Michelbach Den sprechenden Ton getroffen

Magdalene Kautter und Dietrich Schüz (Violinen), Wolfgang Hermann-Kautter (Viola) und Jörg Baier (Violoncello) begeisterten mit ihrem Konzert in der ehemaligen Synagoge in Michelbach/Lücke die Zuhörer. Foto: Ralf Snurawa
Magdalene Kautter und Dietrich Schüz (Violinen), Wolfgang Hermann-Kautter (Viola) und Jörg Baier (Violoncello) begeisterten mit ihrem Konzert in der ehemaligen Synagoge in Michelbach/Lücke die Zuhörer. Foto: Ralf Snurawa
Michelbach / RALF SNURAWA 28.09.2012

Joseph Haydn schrieb 1799 seine beiden dem Prinzen Joseph Maximilian Lobkowitz gewidmeten Streichquartette op. 77. Eigentlich hatte der Widmungsträger eine Reihe von sechs Streichquartetten in Auftrag gegeben. Es wurden aber nur zwei, weil Ludwig van Beethoven mit der Veröffentlichung seines ersten Streichquartettzyklus" die Ausdrucksform revolutionierte.

Das Besondere der späten Streichquartette Haydns ist ihr sprechender Ton. Den findet man auch im zweiten Streichquartett in F-Dur. Beim Konzert des Hohenloher Streichquartetts in der ehemaligen Synagoge von Michelbach an der Lücke verstand es das Crailsheimer Ensemble hervorragend, genau dieses musikalische Sprechen mit Leben zu füllen.

Da konnten sich die Zuhörer sowohl an den gewitzten Figuren der Schlussgruppe im Eingangssatz freuen wie auch an Fragefiguren im Durchführungsteil. Tändelnd und herausfahrend wirkten einige Momente im schnellen, scherzoartigen Menuettsatz. Dem stellten die vier Musiker das Des-Dur-Trio durch seinen besonders warm getönten Gesang als enormen Kontrast gegenüber.

Der langsame Satz wirkte vor allem in seinem Beginn, nur von erster Violine und Violoncello gespielt, wunderbar phrasiert: schön gesanglich, ohne unnötiges Dauerlegato und gut geatmet. Kräftig und zupackend erklang der Finalsatz. Neben einem leicht geschärften Ton fiel natürlich das erzählerische Moment auf, das speziell im Schlussabschnitt mit seinen Generalpauseneffekten hervortrat.

Das Erzählerische bestimmt auch die Musik von Dmitri Schostakowitsch. So wunderte es nicht, dass sich trotz erhöhter Expressivität ein roter Faden von Haydn zu jenem russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts spinnen lässt. Die Geschichte, die Schostakowitsch in seinem siebten Streichquartett op. 108 erzählt, ist die von seiner Ehefrau. Als er das Werk 1960 schrieb und seiner Frau Nina Veruschka widmete, war jene bereits seit sechs Jahren tot.

Mit diesem Wissen lässt sich Schostakowitschs Musik durchaus als Totenklage interpretieren. Zugleich ist es auch ein musikalischer Aufschrei, der darüber hinaus gedeutet werden kann. Die drei ineinander übergehenden Sätze werden mit gedämpften Klängen eröffnet. Das Hohenloher Streichquartett gewann ihnen einen fahlen Ton ab.

Der langsame Mittelteil wirkte durch die schön herauszuhörende zweite Violine seltsam unruhig. Diese Nervosität findet ihre Bestätigung in den Ausbrüchen des letzten Satzes. Das Hohenloher Streichquartett spielte ihn äußerst scharf und aufgewühlt, aber mit einer exakt schneidenden Schärfe, sodass das beschließende "Allegretto" wie ein Totentanz nachklang.

Ein erzählerisches Moment bestimmt auch Felix Mendelssohns im Alter von gerade einmal 18 Jahren geschriebenes a-Moll-Streichquartett op. 13. Auch hier spielten Beethovensche Streichquartette eine wichtige Rolle - allerdings nicht seine ersten wie bei Haydn, sondern seine letzten.

Wie Beethoven in seinem Opus 135 stellte Mendelssohn an den Beginn des Quartetts eine Frage. "Ist es wahr?" stammte aus einem kurz zuvor vertonten Gedicht von Johann Gustav Droysen. Dieses Fragemotiv bestimmt alle musikalischen Motive des Streichquartetts. Magdalene Kautter und Dietrich Schüz (Violinen), Wolfgang Hermann-Kautter (Viola) und Jörg Baier (Violoncello) suchten in diesem Werk der Romantik den großen leidenschaftlichen Ton ebenso Ausdruck zu geben wie etwa feinen Klangschattierungen.

Dem ausdrucksstark kantabel gespielten Adagio-Satz ließen sie ein ständchenartiges Intermezzo folgen, das nur von schnellem Leggiero-Spiel und federnden Staccati unterbrochen wurde. Das wundervoll sprechende Violinsolo zu Beginn des Schlusssatzes endete nach dramatischen und fugierten Momenten in einen Abgesang mit innigen und warm getönten Schlusswendungen: Eine Geschichte, die dem begeisterten und emotional mitgerissenen Publikum Trost spendete.

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