Die 1579/80 errichtete Gottesackerkapelle bot wohlhabenden Crailsheimer Bürgerfamilien einen Raum für eine würdige Bestattung. Die bei der Errichtung der Kapelle maßgeblichen Personen ließen sich im Chor bestatten, ihr Grab wurde mit einer längsrechteckigen Grabplatte bedeckt. In manchen Fällen gaben hochstehende Bürger auch eine zweite Gedenktafel, ein sogenanntes Epitaph, für sich oder ihre Familie in Auftrag. Auch der als Bürgermeister amtierende Conrad Flößer, von Beruf Kalkmüller, stiftete beides. Seine Grabplatte steht seit der Renovierung der Kapelle 1988 an der Südwand, das Epitaph mit einer Weltgerichtsdarstellung befindet sich seit 1924 an der Nordwand.

Steinmetz war aus Rot am See

In den Sandstein der Grabplatte ist in schönliniger Schrift das Sterbedatum Flößers – der 9. Juni 1613 – und darunter ein Bibelspruch eingeschlagen, der die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod bekräftigt: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und er wird mich hernach aus der Erden auferwecken“, nach Hiob 19,25. Aufgrund der Form der Schrift weist Harald Drös von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, der die Inschriften des Altkreises Crailsheim bearbeitet hat, den Grabstein dem aus Rot am See stammenden Steinmetz Hans Weber zu. In der unteren Hälfte ist das aufwendige Familienwappen Flößers dargestellt.

Hält die Grabplatte nur die nötigsten Informationen zur Identifikation des Verstorbenen bereit, ist das Epitaph aufwendiger gestaltet. Das Grabdenkmal der Familie ist eine annähernd quadratische Platte, zwei Pilaster an den Seiten „tragen“ einen segmentbogenförmigen Aufsatz. Durch die mit Rankenornament verzierten Pilaster entsteht ein gerahmtes Bildfeld. Oben wird eine Weltgerichtsdarstellung gezeigt: Auf einem Regenbogen thront Christus, die Arme weit ausgebreitet, in Verlängerung sind die dreiblütige Lilie und das Schwert des Gerichts gezeigt. Der Mantel ist um Schultern und Beine Christi gelegt und betont so seinen nackten Oberkörper. Zu seinen Seiten sind zwei Engelchen mit Flügeln zu sehen, die mit vollen Backen in eine Posaune blasen. Die himmlische Sphäre ist von der irdischen durch ein Band aus schneckenförmig gerollten Wolken begrenzt. Darunter öffnen sich Gräber, Männer steigen mit erhobenen Armen daraus empor. Doch während die Glückseligen vom Erzengel Michael zum Himmelstor geleitet werden, schiebt der Teufel die Verdammten in den weit aufgesperrten Höllenrachen. Mit diesen Darstellungen wird in traditioneller Weise die Wiederkehr Christi zum Jüngsten Gericht gezeigt, wie sie in der Offenbarung des Johannes geschildert wird.

Im Feld darunter kniet die Familie Flößer mit zahlreichen Mitgliedern, betend zu Christus. Auf der linken Seite ist es Conrad Flößer mit seinen Söhnen, auf der rechten seine beiden Frauen mit den Töchtern. Flößers erste Frau war Margaretha Baumann aus der Crailsheimer Bierbrauerfamilie, seine zweite war Susanna Windeisen aus Schwäbisch Gmünd. Die zum Zeitpunkt der Stiftung der Tafel bereits verstorbenen Familienmitglieder sind mit einem kleinen Kreuz gekennzeichnet. Manche Kinder sind erst nachträglich auf das Epitaph gemalt, sodass eine Entstehung der Tafel während der zweiten Ehe Flößers wahrscheinlich ist. Die Inschriften geben weitere Hinweise, Harald Drös hat sie trotz ihres schlechten Zustands entziffert. Demnach starb Flößers erste Frau schon 1580, die zweite Frau verschied 1612, ein Jahr vor Flößer, der an der Pest starb.

Conrad Flößer denkt bei der Stiftung auch an seine Eltern: Im oberen Bogenfeld befindet sich die Darstellung einer Kreuzigung, daneben knien links zwei Männer und rechts zwei Frauen. Die Inschrift verweist auf den Vater Flößers, den Dinkelsbühler Bürger Adam Flößer, der 1578 gestorben ist. Auch die 1573 verstorbene Mutter, Anna Hegin, ist genannt.

Stolz aufs Bürgermeisteramt

An Epitaph und Grabstein Flößers können diverse Dinge abgelesen werden: Flößer ist stolz auf sein Bürgermeisteramt, denn auf dem Grabstein nennt er dies und nicht seinen Beruf als Besitzer der Kalkmühle. Anhand der dargestellten Personen sieht man: Flößer behält seine Eltern in ehrendem Andenken. Er hat eine große Familie, aber viele seiner Kinder sterben im Kindesalter. Die Hoffnung auf das ewige Leben drückt sich auf zwei Gedenksteinen aus. Auf dem Epitaph lässt Flößer sich und seine Familie in ganz traditioneller Art als Stifter in ewiger Anbetung darstellen. Bestimmte mittelalterliche Bildmotive, die den Wunsch nach Nähe zu Gott ausdrücken, haben so Jahrzehnte nach der Einführung der Reformation Gültigkeit.