Das Gerüst in der Gottesackerkapelle ist abgebaut. Damit geht die Sanierung des Inneren der alten Crailsheimer Friedhofskirche dem Ende entgegen. Die Arbeiten an der Decke sind abgeschlossen. Nun bestimmt wieder der blau-weiße Wolkenhimmel den Raumeindruck. Vom Gerüst aus war es möglich, die zwischen den Wolken versteckten acht kleinen Engelsköpfchen ganz aus der Nähe zu betrachten. Davon haben bei der Nacht der Langen Türme im vergangenen Herbst Hunderte Crailsheimer Gebrauch gemacht. Diplom-Restauratorin Karin Krüger war überwältigt vom Interesse: „Die Besucher waren erstaunt, wie fein die Köpfchen gemalt sind.“ Oft habe sie den Satz gehört: „Mensch, die sieht man von unten ja gar nicht.“

Die Restauratorin hat die Malerei gemeinsam mit ihrem Kollegen Jürgen Holstein aus Rothenburg gefestigt und gereinigt. Zu Beginn war die Decke in extrem schlechtem Zustand, Teile blätterten ab und hingen schon in den Spinnweben. Zunächst kartierte Krüger die Schäden, dann wurden die groben Spinnweben entfernt. Bevor jedoch weiter mit Pinsel und Sauger gereinigt werden konnte, musste die Malerei mit Methylzellulose gefestigt werden. Fehlende Stellen wurden nach der Reinigung retuschiert.

Neben der Bewahrung der Malerei hatte Karin Krüger noch ein weiteres Ziel: „Durch technologische Untersuchungen wollte ich herausfinden, ob es eine Malerei darunter gibt oder nicht.“ Bei der letzten Restaurierung wurde an der Decke ein aufgemaltes geometrisches Muster als erste Bemalung rekonstruiert. Damit wäre die Wolkenmalerei nicht bereits beim Bau der Gottesackerkapelle 1580 aufgebracht worden, womit plausibel würde, dass der in Crailsheim belegte Maler Christian Thalwitzer, der im Weikersheimer Schloss tätig war, auch die Bemalung der Decke der Gottesackerkapelle geschaffen hat. Eine chronikalische Nachricht, dass Thalwitzer den Innenraum 1697 restauriert hat, diente bislang als Beleg.

Karin Krüger betont indes: „Ich habe keine Spuren einer ehemaligen Bemalung an der Decke gefunden.“ Auch mit modernen Methoden, wie unter Infrarot, ließen sich keine Vorzeichnungen feststellen. Auch wenn die mehrere Hundert Jahre alte Malerei immer wieder ausgebessert wurde, ist die erste Malschicht noch sehr gut zu erkennen: „Dort, wo das Blau sehr grobkörnig ist, handelt es sich um die originale Farbe.“ Die mikroskopische Untersuchung bestätigte Krügers Vermutung, dass es sich um den Malstoff Smalte handelt, der als Alternative zu teurerem Blau verwendet wurde. „Smalte ist ein grobkörniges Glas, wenn es zu fein gemahlen wird, verliert es die blaue Farbbrillanz“, erklärt Krüger.

Damit wäre zwar möglich, dass die Bemalung erst Ende des 17. Jahrhunderts aufgebracht wurde – doch dagegen sprechen die Schriftquellen. Im Stadtarchiv hat sich das Rechnungsbuch zum Bau der Kapelle erhalten. Hier werden am Ende der Bauzeit dem Gipser für Arbeiten „oben an der Tafel“ Materialien wie Leim, Kienruß, Farbe und „Schmales Plo“ bezahlt. Letzteres könnte als „billiges Blau“ eine Verballhornung von Smalte-Blau sein. Damit ist die Bemalung der Decke mit Wolken bereits zur Bauzeit sehr wahrscheinlich.

Für Karin Krüger ist der Wolkenhimmel der Gottesackerkapelle etwas Besonderes: „Ich finde es bewegend, dass eine Friedhofskapelle eine ‚offene Decke‘ hat. Bei einer Beerdigung blickten die Trauernden in diesen Himmel.“ Auch die unterschiedlich gestalteten, fein ausgearbeiteten Engelsköpfe faszinieren sie: „Die Vorstellung ist doch schön, dass aus den Wolken jemand runterschaut.“ Die Arbeit von Karin Krüger in Crailsheim ist noch nicht beendet: Im Moment wird das historische Inventar aus Holz – das Chorgestühl, die Kanzel und die Portaltüren – restauriert. Hier arbeitet Krüger mit Roland Wunderlich aus Bad Mergentheim zusammen. Der restauriert im Übrigen auch die Wandmalereien.

Gottesackerkapelle bislang größter Auftrag


Karin Krüger hat von 2002 bis 2006 an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart „Restaurierung und Technologie von Gemälden und gefassten Skulpturen“ studiert und mit einer Diplomarbeit zur Leimherstellung aus Fischschwimmblasen abgeschlossen. Das Vorpraktikum hatte sie beim Rothenburger Restaurator Jürgen Holstein und bei der Kunsthalle Karlsruhe absolviert. Seit 2010 ist sie selbstständige Restauratorin mit einer Werkstatt in ihrer Heimatstadt Aalen. Unter anderem arbeitete Karin Krüger an der Ausstattung der Unterkochener Wallfahrtskirche und der Georgskirche in Dinkelsbühl. Die Decke der Gottesackerkapelle ist mit 210 Quadratmetern Fläche ihr bislang größter Auftrag. hst