Dinkelsbühl Der Fall der Gesellschaftsschranke

Bernd Berleb (rechts) gibt Bertie, den Herzog von York und späteren König George VI., Andreas Peteratzinger verkörpert den australischen Sprachspezialisten Lionel Logue.
Bernd Berleb (rechts) gibt Bertie, den Herzog von York und späteren König George VI., Andreas Peteratzinger verkörpert den australischen Sprachspezialisten Lionel Logue. © Foto: Ralf Snurawa
Dinkelsbühl / Ralf Snurawa 08.06.2018
„The King’s Speech – die Rede des Königs“ ist der Titel des Abendstücks bei den Sommerfestspielen des Landestheaters Dinkelsbühl auf der Freilichtbühne am Wehrgang, das jetzt Premiere hatte.

Der 1937 in London geborene Autor David Seidler begann zu stottern, als er mit seinen Eltern auf der Flucht vor den deutschen Bomberangriffen den Atlantik nach New York überquerte. Seine Eltern versuchten, ihren Sohn durch die damaligen Radioansprachen des englischen Königs George VI. wieder aufzubauen, hatte der König früher doch selbst stark gestottert. Mittels einer Sprachtherapie und mithilfe von Flüchen bekam Seidler sein Stottern in den Griff.

Zu Beginn der 1980er-Jahre erinnerte sich Drehbuchautor Seidler an den adligen Stotterer und nahm Kontakt zum Sohn von dessen bereits verstorbenen australischen Sprachtherapeuten Lionel Logue auf. Dessen Notizbücher wollte der Sohn aber nur mit Zustimmung der Königinmutter, der Witwe von George VI., zur Verfügung stellen. Diese bat Seidler darum, das Theaterstück „The King‘s Speech“ erst nach ihrem Tod zu veröffentlichen.

Dadurch blieb es 20 Jahre ungespielt und wurde zuerst als Film erfolgreich präsentiert. Seidler erhielt den Oscar für das beste Originaldrehbuch. Erst ein Jahr später wurde das Theaterstück uraufgeführt. Dass dieser Fassung kein großer Erfolg beschieden war, lag an der Dominanz des Films, mit dem das Theaterstück verglichen wird. Dabei bietet es einige Vorzüge, wenn man es als Kammerspiel inszeniert.

Ein wenig ging nun auch Peter Cahn vom Landestheater Dinkelsbühl in diese Richtung. Höhepunkte seiner Inszenierung waren mit Sicherheit die Dialoge zwischen dem Sprachtherapeuten und seinem königlichen Patienten. Die sieben Szenen ihres Aufeinandertreffens ließen Andreas Peteratzinger als Lionel Logue und Bernd Berleb als Albert „Bertie“ alias König George VI. zu im Verlauf des Abends an Spannung zunehmenden Dialogen werden. Dabei zeichneten sie schön das Verhältnis der beiden Männer von der therapeutischen Verabredung hin zu Freundschaft nach.

Schlagfertigkeit ausgespielt

In der ersten längeren Szene nach einem skizzenhaften, kurzen Eingangsszenenstakkato mutete dies – Premierenumstände – noch etwas als spannungsarmes Wortwechselspiel an. Aber mit zunehmender Länge des Dialogs wusste Peteratzinger Lionels Schlagfertigkeit gekonnt auszuspielen. In der zweiten Szene verstanden es beide Darsteller, besser aufeinander einzugehen, was auch dem Text geschuldet ist, der hier stärker den familiären Kontext des Prinzen einbezieht.

Bereits in der dritten Szene, zusammen mit Marietta Holl als vornehm zurückhaltende Elizabeth, Herzogin von York, kosteten beide Hauptdarsteller bei der Premiere am Dienstagabend ihre Dialoge hinsichtlich Sprachwitz aus, noch gesteigert in der vierten Szene, in der es um Schimpfwörter geht – da hatte sich Seidler wohl selbst eingebracht.

Doch in dieser Szene spielen beide Darsteller auch den ersten Bruch in der Freundschaft des Bürgerlichen und des Adeligen aus, werden die Grenzen einer Freundschaft über gesellschaftliche Schranken in dieser Zeit aufgezeigt. Die Dinkelsbühler Inszenierung unterstreicht die damaligen gesellschaftlichen Unterschiede auch im Bühnenbild: mit einem Oben des Regierungs- und Königsbereiches und einem Unten: Logues Therapieraum und Esszimmer.

Mehr und mehr werden diese dann im weiteren Verlauf wieder aufgehoben, bis Lionel am Ende im Buckingham Palace ein „Gut gemacht, mein Freund“ von Bertie zu hören bekommt. Dazu führt das Zusammenspiel von im Vergleich zu Lionel und Bertie recht blass und charakterlich einseitig interpretierten Figuren.

Das sind Maximilian Westphal als zu sehr das 21. Jahrhundert auslebender, egozentrischer und auf die Königskrone verzichtender Bruder Berties, Monika Reithofer als exotische 20er-Jahre-Frau Wallis Simpson, Andreas Gräbe als hochnäsiger Erzbischof von Canterbury und Jens Rainer Kalkmann als leicht polternder König George V. und allzu staatsmännisch diskreter Premierminister Stanley Baldwin.

Menschlicher Winston Churchill

Lediglich Knut Fleischmanns Winston Churchill, mal als Schatzkanzler, mal als Premierminister, erscheint weit menschlicher und vor allem Monika Reithofers Myrtle Longue. Und da zeigt sich auch der Unterschied zum Film besonders stark.

Denn die Szenen zwischen Lionel und Myrtle wurden in Peteratzingers und Reithofers Zusammenspiel zum mindestens zweitwichtigsten Moment: In ihrem Schwanken zwischen Bleiben in London oder zurück nach Australien erschienen sie ausdrucksstark und voller Gefühl – und als gelungene Kammerspielmomente. Besonders dafür hatte diese Inszenierung den lang anhaltenden Beifall am Ende verdient.

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