Crailsheim Der lange Weg auf die Kanzel

Das HT berichtete über Crailsheims Pfarrerin.
Das HT berichtete über Crailsheims Pfarrerin. © Foto: Birgit Trinkle
Crailsheim / Birgit Trinkle 09.11.2018
Die Landeskirche stellt eine Ludwigsburgerin als erste Pfarrerin Württembergs vor. Die Crailsheimerin Liselotte Erika Schaser wurde freilich deutlich früher ernannt.

Vor fast 50 Jahren, am 15. November 1968, war es beschlossene Sache: In der evangelischen Kirche Württemberg sollte es fortan auch Pfarrerinnen geben; die Badenerinnen warteten drei Jahre länger auf diesen Tag. Bis zur Umsetzung dauerte es freilich auch hierzulande: „1970 wurde Heide Kast als erste Pfarrerin in Baden-Württemberg in der Auferstehungsgemeinde in Ludwigsburg in ihr Amt eingesetzt“, ließ die Landeskirche in dieser Woche verbreiten.

Als aber das HT zu den Pionierinnen im Crailsheimer Raum recherchierte, stieß die Redaktion auf Liselotte Erika Schaser, die bereits am 23. Oktober 1969 mit Wirkung vom 1. November von Landesbischof Claß zur württembergischen Pfarrerin ernannt wurde und in der Johanneskirche und in der Liebfrauenkapelle predigte. Auf entsprechende Hinweise aus Hohenlohe zeigte sich Marcus Mockler vom Evangelischen Pressedienst erstaunt. Das Landeskirchliche Archiv räumt Unstimmigkeiten ein. Es gebe außerdem das Schreiben einer Frau, die angebe, sie sei als Klinikseelsorgerin bereits im Sommer 1969 ordiniert worden. Fakt ist: 1969 hatte Crailsheim eine Pfarrerin. Wer nun wirklich die allererste war, ist weit weniger wichtig als das endlich neu geschaffene Amt der Pfarrerin.

Der Blick zurück

Kopfschütteln, irgendwo zwischen Unglauben, Verärgerung und Traurigkeit: Wer sich in die Geschichte der Frau in der evangelischen Kirche einliest, stößt auf Hanebüchenes. Ab 1927 konnten Frauen Religion unterrichten, sich aber trotz eines abgeschlossenen Universitätsstudiums lediglich „Höher geprüfte kirchliche Religionshilfslehrerin“ nennen. Ab 1937 durften Theologinnen als Pfarrgehilfinnen arbeiten. Nach dem Krieg, in dem Frauen, der Not geschuldet, viele Aufgaben übernommen hatten, die allen den Pfarrern zustanden, wurden sie 1948 mit der Feststellung zurückgedrängt, durch den „schöpfungsmäßigen Unterschied zwischen Mann und Frau“ seien Leitungsaufgaben allein Männern vorbehalten.

Relativiert wird das Staunen über unverhohlene Frauenfeindlichkeit nur durch den Blick auf andere Religionen und Konfessionen, die noch im 21. Jahrhundert nicht so weit sind wie die evangelische Landeskirche vor 50 Jahren. 1968 wurde in der Württembergischen Landeskirche die Frauenordination eingeführt. Im Kirchenbezirk Crailsheim war auch Barbara Kniest, die in Wittau lebt, eine Pionierin. Dekanin Wagner nennt außerdem Pfarrerin Helma Lietz in Goldbach, Pfarrerin Magdalena Tepelmann in Jagstheim und Pfarrerin Dr. Marion Schwarze in Bächlingen, mittlerweile im Ruhestand in Kreßberg.

Als diese Frauen ihr Amt antraten, hätten sie sich sicher nicht träumen lassen, dass es 2018 im Kirchenbezirk Crailsheim neben 13 Pfarrern immerhin zehn Pfarrerinnen geben würde. Das ist deutlich höher als der Landesdurchschnitt: In Württemberg kommen derzeit auf 1314 Pfarrer nur 725 Pfarrerinnen.

In den vergangenen 50 Jahren wurde ein weiter Weg zurückgelegt: Bis zum Jahr 1977 gab es die sogenannte „Zölibatsklausel“: Heiratete eine Pfarrerin, wurde sie aus dem Dienst entlassen. Und erst volle zehn Jahre später gab es die volle rechtliche Gleichstellung der Frauen.

Erinnerung an die Pionierin

„Das HOHENLOHER TAGBLATT gratuliert Frau Pfarrerin Erika Schaser zu ihrer Ernennung“, stand am 8. November 1969 im Hohenloher Tagblatt. Der letzte Satz einer denkwürdigen Meldung. Zum ersten Mal hatte Crailsheim eine verbeamtete Pfarrerin.

Bis zur feierlichen Ernennung Liselotte Erika Schasers  hatte sie einen Weg zurückgelegt, der noch etwas steiniger war als der ihrer Kolleginnen jener Zeit. Kunsthistorikerin Anja Lechner hat diese Lebensgeschichte erarbeitet.

Geboren wurde „Lilo“ Schaser 1929 in Siebenbürgen, das lange schon rumänisches Staatsgebiet ist. Ihr Vater war Pfarrer bei Hermannstadt, und unter anderem dort studierte die junge Lehrerin evangelische Theologie, bestand die Pfarramtsprüfung und wurde gemeinsam mit einer Kommilitonin die erste Volltheologin Rumäniens. Dann verhängte das Kultusministerium in Bukarest ein Berufsverbot für die zwei Frauen; fortan gab es keine Studentinnen der evangelischen Theologie mehr. Liselotte Erika Schaser, um ihre Zukunft gebracht, absolvierte eine Kantorenschule und arbeitete als Privatlehrerin, bis sie 1962 im Rahmen der Familienzusammenführung mit ihren Eltern nach Bayern zog. In Bayern wurden ihre Studien und Examina nicht anerkannt, also arbeitete sie als Katechetin.

Neubeginn in Württemberg

1966 wechselte sie zur Württembergischen Landeskirche und wurde als Pfarrvikarin schließlich nach Crailsheim versetzt. Erst nach einer weiteren Prüfung vor dem Oberkirchenrat in Stuttgart konnte sie endlich Pfarrerin werden. Sieben Jahre war sie noch in Crailsheim. 1989 wurde sie pensioniert und zog nach dem Tod ihrer Eltern wieder nach Bayern, wo sie einen Tag vor Weihnachten, am 23. Dezember 2015, mit 86 Jahren in Fürth gestorben ist.

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