturgeschichte geschrieben wurde, wird in Zukunft gewohnt.