Menschen Der Kampf mit meinem Körper

Crailsheim / Ralf Mangold 13.10.2018

Mit seiner Show begeistert Sebastian Stamm die Bühnen Deutschlands. „Zur Zeit trete ich in Stuttgart im Friedrichsbau-Varieté auf“, so der Crailsheimer, der seinen Wohnsitz nun in Berlin hat. Inzwischen tritt er nicht nur am chinesischen Mast auf, sondern hat sein Spektrum um eine Strapaten-Show erweitert. Allerdings kam es dazu nicht ganz freiwillig.

„Es war am 21. März 2017“, kann sich Stamm noch genau an das Datum erinnern, an dem sich sein Leben grundlegend verändert hat. Bei der Generalprobe zu einem Auftritt in Kassel hat er sich die Achillessehne gerissen. „Das war ein riesiger Schock. Der Arzt hat mir gesagt, dass ich wohl mindestens ein Jahr ausfallen würde.“ Und so war urplötzlich nichts mehr wie vorher. „Ich habe alles in meinen Beruf gesteckt und dann wird einem alles abrupt genommen. Der Bühnenrausch ist vorbei, vom Applaus in die Stille“, beschreibt der 32-Jährige seine damalige Gefühlswelt.

Stamm hatte sich eigentlich viel vorgenommen für die nächsten Monate, „nun musste ich nach der Operation erst einmal wieder richtig laufen lernen. Als ich wieder zurück in Berlin war, habe mich nur in meinem Zimmer verkrochen und mich immer wieder gefragt, wie geht es weiter?“ Finanziell war er zwar durch eine Unfallversicherung abgesichert, doch seine Psyche war mehr als angekratzt. Er drohte, in ein tiefes Loch zu fallen. „Mir fehlte nicht nur die Bühne, sondern mein ganzes soziales Umfeld mit der Artistenschule war auf einmal weg. Doch das ganze Gedankenkarussell brachte mich nicht weiter.“

Gefallen an neuen Hobbys

So hat er sich entschieden, die Situation anzunehmen und versucht, so schnell wie möglich wieder auf die Bühne zu kommen. Anfangs konnte er jedoch nicht viel machen. „Ich musste kreativ werden, etwas zu machen, ohne dass der Körper funktioniert.“ Fotografie und Bildbearbeitung wollte er schon früher in Angriff nehmen, doch er hatte ja nur wenig Freizeit neben dem Training und den Auftritten. Schnell fand er Gefallen an seinem neuen Hobby. „Außerdem habe ich mir Didgeridoo und Klarinette spielen selbst beigebracht.“ Und dann hat Stamm auch noch Wollmützen gehäkelt.

Später ging es in die Reha, fünf Stunden vollgepackt mit Übungen waren täglich angesagt, und bald kam ihm die Idee mit dem Training an den Strapaten. Das sind in der Luftakrobatik verwendete Bänder, die an der Decke befestigt werden. Schnell hat er eine eigene Nummer kreiert, mit der er auf die Bühne kann. „Meine Motivation war, bis zu den Shows in Leipzig wieder fit zu werden.“ Dort hatte er einen Vertrag unterschrieben für eine Freestyle-Street-Art-Show. „Das war genau mein Ding, da wollte ich unbedingt dabei sein.“ Nach rund zehn Monaten stand Stamm wieder auf der Bühne bei einem letzten Test, und er hat es dann tatsächlich mit unbändigem Willen bis zum Saisonstart im Februar geschafft. In Leipzig konnte er dann sogar mit zwei Shows das Publikum begeistern, denn inzwischen konnte Stamm ja auch mit den Strapaten glänzen.

„Der erste Auftritt nach meinem Unfall war mehr als Nervosität. Das waren keine Versagens­ängste, sondern ich war mir einfach nicht mehr sicher, ob sich in den vergangenen zehn Monaten nicht etwas in mir verändert hat und ich den Auftritt gar nicht mehr genießen kann.“

Als die Zweifel nach einem gelungenen Auftritt beseitigt waren, kam alles aus ihm heraus: „Ich musste mich erst einmal richtig ausheulen. Aber nicht nur aus Erleichterung, sondern weil ich einfach das erlösende Gefühl hatte, ich bin wieder zurück.“ Zehn Monate Arbeit hatten in diesem allerersten Auftritt gesteckt.

„Ich hatte zuvor das Angebot, als Trainer zu arbeiten – und das will ich später vielleicht auch mal machen. Aber es war während meiner Verletzungszeit einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt dafür.“ Zukunftsangst sei nicht der richtige Motor für solch eine Entscheidung. „Ich hatte drei Jahre vorher alles aufgegeben, um meinen Traum zu erfüllen und bin immer noch viel zu süchtig nach der Bühne.“

2011 war Stamm Halbfinalist beim „Supertalent“. „Das war zwar ein gutes Sprungbrett für mich, aber diese Pseudoreferenz hat im Varieté keinerlei Bedeutung.“ Stamm definiert sich als Künstler mit dem Körper. „Ich will meine Emotionen ins Publikum transportieren.“ Wichtig sei ihm – anders als beim Kunstturnen – auf die begleitende Musik einzugehen und sie entsprechend seiner Show zu interpretieren. So will er jedes Mal aufs Neue eine Verbindung zwischen Darsteller und Zuschauer schaffen.

Seine Show am chinesischen Mast hat sich in den letzten drei Jahren eigentlich kaum verändert, „doch der Act wächst mit jedem Auftritt, und immer wieder verbessere ich noch Feinheiten.“ Anders sein Auftritt an den Strapaten, „da bin ich auch schon mal in Lederhosen unterwegs. Dieser Act hat eine ganz andere Emotion, fröhlicher und auch selbstironisch.“

Noch bis Mitte November tritt Stamm in Stuttgart auf. Seine Engagements dauern in der Regel zwei bis drei Monate, einmal wäre er mit seiner Show sogar beinahe auf einem Kreuzfahrtschiff gelandet. „Es ist schön, mal wieder in der Nähe meiner Heimatstadt zu sein. Da kann ich öfters bei meiner Familie vorbeischauen.“ Viele soziale Kontakte hat Stamm nicht mehr in Crailsheim, „ich freue mich aber immer, wenn ich Bekannte treffe.“ Während eines Engagements lebt er meist in einer WG zusammen mit anderen Künstlern, ansonsten hat er eine Wohnung in Berlin. „Für mich ist es reizvoll, immer wieder neue Leute kennenzulernen. Ich lebe sehr situativ und kann mich schnell anderen Menschen öffnen.“

Sein nächstes Engagement steht mit Bochum auch schon fest. Da will er dann sein Gelerntes an der Klarinette in seine Bühnenshow mit einbauen und sogar singen. Die Show läuft bis März, danach ist ein längerer Tauchurlaub angesagt. „Ich liebe meine Unabhängigkeit und das Bühnenleben, aber ich will auch, dass es so bleibt.“ Deshalb will er sich in Zukunft öfter eine Auszeit gönnen. Was danach komme, wisse er noch nicht. „Ein Engagement im Ausland wäre sicherlich auch mal reizvoll.“ Vorstellen könnte er sich auch, ein gemeinsames Showprojekt zusammen mit Künstlerkollegen selbst zu entwickeln. Und dann reizt es Stamm schon ganz lange, auch mal beim Crailsheimer Kulturwochenende aufzutreten.

Internationales Künstler-Ensemble

Noch bis zum 10. November ist die Varieté-Show unter dem Motto
„Servus, Grüezi und Hallo“ immer von
Mittwoch bis Samstag um 20 Uhr und sonntags um 18 Uhr zu sehen.

Das Friedrichsbau-Varieté ist in der Siemensstraße 15 in Stuttgart zu finden. Nähere Informationen gibt es unter www.friedrichsbau.de. rama

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